Werbung

Amazon frisst seine Arbeiter

Ausländische Wanderarbeiter werden unter »unsäglichen« Bedingungen in Hessen ausgebeutet

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

In den vergangenen Tagen dominierten negative Meldungen über die Arbeitsbedingungen beim Internetversandhändler Amazon die Berichterstattung. Eine kleine positive Nachricht gab es am Freitag: Die rund 2500 Beschäftigten im Amazon-Logistikzentrum Graben bei Augsburg wählten erstmals einen Betriebsrat.

Was ausländische Wanderarbeiter, im Dienste des Online-Händlers Amazon in Deutschland angekommen, tatsächlich zu erwarten haben, ist oftmals eine böse Überraschung. Nicht Amazon legt ihnen einen Vertrag vor, sondern eine Leiharbeitsfirma. Dadurch bekommen die Arbeiter deutlich weniger Lohn als zum Zeitpunkt der Anwerbung im Ausland versprochen. Und nach Feierabend müssen sie stundenlang auf den überfüllten Bus warten, der sie über zig Kilometer Autobahn in ihre Massenunterkünfte bringen soll. Diese und andere Sauereien dokumentierte diese Woche der Hessische Rundfunk in seiner Reportage »Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon«.

Die Autoren Diana Löbl und Peter Onneken recherchierten, dass jedes Jahr zur Hochsaison vor Weihnachten das Internetkaufhaus Tausende Wanderarbeiter vor allem aus Spanien anwirbt. Diese arbeiten dann im Schichtbetrieb für das große Amazon-Logistikzentrum in Bad Hersfeld. Untergebracht werden die Arbeitsmigranten auf engstem Raum in Gemeinschaftsunterkünften des Seehotel in Kirchheim. Dort werden sie rund um die Uhr vom privaten Sicherheitsdienst Hensel European Security Services (HESS) überwacht, der seine Gorillas laut Film noch in der Neonaziszene rekrutieren soll.

Nach der Ausstrahlung ging ein Aufschrei der Empörung durch das Internet und die Politik. So gründeten sich auf Facebook bereits die ersten »Amazon-Boykott«-Gruppen. Als »unsäglich« bezeichnete der arbeitsmarktpolitische Sprecher der hessischen SPD-Landtagsfraktion, Wolfgang Decker, die Arbeitsbedingungen: »Wenn dies alles zutrifft, dann werden offenbar jegliche Arbeitnehmerrechte auf das gröbste missachtet und ohne Rücksicht die wirtschaftliche Notlage von Arbeitnehmern ausgenutzt«, so Decker in Wiesbaden.

Doch auch die in der Sendung kritisierten Firmen melden sich zu Wort: »Wir haben den Arbeitern ansehnliche Zimmer zur Verfügung gestellt«, widerspricht im Telefonat mit »nd« ein leitender Angestellter des Kirchheimer Seehotels der ARD-Darstellung. Der Wachdienst HESS distanzierte sich am Freitag auf seiner Internetseite von »jeglichem rechten Gedankengut« und weist »jegliche Vorwürfe seitens der aktuellen Berichterstattung zurück«.

Amazon war am Freitag noch damit beschäftigt, die Vorwürfe »zu prüfen«. Der Internetriese kontrolliert mit einem Umsatz von 6,5 Milliarden Euro ein Viertel des deutschen Onlinehandels. Mitarbeiter verdienen dort einem Unternehmenssprecher zufolge einen Bruttostundenlohn von 9,30 Euro.

Heiner Reimann von der Gewerkschaft ver.di erklärte am Freitag, Amazon werbe Zeitarbeiter im Ausland an, da in der Umgebung der Logistikzentren viele Arbeitskräfte bereits schlechte Erfahrungen gemacht hätten und nicht mehr dort arbeiten wollten.

Walter Dombrowski von der Bundesagentur für Arbeit in Bad Hersfeld-Fulda hatte auf Anfrage einer Regionalzeitung nur einen lapidaren Kommentar übrig: »Für die Organisation von Anreise und Unterkunft ist allein der Arbeitgeber verantwortlich.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!