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Der Weg ist kein Ziel

Stéphane Hessels Streitschrift »Empört Euch!« ist Film geworden

Im Oktober 2010 erschien Stéphane Hessels nur wenige Seiten starker Aufruf »Indignez Vouz!«, eine Art autobiografische Flugschrift, als Büchlein, nicht im Lose-Blätter-Format. Sie verbreitete sich - wenn Papier sich so verbreiten kann - wie ein Lauffeuer. Erst in Frankreich, wo binnen drei Monaten eine Million Exemplare der Schrift verkauft wurden und wohl etliche mehr in Kopien und durch Hörensagen zu den Leuten kamen, dann in Europa, der Welt. »Empört Euch!«, 2011 auf Deutsch als Taschenbuch veröffentlicht, gilt heute gleichsam als Gründungsurkunde der spanischen Indignados- und der internationalen Occupy-Bewegung. Hessels einige Monate später publizierte Folgeschrift »Engagez Vouz!« - »Engagiert Euch!« erfuhr schon weniger Aufmerksamkeit.

Der während der Niederschrift 93-jährige Verfasser - Résistance-Kämpfer, KZ-Überlebender, Diplomat und Dichter - zieht in seinem Appell an die Jüngeren eine Linie vom antifaschistischen Widerstand seiner Jugendjahre in die Gegenwart. So wie die Empörung über die Nazi-Barbarei ein entscheidender Impuls für deren Bekämpfung und Überwindung gewesen sei, bedürfte es heute des Protests, um geschundene Ideale zu verteidigen: den Frieden, die Demokratie und die universelle Gleichberechtigung, den Sozialstaat, die Pressefreiheit und eine Bildung, die ihren Namen verdient, weil sie Kritik und Kreativität ermöglicht.

Vor allem die »internationale Diktatur der Finanzmärkte« drohe die Welt zurückzustoßen in überwunden geglaubte Zustände. Die Einhaltung dessen, was in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 formuliert wurde, an der Hessel mitgewirkt hatte, müsse lautstark eingefordert werden. Wann immer sie »jemandem vorenthalten werden, und ihr merkt es: Nehmt Anteil, helft ihm, in den Schutz dieser Rechte zu gelangen.«

Der Regisseur Tony Gatlif hat Stéphane Hessels Appell nun in bewegte Bilder übertragen; aus der 14-seitigen Broschur sind 72 Filmminuten geworden. Die DVD »Empört Euch!« beginnt mit finsteren Wolken und Vollmond, es folgen schwarz-weiße Aufnahmen des Kriegs, des von Menschen verschuldeten menschlichen Elends. Dann tritt - ebenfalls farblos, aber scharf konturiert - Stéphane Hessel in Erscheinung, elegant gekleidet, seine Worte würdevoll artikulierend. Es sind Sätze aus seiner Schrift, aber er liest sie nicht ab, er deklamiert sie frei.

In seinem Aufruf zur Empörung sieht der altersweise Humanist eine »letzte Gelegenheit, die Nachkommenden teilhaben zu lassen an der Erfahrung, aus der mein politisches Engagement erwachsen ist«. Hessel, der sich auf Hegel (die Geschichte als Abfolge von Erschütterungen, die letztlich zur Freiheit des Menschen führt) und Sartre (die Verantwortung des Einzelnen für die Verwirklichung des Ideals) beruft, ist auf der DVD als menschliche Brücke inszeniert, die sich vom finsteren Gestern ins betont farbenfrohe Heute schlägt.

Ins Schwarz-Weiß der Anfangsminuten bricht die bunt bewegte Gegenwart: Gepflegte junge Menschen, dem Anschein nach Studenten, nehmen die Worte des Autors auf, führen seine Sätze fort. Man sieht sie entschlossen eine Allee voranschreiten, Transparente beschriften, an vernetzten Computern Fäden der Empörung über den Globus ziehen. Sympathische Clowns und Musikanten, eine Geigerin mit knallrotem Herzen auf der Wange, Straßen und Zelte, eine Bankbesetzung, Blockaden. Inszenierte Bilder mit authentischen Aufnahmen des Protests kombinierend, scheint der Film aufrühren zu wollen zur Fortsetzung jener Empörung, die infolge der Krise vielerorts erwacht ist. Doch der Film wirkt weit weniger agitatorisch als dokumentarisch. Er knüpft seine Hoffnungen an Bürgerproteste, die selbst schon wieder Geschichte sind: der »arabische Frühling«, die Indignados, Occupy Wall Street, Tokio, Tel Aviv, London, Kopenhagen, Berlin …

Am meisten beeindrucken die Szenen, in denen die Empörten der Staatsgewalt mit demonstrativer Friedfertigkeit begegnen. »Wir müssen begreifen, dass Gewalt von Hoffnung nichts wissen will«, heißt es bei Hessel. »No Violence!« - »Keine Gewalt!« rufen die Blockierer im Film, wenn Sie von Polizeiknüppeln getroffen oder weggeschleift werden. Nur werden sie - anders als im Herbst 1989, als dieselbe Parole zum »Schlacht«-Ruf einer »friedlichen Revolution« werden konnte - eben doch gewaltsam weggeschleift.

Gewalt ist ein wirksames Mittel gegen Gewaltlosigkeit, leider. Ein anderes, solange die friedlich Empörten in der Minderheit sind, ist Ignoranz. Auch sie kann zum Ausbluten führen. Resignation kann härter treffen als der Knüppel.

Der über die politische Krisenrhetorik von »Alternativlosigkeit« und »marktkonformer Demokratie« ganz in Hessels Sinne empörte ostdeutsche Dichter Ingo Schulze schrieb im vergangenen Jahr den ermutigend gemeinten Satz: »Wir brauchen den Ruf «Wir sind das Volk!» nur aus dem Museum zu befreien.« Leider ist das nicht wahr. Denn so, wie die »Keine Gewalt«-Rufe im Protestjahr 2011 reaktiviert worden sind, wurde ja auch der von Schulze erinnerte Satz aus der Vitrine geholt - ohne das System sonderlich zu beeindrucken. In der Occupy-Fassung hieß er: »Wir sind die 99 Prozent!«

Hessel weiß es besser als seine Adressaten, die sich in solch überwältigender Mehrheit wähnen: »Wir haben es nicht mehr nur mit einer kleinen Oberschicht zu tun, deren Tun und Treiben wir ohne weiteres verstehen. Die Welt ist groß, wir spüren die Interdependenzen, leben in Kreuz- und Querverbindungen wie noch nie«, heißt es in »Empört Euch!« und: »Die Gründe, sich zu empören, sind heutzutage oft nicht so klar auszumachen.« Wenn er dennoch »jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung« wünscht, muss er fassbares Unrecht vor Augen haben, konkrete Unterdrückung und Missachtung, belegbare Fälle verweigerten Rechts.

Sich auf der Straße über horrende Jugendarbeitslosigkeit in großen Teilen Europas zu erregen, über rasant steigende Mieten, den unerträglichen Notstand an Schulen und Universitäten oder die hemmungslose Vermarktung von Pflege-, Kultur- und Freizeitdienstleistungen, ist wirksamer, als das am Stammtisch oder gar nicht zu tun. Aber zur Durchsetzung von Interessen, die den Anspruch erheben, im Namen einer 99-Prozent-Mehrheit vertreten zu werden, müssen diese Interessen zunächst so überzeugend formuliert werden, dass sie tatsächlich anschlussfähig sind.

Der friedliche Protest der relativ Wenigen kann, wenn überhaupt, erst dann zu einer demokratischen Massenbewegung werden, wenn die Empörung sich an eine selbst zu verantwortende Perspektive bindet. Nicht »nur« dagegen sein, sondern deutlich sagen, was man will und wie man das zu erreichen gedenkt. Solche Ziele macht auch der Film nicht sichtbar. Er legt alle Hoffnung auf einen Weg - den des Protests.

Tony Gatlif, Stéphane Hessel: Empört Euch! Der Film (DVD, absolut Medien, Berlin 2013)

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