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Wie konnte es geschehen?

Helga Grebing erinnert sich an ihre Jugend im »Dritten Reich«

Neben Susanne Miller ist Helga Grebing die bekannteste und produktivste sozialdemokratische Historikerin. Nun unterbreitet sie uns ihre Memoiren, die mehr sind als bloße Rückschau auf das eigene Leben und Erleben. Allerdings - über das Wirken und über die Rolle der Historikerin im Ideenstreit der Jahrzehnte des Kalten Krieges und der Nachwendezeit erfahren wir wenig. Die Autorin liefert dafür im Untertitel eine plausible Erklärung. Sie hat sich auf ihre Berliner Jahre, also im Wesentlichen auf die Zeit von 1930 bis 1953 konzentriert.

Viele Zeitgefährten, deren Großeltern und Eltern einen bescheidenen sozialen Aufstieg zu erreichen vermochten, werden in den geschilderten Alltagserfahrungen ihre eigenen Lebensumstände wiedererkennen. Wo Lokalgeschichte ins Spiel kommt, wo auf familiengeschichtliche Ursprünge oder auf einzelne Persönlichkeiten eingegangen wird, begegnen wir der im Nachgang sorgfältig recherchierenden Historikerin. Auf ihre Darstellung von Ereignissen im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands trifft das weniger zu.

Die Autorin hat - im Unterschied zu manchen anderen Memoirenschreibern - ihren Werdegang nicht geschönt. Sie stellt sich selbst als ein überaus zielstrebiges Mädchen vor, mit einem Ehrgeiz, der sie - entgegen den in ihrem Milieu vorherrschenden Einstellungen - auch erfolgreich nach Führerposten im nazistischen Bund Deutscher Mädel (BDM) streben ließ. Wenn es in diesem Buche ein beherrschendes Thema gibt, so ist dies ihr Abnabeln vom Führerglauben und vom Geist des Faschismus (ein Begriff, den sie nicht benutzt) und ihre Hinwendung zur Sozialdemokratie. Da sie - äußerst schreibfreudig - schon in jungen Jahren ihren Reife- und Erkenntnisprozess schriftlich dokumentiert hat und solche Texte dem Leser nicht vorenthält, liegt uns eine sehr authentische, von Grebing kritisch reflektierte Rückschau vor. Sie sollte zu Rate gezogen werden, wenn auch fürderhin über die Frage »Wie konnte es geschehen?« und über die Rolle der jungen Generation nachgedacht wird.

Von einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein zeugt eine Betrachtung über die Situation der deutschen Jugend von Anfang 1947, mit der eine 17-Jährige nicht nur die Jugendlichen in Kategorien einteilt, sondern auch noch ihr eigenes Re-education-Konzept entwickelt. Von der Treffsicherheit mancher Aussagen einmal abgesehen, ist erkennbar, wie früh sich die analytischen Fähigkeiten der späteren Historikerin ausprägten.

Grebing hatte das Glück, bereits 1946 - eigentlich ohne das vorgesehene Alter erreicht zu haben - in die Vorstudienanstalt der Berliner Humboldt-Universität aufgenommen zu werden. Ob es ohne diese Förderung eine Historikerin Helga Grebing gäbe, ist fraglich, wird indes von ihr fast wie eine Selbstverständlichkeit behandelt. Von der in Hermann Kants »Aula« beschriebenen, den meisten Absolventen von Vorstudienanstalten und Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten in guter Erinnerung gebliebenen Aufbruchstimmung ist kaum etwas zu spüren. Denn Grebing verhielt sich zu dem im deutschen Osten eingeschlagenen Weg distanziert, verstand sich als bekennende Antikommunistin und blieb eine Suchende bis sie ihre sozialdemokratische Identität fand. Sie begründet, wieso ihre kritische Auseinandersetzung mit Gott und der Welt folgerichtig - trotz mancher Vorbehalte - zum 1948 erfolgten Beitritt zur SPD und anschließend zum Wechsel von der Humboldt-Universität zur Freien Universität in Westberlin führte. Anschaulich werden die Hürden beschrieben, die dabei zu überwinden waren, und ihre Professoren sowie andere Bezugspersonen charakterisiert.

Was ihr niemand so leicht nachmacht: Mit 23 Jahren war die stets hochkonzentriert arbeitende junge Frau, wie sie mit berechtigten Stolz festhält, promovierte Historikerin. Und sie hatte in der Sozialgeschichte und der Geschichte der Arbeiterbewegung ihr Hauptinteressengebiet gefunden, wenngleich es noch Jahre dauern sollte, bis sie sich vorrangig deren Erforschung widmen konnte.

Der mit der Geschichte Berlins nicht vertraute Leser käme allerdings nicht auf die Idee, dass sie die Vorstudienanstalt in einer von sozialdemokratischen Oberbürgermeistern regierten Stadt besucht hat, in der trotz aller Belastungen und Rivalitäten SPD, SED und LDPD gegen den Widerstand der CDU gemeinsam ein demokratisches Schulgesetz verabschiedeten. Überhaupt erstaunt, wie selten einschneidende historische Vorgänge der deutschen Nachkriegsgeschichte in diesem Lebensbericht auftauchen. Nicht einmal die Bildung der beiden deutschen Staaten findet Erwähnung. Wie sie die deutsche Teilung erfahren hat, wo sie die treibenden Kräfte und die Hauptverantwortlichen damals sah und heute sieht, erfahren wir nicht.

Die folgenden Jahrzehnte werden von ihr nur als »Meilensteine« vorgestellt, ohne jenen Tiefgang, mit dem sie ihre ersten Lebensabschnitte beschrieben hat. So bleibt auch offen, wie es in ihrer Sicht in der gegenwärtigen Bundesrepublik und in der heutigen SPD um die Ideale ihrer Jugendzeit und um die Freiheit, die sie meinte, bestellt ist.

Helga Grebing: Freiheit, die ich meinte. Erinnerungen an Berlin. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2012, 176 S., geb., 19,95 €.

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