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Geisterhäuser im Stadtzentrum

Bürgermeister drängen auf Zwangsverkäufe ehemaliger Hertie-Immobilien, um die Orte zu beleben und neue Investoren anzulocken

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 6 Min.

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Weil die Kunden wegbleiben, beschleunigt der Leerstand früherer Karstadt-Kaufhäuser den Niedergang vieler Innenstädte. Mit einer Gesetzesinitiative wollen betroffene Bürgermeister nun Abhilfe schaffen.

Idar-Oberstein an der Nahe ist als Stadt der Edelsteinschleifer berühmt geworden. Dieser Ruf lockt Scharen von Touristen in die idyllische Altstadt unter der malerischen Felsenkirche. Doch den Besuchern springt auch ein Plattenbau im Stil der 1970er Jahre ins Auge. Das Gebäude beherbergte einst ein florierendes Kaufhaus. Jetzt herrscht hier gähnende Leere. Der Einzelhandelskaufmann Hans Jörg Gengenbach kennt die Geschichte des Hauses bestens. In jungen Jahren war er in der väterlichen Edelsteinschleiferei tätig. Nach der Aufgabe des Betriebs fand er 1979 eine neue Lebensgrundlage, als die Warenhauskette Karstadt den Neubau mit Parkhaus in Betrieb nahm. Karstadt war der Großteil seines Berufslebens. Aber nach 30 Jahren war der Laden dicht. »Ich habe das Haus mit eröffnet und geschlossen. Ich war der Letzte, der ging«, blickt Hans Jörg Gengenbach zurück. Über zwei Jahrzehnte war er im Betriebsrat aktiv, jahrelang auch als Vorsitzender.

2005 wechselten die Karstadt-Häuser in 73 kleineren Städten Eigentümer und Namen, wurden als Karstadt kompakt und Hertie weiter geführt. 2008 kam der neue britische Eigentümer ins Trudeln. Als Folge der Insolvenz wurden die Häuser 2009 stillgelegt. Ein niederländischer Investor übernahm die Immobilien.

Keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt

Das Kaufhaus in Idar-Oberstein hatte knapp 6000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Es galt als Vollsortimenter mit einem breiten Angebot an Bekleidung, Porzellan, Haushaltswaren, Heimwerker- und Sportartikeln, Spielwaren, Büchern und Zeitschriften. In den 1980er Jahren zählte die Belegschaft mehr als 200 Beschäftigte, zum Schluss waren es 30. Dazwischen lag eine schleichende Ausdünnung. Umsatzrückgang und Internethandel zeigten Wirkung.

Hans Jörg Gengenbach steht vor einem rostenden Rollgitter am Untergeschoss des Gebäudes. Ein Schild erinnert daran, dass hier die Warenannahme war und Lieferfahrzeuge frische Ware an die Rampe fuhren. Nach der Schließung schaltete der Insolvenzverwalter eine Firma ein, die alles ausschlachtete, was über das Internet verscherbelt werden konnte. Dies hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen und steigert die Schwierigkeiten bei Verkauf und Wiederverwertung der Immobilie.

Solche Erinnerungen stimmen Hans Jörg Gengenbach traurig. »Ich war dabei, als alles verkauft wurde. Am Anfang war es schlimm«, sagt er. »Aber ich bin im Prinzip darüber weg, jetzt berührt mich das nicht mehr«, betont er wenig später. Sein Berufsleben endete relativ glimpflich. Nach der Schließung war er zwei Jahre arbeitslos und einige Monate krank. 2011 konnte er in Altersrente gehen. So hatte er Glück im Unglück.

Andere traf es schwerer. Wer über 50 war, hat keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt. Einer ist Aushilfskraft an der Tankstelle mit einem 400-Euro-Job. Manche haben inzwischen den vierten oder fünften Job oder sind wieder arbeitslos, weil auch im Handel nur befristete Jobs angeboten werden. »Die meisten verdienen nicht das, was sie bei Hertie verdient haben«, sagt Gengenbach.

Über viele Jahre zog das zentral gelegene Kaufhaus Menschen in die Stadt. Das bescherte auch den anderen Händlern in der Fußgängerzone Zuwachs. Die Verkehrsberuhigung der Hauptstraße wirkte wie ein Segen. Wo sich früher der Durchgangsverkehr auf der B 41 und US-Panzer durch die enge Altstadt quälten, erfuhr die Fußgängerzone eine Aufwertung.

Eigentümer lassen Kaufhäuser verfallen

Doch massiver Leerstand lässt ahnen, dass die Stadt schon bessere Zeiten erlebt hat. Fachgeschäfte, Gastronomie und traditionsreiche Händler gaben auf, Handelsketten zogen an den Stadtrand. An ihre Stelle rückten Billigläden und Secondhand-Geschäfte. Viele Ladenlokale stehen leer und sind faktisch nicht vermietbar. Vermutlich verlangen die Immobilienbesitzer zu viel. Licht am Ende des Tunnels ist nicht in Sicht. Im Laufe dieses Jahres werden weitere Läden schließen. Seit den 1980er Jahren hat die Stadt gut ein Viertel ihrer Einwohner verloren und ist auf 30 000 geschrumpft. Viele Jüngere sind abgewandert.

Idar-Oberstein ist nicht der einzige Hertie-Leerstand im Südwesten. Auch im etwa 75 Kilometer nordöstlich gelegenen Bingen, wo die Nahe in den Rhein mündet, bereitet eine leerstehende Hertie-Immobilie Geschäftswelt und Kommunalpolitikern Kopfzerbrechen. Zwar hält sich hier der Vandalismus in Grenzen, weil sich im Untergeschoss ein Billigpostenmarkt eingerichtet hat und die sonnigen Eigentumswohnungen auf dem Dach bewohnt sind. Doch der Kernbereich des Gebäudes ist eine Einöde. Auch hier fehlt ein Vollsortimenter, das Kunden in die Stadt zieht. »Alle warten auf die Wiederbelebung des Hertie-Gebäudes«, sagt Helmut Renner, Inhaber eines Outdoor-Ladens und Vorsitzender des örtlichen Verkehrs- und Gewerbevereins. »Die Straßen, die sternförmig von Hertie wegführen, sind inzwischen kaum noch belebt.« Angesichts der Leerstände gebe es »kein Bestreben der Immobilieninhaber, hier zu investieren«.

»Hier wird in Innenstadtlage spekuliert und eine organische Stadtentwicklung verhindert«, schimpft Bingens Oberbürgermeister Thomas Feser (CDU) über die beteiligten globalen Finanzunternehmen und beklagt ein »undurchsichtiges Zuständigkeitsgeflecht von Firmen seit der Pleite«, zumal die Firmenzentralen in England und den Niederlanden angesiedelt seien. Weil sie »überzogene Preisvorstellungen« hätten, ließen sie die Immobilien lieber leer stehen.

Feser will nicht auf bessere Zeiten warten. Im Schulterschluss mit Amtskollegen aus anderen vom Hertie-Leerstand betroffenen Städten hat er im Herbst eine Binger Erklärung initiiert. Darin wird eine Bundesratsinitiative zur Änderung des Baurechts gefordert. Nach 60 Monaten Leerstand soll die Stadt auf der Grundlage eines per Wertgutachten geschätzten Marktpreises einen Zwangsverkauf der Immobilie einleiten können, damit ein neuer Eigentümer das Gebäude wiederbelebt. »Es handelt sich nicht um eine Enteignung«, beteuert Andreas Koeppen (SPD), Rathauschef im holsteinischen Itzehoe.

Erste Hertie-Immobilien werden verkauft

Die Träger der Binger Erklärung hoffen, dass sich ihre Landesregierungen den Vorstoß zu eigen machen. Ein großes Echo aus der Politik ist aber noch nicht zu vermelden. Immerhin halten sich die Bürgermeister zugute, dass mit der Binger Erklärung der öffentliche Druck gewachsen und bereits in drei Städten ein Verkauf der Hertie-Immobilien gelungen sei. Auch in Bingen und Idar-Oberstein machen sich Akteure Hoffnung auf einen anstehenden Verkauf, mit dem die Gebäude wieder genutzt werden könnten. Im Gespräch sind dem Vernehmen nach Shop-in-Shop-Modelle, also Ladengalerien mit sich ergänzenden Einzelhandelsgeschäften. Über Details hüllen sich die Verantwortlichen in Schweigen. »Bei Ladengalerien kommt es darauf an, dass es kein geschlossener Tempel wird, der ein Ausschwärmen in die Innenstadt verhindert, sondern Anschluss an die Fußgängerzone besteht«, gibt Outdoor-Händler Helmut Renner zu bedenken.

Hans Jörg Gengenbach ist skeptisch, ob ein solches Modell für Idar-Oberstein längerfristig Bestand haben könnte. Eine Galerie könnte bestenfalls durch eine Verlagerung von Einzelhandelsgeschäften aus der Fußgängerzone voll werden. Damit sei das Problem hoher Leerstände und Überkapazitäten im Handel nicht gelöst. Um die vereinsamte Fußgängerzone wiederzubeleben, schwebt ihm eher eine Umwandlung von Gewerbeflächen in Wohnraum vor.

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