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CDU zeigt Kleinbauern die Harke

Sachbuchautorin Tanja Busse über nachhaltige Landwirtschaft

Am Mittwoch ging es bei der Sitzung des Parlamentarischen Beirats für Nachhaltige Entwicklung des Bundestages um »Nachhaltige Lebensmittelproduktion«. Für die Linksfraktion sprach dort als Expertin die Sachbuchautorin Tanja Busse (»Die Ernährungsdiktatur. Warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt«, Karl Blessing Verlag, München 2010) Mit ihr sprach für »nd« Benjamin Beutler.

nd: Vom »Acker bis zum Teller« geschaut: Hat die Landwirtschaft Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gleichermaßen im Auge?
Busse: Der Begriff Nachhaltigkeit wurde in den letzten Jahren spürbar verwässert und droht zur Farce zu werden. Zwar wird immerzu von Nachhaltigkeit geredet, aber keine echte Nachhaltigkeit praktiziert. Dabei steigt die Nachfrage nach Biolebensmitteln in Deutschland. Gleichzeitig aber auch der Import von Biolebensmitteln für den deutschen Markt. Darunter sind auch Waren, die regional angebaut werden könnten. Bio-Kürbiskerne aus China sind natürlich nicht die Krone der Nachhaltigkeit.

Geht es denn dabei nur um die Umwelt?
Was beim Nachhaltigkeitsbegriff immer gerne unter den Tisch fällt, sind ökonomische und soziale Belange. Nachhaltigkeit heißt eben nicht nur grün. Das seit Jahrzehnten anhaltende Höfesterben zeigt doch, dass die ökonomisch-soziale Situation vieler Betriebe ausgesprochen nicht-nachhaltig ist. In Ostdeutschland haben nach der Wende Zehntausende LPG-Beschäftigte ihre Arbeit verloren, viele Dörfer in Ostdeutschland sehen aus wie ausgestorben. Auch hier wäre es sehr wichtig, dass auch kleine Betriebe eine Chance bekämen.

Die Zahl der Höfe ist von 2003 bis 2013 um fast 30 Prozent auf knapp 300 000 eingebrochen. Ausgerechnet die CDU erklärt das mit freiwilligen Schließungen ...
Das ist nicht nur Unsinn, sondern den Landwirten gegenüber arrogant. Die meisten leiden sehr darunter, dass sie es nicht geschafft haben, das Hoferbe an die nächste Generation weiterzugeben. Aber das ist in den allermeisten Fällen nicht ihre eigene Schuld! Heute gilt zu oft das Motto: möglichst viel, möglichst billig, möglichst standardisiert. Da können immer weniger mithalten. Nein, das dramatische Höfesterben ist struktureller Natur. Dahinter steht nicht die Unfähigkeit der Betriebsleiter. Deren Höfe sind schlicht nicht mehr rentabel. Weil sie nicht groß genug sind, um bei fallenden Preisen die Riesen-Investitionen in neue Technik und neues Land stemmen zu können. Der Pferdefleischskandal hat das wieder exemplarisch vorgeführt. Die »economies of scale« (Skaleneffekte, d. Red.) des Big Business, wo wenige Konzerne und Großhändler den Ton angeben, führen zur nicht-nachhaltigen Industrialisierung der Agrarproduktion. Und damit auch zum Ende der bäuerlichen Landwirtschaft, die das soziale Leben auf dem Land über Jahrhunderte geprägt hat. Das Höfesterben hat eklatante Folgen für die soziale Struktur der Dörfer. Der bäuerliche Familienbetrieb sollte nicht als rein ökonomische Größe, sondern auch in seiner ökologischen und sozialen Funktion verstanden werden. Mein Vorschlag bei der Anhörung ist auf Regierungsseite auf wenig Gegenliebe gestoßen: Höfesterben oder Hoferhalt als Indikator der Nachhaltigkeitsstrategie einzuführen.

Ist mehr Klasse statt Masse die Zukunft der Landwirtschaft?
Über Erzeugerpreise kann viel verändert werden. Das Modell der »fairen Milch« hat da Vorbildcharakter: Ausgehend von Vollkostenrechnungen für ihre Produktion bestimmen Landwirte, wie viel sie pro Liter brauchen, um rentabel zu wirtschaften. Solidarische Preise ermöglichen nachhaltige Landwirtschaft, etwa über die Zahlung einer Lebensmittelpauschale an einen Bauernhof in der Nähe. Die Konsumenten schätzen den Mehrwert echter Nachhaltigkeit und des Höfeerhalts. Fördern könnte man das Umdenken schon bei Kindern, etwa über das Schulessen. Auch bekäme der Verbraucher wieder Vertrauen in die Lebensmittelproduzenten.

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