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»Spiegel«-Druckerei vor dem Aus

Tausende protestieren gegen Schließung von Prinovis im strukturschwachen Itzehoe

  • Von Dieter Hanisch, Itzehoe
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Eine Stadt steht auf« - unter diesem Motto erlebte Itzehoe am Samstag eine seiner größten Demonstrationen der letzten Jahrzehnte. Der Protest richtete sich gegen die geplante Schließung der Tiefdruckerei zum Sommer nächsten Jahres. Rund 1200 Angestellte bangen um ihren Job.

Symbolisch läuteten in der gesamten Region für fünf Minuten die Kirchenglocken - ein Sturmgeläut wie in alten Zeiten, wenn es galt, auf Unwetter hinzuweisen oder zu reagieren. Propst Thomas Bergemann kritisierte, dass den Beschäftigten von der Konzernspitze in den vergangenen Jahren erst Opfer in Form von Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld zur Arbeitsplatzsicherung abgerungen wurden, um sie dann alle zu entlassen. Die Betroffenen sollen sich jetzt bloß nicht mit Almosen abspeisen lassen, mahnt er insbesondere in Richtung der Verantwortlichen bei der Druckerei Prinovis, die sich im Besitz von Bertelsmann und der Axel Springer AG befindet.

Immer wieder fallen dabei die beiden Namen Liz Mohn und Friedel Springer. Die Familienoberhäupter der beiden Mediengiganten verfügen zusammen über ein Privatvermögen von fast sechs Milliarden Euro. Besonders Bertelsmann gibt sich wohltätig, betreibt eine eigene Stiftung und sonnt sich mit diesem Image. 2010 erhielt Liz Mohn vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel gerade auch mit dem Hinweis auf ihr soziales Verhalten und Engagement den Weltwirtschaftspreis. Doch die angekündigte Trennung vom Standort Itzehoe spricht laut Karin Hesse, ver.di-Landesbezirksleiterin, eine andere Sprache, nämlich eine kaltherzige. Sie nennt den Akt der Standortschließung einen »feigen Angriff des Kapitalismus« auf die Itzehoer Arbeitnehmer.

Jahrzehntelang hat auch die 134 Jahre alte Traditionsdruckerei in Itzehoe, wo unter anderem die Titel »Spiegel«, »Stern« und »Brigitte« gedruckt werden, zur Vermögensanhäufung des Gütersloher Medienmoguls beigetragen. Der Standort werde dafür bestraft, dass er zu wenig Leiharbeiter und Werkvertragskräfte in seinem Betrieb habe, mutmaßte DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn über die Gründe für die Entscheidung gegen Itzehoe, bei der die Geschäftsleitung offiziell mit nicht zufriedenstellenden Prognosezahlen für das Jahr 2015 operierte, aus Sicht des Betriebsrates das Hier und Jetzt aber völlig ausblendete. Denn im operativen Bereich wurde im Vorjahr in Itzehoe ein Plus von 3,8 Millionen Euro erwirtschaftet. Man spare 20 Millionen Euro durch den Wegfall von Itzehoe, teilte Prinovis mit. Polkaehn forderte wie alle Redner, dass Bertelsmann und Springer dafür die Verantwortung tragen sollen, dass nach dem verkündeten Druckerei-Aus kein Arbeitsloser zurückbleibe. Es werde nun aus Sicht des Betriebsrates harte Sozialplanverhandlungen geben. Dabei geht es auch um eine Transfergesellschaft und über auskömmliche Abfindungen. Polkaehn deutete mit Blick auf die aktuelle Diskussion beim Versandhändlerriesen Amazon an, dass auch Bertelsmann schnell in öffentlichen Misskredit geraten könnte.

Nicht zufällig unterstützten in Itzehoe einige der im Dezember des Vorjahres vom Aus betroffenen Redaktionsmitglieder der »Financial Times Deutschland« den Protest. Die ehemalige Belegschaft der Bertelsmann-Tochter kämpft jetzt um Abfindungszahlungen und wird wohl nur über das Arbeitsgericht zu einem Erfolg kommen. Anfangs sollten 40 Millionen Euro für 350 Ex-FTD-Beschäftigte zur Verfügung stehen. Aktuell werden nur noch acht Millionen Euro angeboten. Die Itzehoer Betriebsrätin vom d+s-Callcenter, Kristina Krüger, verwies in ihrer Rede auf die zum Teil miserablen Arbeitsbedingungen von rund 12 000 Beschäftigten in den Call-Centern des Konzerns, vor allem in Ostdeutschland. Dort werde ein Stundenlohn von gerade einmal 5,40 Euro gezahlt, so Krüger.

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