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»Wollt ihr mehr davon?«

Frankreichs Polizei zeigt im Umgang mit Roma weiterhin Härte

  • Von Robert Schmidt, Marseille
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein aktueller Fall in Marseille zeigt: Der Umgang der französischen Polizei mit den Roma hat sich auch unter der Präsidentschaft François Hollandes bisher kaum verändert.

Es geschah am vergangenen Freitag: Vor einem Roma-Wohnhaus im nördlichen Zentrum Marseilles herrscht Chaos. Menschen schreien durcheinander, eine Frau wird in einem Krankenwagen abtransportiert, drei Dutzend Polizisten - teils schwer bewaffnet - stehen vor dem Gebäude. Ein Bewohner des Hauses, der sich als Xavier vorstellt, erzählt, was vor wenigen Augenblicken passiert ist: Rudy, ein anderer Bewohner, sei unter Alkoholeinfluss Auto gefahren, die Polizei habe versucht ihn anzuhalten, eine Verfolgungsjagd endete erst vor dem Haus. Zur Verhaftung Rudys holte man sich Verstärkung. Insgesamt mehr als 30 Polizisten wurden bestellt. »Sie stürmten auf das Gelände, viele bewaffnet mit Maschinenpistolen und Elektroschockern«, berichtet Laurent Malone. Der Fotograf war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls vor dem Gebäude.

Mehrere Bewohner berichten übereinstimmend, was danach geschah: »Rudys Familie hat auf die Polizei eingeredet, ihn nicht zu verhaften.« Ein Polizist griff hart durch und holte Tränengas hervor. »Er sprühte den Leuten direkt in die Gesichter«, schildert nun wieder Xavier, »da waren Kleinkinder darunter und Babys.« Die Frau des mutmaßlichen Alkoholfahrers wand sich vor Schmerzen auf dem Boden. Der Polizist habe höhnisch kommentiert: »Gefällt euch das? Wollt ihr mehr davon?« Die Frau wurde schließlich ins Hospital gefahren, Rudy wurde abgeführt, das Auto beschlagnahmt.

Jean-Philippe Vaz war von Menschenrechtlern benachrichtigt worden. Der Politiker der Linksfront war binnen Minuten am Ort des Geschehens. »Seit November, seit die rund 180 Roma in diesem Haus leben, gab es bereits fünf Kontrollen«, berichtet er. Jedes Mal seien die Polizisten ähnlich martialisch aufgetreten. Zu physischer Gewalt sei es nur einmal gekommen: Im Dezember traten die Polizisten im Haus mehrere Türen ein.

Jean-Marc Bremond betreibt die alternative Marseiller Nachrichtenplattform »Millebabords«. Darauf dokumentiert die örtliche Sektion der Menschrechtsliga den Umgang der Polizei mit den Roma. Man erfährt, dass die französische Polizei der Region um Marseille sogar im Winter zahlreiche Romalager geräumt hat. Am 7. Dezember seien in Marseille »in einer eiseskalten Nacht« mehrere Familien auf die Straße gesetzt worden. Am 25. Januar wurden 25 Roma in der Marseiller Vorstadt Vitrolle evakuiert, weitere Familien am 12. Februar. Bremond beklagt, dass die Polizei selbst eine Direktive der Regierung vom August 2012 ignoriere. Die Order an die Polizeipräsidenten besagte kurz gefasst, Räumungen seien »menschlich« vorzunehmen, zudem müssten Hilfsangebote unterbreitet werden.

Allein zwischen Juli und Oktober 2012, so hat die Touliner Sektion der Menschenrechtsliga berechnet, haben französische Polizisten dagegen mehr als 2000 Roma auf die Straße gesetzt - oft ohne entsprechende Hilfen bereitzustellen. Damit ignoriert Frankreich nach wie vor sowohl Mahnungen der Europäischen Kommission als auch Forderungen mehrerer UNO-Botschafter, die das Land im vergangenen Sommer eindringlich zu einer Änderung der Romapolitik gemahnt hatten.

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