Echte Berliner Spezialität

Selbstorganisierte Kunstinitiativen kämpfen ums Überleben

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Berlin ist bunter, vielfältiger und überraschender, als selbst Eingeweihte denken. Zu dieser Erkenntnis verhalf eine originellerweise als Bustour organisierte Prämierung von Projekträumen der bildenden Kunst in Berlin. Mehr als 150 dieser selbstorganisierten und nicht primär produkt-, sondern diskursorientierten Initiativen mit und ohne feste Präsentationsadresse gibt es mittlerweile in der Stadt. Das ist mehr, als selbst Mitglieder der Jury, die die sieben Preisträger auswählten, vorher vermutet hatten.

Die Bustour, die im Wedding bei dem sehr jungen und munteren Organ Kritischer Kunst (OKK) begann, dann in eine noch nicht ganz gentrifizierte Ecke im Prenzlauer Berg und später in die von Investorenbaugruben zerfurchte Mitte führte, um schließlich in Neukölln und am Kottbusser Tor ein kontrastreiches Ende zu finden, gestaltete sich deshalb nicht nur als Weiterbildungstour für den die Preise verteilenden Kulturstaatssekretär André Schmitz und einige Vertreter des Kulturausschusses. Auch mitreisende Journalisten und sogar Vertreter anderer Projekträume lernten dazu. Aber genau dies - eine gegenseitige Wahrnehmung, aus der erst Vernetzung und schließlich gemeinsame kulturpolitische Positionierung erreicht werden können - ist das Anliegen der 2009 ins Leben gerufenen Initiative.

Sie hatte schon vor zwei Jahren eine substanzielle Unterstützung dieser Szene gefordert. Die Rechnung lautete damals: 100 Projekträume benötigen je 50 000 Euro im Jahr, weitere 50 je 20 000 Euro, so dass man auf sechs Millionen Euro jährlich kommt. Angesichts mancher in der Stadt bewegten Bausummen ein Klacks. Die 210 000 Euro, die insgesamt an die Wettbewerbssieger ausgegeben wurden, nehmen sich ihrerseits wie ein Klacks aus angesichts des Bedarfs.

Andererseits sollte gewürdigt werden, dass der Wettbewerb selbst für eine viel größere Sichtbarkeit dieser Szene sorgte. Projekträume sind - zumindest in dieser Dichte - eine echte Berliner Spezialität. Sie unterscheiden sich von Galerien, die - bis auf die wenigen verbliebenen kommunalen Galerien - allesamt auf den Verkauf von Kunstobjekten ausgerichtet sind, vor allem durch die Betonung des Redens über und Forschens zu Kunst. Gegenstand sind Diskurse, wie etwa der über Räume und Nichträume, der derzeit in Savvy Contemporary, einem der Preisträger in der Neuköllner Richardstraße, innerhalb der Gruppenausstellung »NON[ ]« geführt wird.

Projekträume unterscheiden sich auch von Produzentengalerien, die Zusammenschlüsse von Künstlern sind, um ihre Arbeiten besser zu präsentieren. Sie übernehmen von den Produzentengalerien aber den Ansatz von Selbstorganisation und mehr oder minder demokratischen Strukturen. Als Keimzelle des Neuen sind sie unabdingbar. Dieser Bedeutung eingedenk machte Schmitz denn auch Hoffnungen, dass im nächsten Jahr noch etwas Preisgeld mehr verteilt werden könnte.

Beim Gang durch die Preisträgerräume verdichtete sich aber auch die Befürchtung, dass etwas mehr bald nicht mehr genug sein dürfte. »Wie lange noch können wir, wollen wir uns Berlin noch leisten?«, wisperte es allenthalben. Heimo Lattner, Kurator von »General Public« in der Schönhauser Allee, sprach den Satz dann endlich auch offiziell aus. »Wie lange bleiben die Künstler noch in Berlin? Ab wann können sie sich die Stadt nicht mehr leisten?«, fragte er - und verwies darauf, dass seine Einrichtung einen Großteil des Preisgeldes wohl für die demnächst steigende Miete aufwenden werden muss. Kunstförderung wird so zur direkten Immobiliensubvention.

Einen Ausweg aus dieser Zwangslage sah Stephane Bauer, Mitglied der Jury des Projektraumwettbewerbs und selbst Leiter eines der traditionsreichsten Projekträume dieser Stadt - dem Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien - vor allem im Umsteuern der Liegenschaftspolitik.

Weil auch Staatssekretär Schmitz und die anwesenden Vertreter des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses dies so sahen - Die LINKE fehlte unerklärlicherweise -, ist zu hoffen, dass der Verkauf von Landesimmobilien nun doch eingeschränkt und zuerst über dem Gemeinwohl dienende Interessen nachgedacht wird. Insofern könnte die mobile Preisverleihung der Auftakt zu einer konkreten Politik der Kulturraumsicherung werden. Die Hoffnung zumindest stirbt zuletzt.

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