Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Russen trinken viel Tee, sind aber sonst kaum anders

Ein Austauschprojekt in Lettland mischt für kurze Zeit Familien unterschiedlicher ethnischer Herkunft

  • Von Toms Ancitis, Riga
  • Lesedauer: 3 Min.
Lettlands Bevölkerung lebt tatsächlich in zwei unterschiedlichen Sprachräumen: dem Russischen und dem Lettischen. Der Staat will das ändern und fängt bei den Kindern an.

Pauls ist zwölf Jahre alt, hat blonde Haare und lebt in Ikšķile, einer Kleinstadt 30 Kilometer von Lettlands Hauptstadt Riga entfernt. Er war schon oft in Riga, aber bisher nie in einem Stadtviertel wie Zolitude. »Wie kann man überhaupt hier wohnen - in solchen Kästen?«, fragte er sich, als er Zolitude zum ersten Mal sah, denn hier gibt es nur gleichförmige Plattenbauten aus sowjetischer Zeit. Noch merkwürdiger schien ihm, dass die Mehrheit der Leute hier Russisch spricht - sogar die Kinder in der Schule. »Ich hatte Angst, in die Schule zu gehen. Ich befürchtete, dass mich die anderen Kinder auslachen«, erinnert sich Pauls.

Pauls ist eines von rund 100 Kindern, die bisher an dem Austauschprogramm »Lerne deinen Nachbarn kennen« teilgenommen haben. Das Programm wird aus dem Staatsbudget finanziert. Ziel ist es, die Integration der russischsprachigen Minderheit in Lettland zu fördern. Praktisch heißt das, dass russische und lettische Familien ihre Kinder freiwillig für sechs Tage austauschen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, Kultur und Tradition der anderen kennenzulernen. Sie besuchen zusammen Kultur-, Sport- und andere Veranstaltungen. Eintrittskarten und Transportkosten erstattet der Staat.

Schon nach ein paar Tagen hatte sich Pauls an die neuen Umstände gewöhnt. Nun scheint es ihm, als gäbe es gar keine so großen Unterschiede zwischen Letten und Russen. Nur die Ess- und Trinkgewohnheiten unterscheiden sich ein wenig, hat er festgestellt: »Sie trinken sehr oft Tee, jeden Tag und sehr viel. Bei uns trinkt man ganz selten Tee.«

Marita Johansena, Pauls' Mutter, sagt: »Mein Sohn hatte bisher starke Stereotype bezüglich der Russen. Er war der Meinung, dass alle Russen böse sind. Warum? Dass konnte er nicht erklären. Aber nun hat Pauls seine Meinung geändert.« Kārlis, der als russisches »Austauschkind« bei der Mutter von Pauls war, ist sogar einer seiner besten Freunde geworden. Anna Senatova, die Mutter von Kārlis, sagt, dass ihr Sohn eigentlich keine deutlichen Vorurteile über Letten hatte. Aber da er in eine russische Schule geht und in einem russischsprachigen Viertel lebt, habe er wenig Gelegenheiten, die lettische Sprache anzuwenden. »Ich bin selbst in einer russischen Familie aufgewachsen. Nach der Universität habe ich aber in einem lettischen Arbeitskollektiv zu arbeiten angefangen. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten mit der Sprache und der Mentalität. Diese Schwierigkeiten wollte ich meinem Sohn ersparen.«

Die Idee zu diesem Projekt hatte der Parlamentsabgeordnete Andrejs Judins, selbst ein ethnischer Russe. Er schlug das Modell vor fast einem Jahr vor, nach einem deutlich gescheiterten Referendum über die Einführung des Russischen als zweite Amtssprache in Lettland. Viele Letten sahen in dem Antrag auf eine zweite Amtssprache eine Bedrohung der Staatlichkeit Lettlands. Für die russische Minderheit war es schwer zu verstehen, dass nicht einmal 300 000 der 1,5 Millionen Wahlberechtigten für das Russische stimmten, denn mehr als jeder dritte Einwohner Lettlands betrachtet Russisch als Muttersprache. »In Riga gibt es Stadtviertel, in denen man sein ganzes Leben verbringen kann, ohne zu wissen, dass die Staatssprache eigentlich Lettisch ist«, sagt Judins. »Es gibt Leute, die keine Motivation zur Integration haben, denn sie haben alles, was sie zum Leben brauchen.«

Die russische Minderheit hat eine starke Beziehung zu Russland. Sie konsumiert Fernsehen, Radio und Presse aus der Russischen Föderation. »Manche von ihnen verstehen nicht, warum in diesem Land, in dem sie geboren wurden und wo schon ihre Großeltern gelebt haben, Russisch keine offizielle Staatssprache ist«, sagt Judins. »Sie haben andere Vorstellungen davon, wie der Staat aussehen sollte.«

»Ebenso gibt es viele Letten, die ihre Nachbarn, die Russen, fast gar nicht kennen«, erklärt Judins. »Sie sind der Meinung, dass alle ›Nicht-Letten‹ nur eine Idee im Sinn haben - den Staat Lettland zu zerschlagen. Das sind einfach Stereotypen. Und wie kann man sie brechen? Indem man miteinander spricht.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln