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Atomausstieg in Frankreich?

Simone Fest ist Sprecherin des französischen Netzwerks »Raus aus der Atomkraft«

  • Von Ralf Klingsieck
  • Lesedauer: 3 Min.

nd: Aus Anlass des zweiten Jahrestags der Katastrophe von Fukushima organisieren Sie am Sonnabend eine Menschenkette quer durch Paris. Was ist das Ziel?
Fest: Die Atomkatastrophe von Fukushima ist vor Ort noch längst nicht bewältigt. Hunderttausende Menschen müssen in Territorien leben, die in bedenklich hohem Maße atomar verseucht sind und die dies noch über Jahrhunderte sein werden. In vielen Ländern hat dieses Unglück wie ein Elektroschock gewirkt und eine breite öffentliche Debatte über den Nutzen und die Gefahren der Atomkraft sowie über die Möglichkeiten eines Umschwenkens auf erneuerbare Energien ausgelöst. Vielfach hat das zu Entscheidungen der Regierungen geführt, beispielsweise in Deutschland.

Auch in Frankreich?
Hier hat sich die Energiepolitik kein Stück bewegt. Man setzt nach wie vor voll auf Atomenergie und begründet dies damit, dass nur so billige Elektrizität gesichert werden kann. Dabei haben auch hier die Strompreise angezogen, was viele einkommensschwache Familien in ernste Schwierigkeiten bringt, weil sie in Häusern wohnen, die elektrisch beheizt werden und die schlecht isoliert sind. Die Energieverschwendung in diesem Land ist katastrophal. In Sachen Energie und Atomkraft ist die Öffentlichkeit schlecht informiert. Das wollen wir ändern.

Präsident François Hollande und die linke Regierung haben doch die Senkung des Anteils der Atomenergie auf 50 Prozent und als ersten Schritt das Abschalten des ältesten Kernkraftwerks in Fessenheim angekündigt. Geht das nicht in die richtige Richtung?
Die Regierung hat uns sehr enttäuscht. François Hollande hatte das Abschalten des Kernkraftwerks Fessenheim zugesagt, doch das wird auf die lange Bank geschoben. Jetzt ist die Rede von 2017, aber da sind schon wieder neue Wahlen. Und wenn die Rechten wieder an die Regierung kommen, ist es noch weniger zu erwarten. Die rechte Partei UDF ist dafür, die vorhandenen Kernkraftwerke bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten und Lebensdauer zu nutzen. Der Energiekonzern EDF ist heute in der Hand von Finanziers, die nur auf Gewinn fixiert sind, während es früher Ingenieure waren, die immerhin noch die Möglichkeiten und auch die Risiken realistisch einschätzen konnten.

Sie erwarten am Samstag auch Teilnehmer aus Deutschland. Welche Rolle spielt Solidarität unter den Atomkraftgegnern?
Frankreich ist leider das am stärksten nuklearisierte Land der Welt. Dass es bei uns eine starke Lobby für die Atomkraft gibt, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Frankreich Atomwaffen besitzt, die General de Gaulle entwickeln und bauen ließ, um auf Augenhöhe mit den USA zu gelangen. Wir brauchen diese Solidarität, von den Deutschen und darüber hinaus auf europäischer Ebene.

In welcher Hinsicht sind die Deutschen den Franzosen voraus?
Deutschland ist in vieler Hinsicht ein Modell für uns, vor allem was die Diskussion in der Öffentlichkeit und ihre Mobilisierung betrifft. Das hat ja letztlich zum Beschluss über den Ausstieg aus der Atomenergie geführt. Deutschland macht vor, dass die alternativen Energien neue Arbeitsplätze schaffen, und schließlich ist ja auch der Abbau der stillgelegten Kernkraftwerke ein Zukunftsmarkt.

Fragen: Ralf Klingsieck

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