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Einhorn mit Kopftuch

Das Genre Kiezkantate etabliert sich mit »Neuköllateralschaden«

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Neuester Schrei in Paris: Opernbesucher singen Chorpartien mit. Professionelle Sänger laden dazu ein und stiften damit auch Leute zum Musiktheatergenuss an, die sonst nie zu einem Schritt über die Schwelle eines Hochkulturmusiktempels ausgeholt hätten. Ein Anspruch, dem sich in Berlin die Neuköllner Oper schon lange stellt. Hier wird zwar nicht mitgesungen. Für überraschendes Herangehen an musikalische Werke ist das Musiktheater indes schon lange bekannt.

Mit der neuesten Inszenierung »Neuköllateralschaden« im Studio des Hauses am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße widmen sich die Künstler der kleinen Form. Das dazu erfundene Genre Kiezkantate setzen Textautoren und Sänger gemeinsam um. Das neue Genre ging aus einem bundesweiten Wettbewerb hervor, bei dem sich sechs Autoren - angeführt vom Schriftsteller Feridun Zaimoglu - in literarischen Recherchen »hart an der Bordsteinkante« übten. Ergebnis war 2012 eine Uraufführung und ein Workshop von Neuköllner Oper und Heinrich-Böll-Stiftung. Inzwischen ist das Forschungsprojekt Institut für postneurotische Oper (IPO) in Neukölln dafür zuständig.

Denn drei Autoren trieben ihre Recherchen weiter und spielen selbst wieder mit. In den 75 Minuten des unter Regie von Mona Kraushaar uraufgeführten »Neuköllateralschadens« verbinden sich die drei Arbeiten »Gottes Segen in Neukölln« von Felix Kracke, »Uschi & Bolle« von Uta Bierbaum und die »Kiezkauzkantate« von Alexander Capistran. Die aus größeren Neuköllner-Oper-Produktionen bekannten Sänger Julia Gámez Martin und Kristofer Benn unterstützen die Szenen. Tobias Bartholmeß haut in die Tasten.

Felix Kracke führt die von jeder Festlegung befreite Aussage, dass Gottes Wege unergründlich seien, vor seinem Umsonstladen des Vereins Teller Gottes ins Absurde. Davor hat er zwei dumpfe Wachschützer postiert. Der unglaublichen Begegnung mit einem vom Allmächtigen in die plötzlich von Vogelgezwitscher erfüllte Karl-Marx-Straße gesandten Einhorn würden Gelehrte allerdings nicht weniger dämlich gegenüberstehen. Geschickt baute Kracke vorösterlich passend Auferstehungsmythen ein.

Uta Bierbaums Uschi liebt Inseln. Die Raucherinsel vor der Klinik nicht. Kurz nach deren Besuch bricht sie ihre Schwangerschaft ab. Ihr Bolle sagt, ihm wäre ein Kind im Weg. Kein Wunder, er ist ja selbst noch eins. Gut beobachtet, wie unterschiedlich beide danach empfinden. Ach, Uschi. Sie geht so gern in den Buchladen, weil es dort ruhig ist. Und sie wäre gern Lana del Rey.

Für die »Kiezkauzkantate«, in der wiederum alle Beteiligten mitspielen, porträtierte Alexander Kapistran seinen Kiezkauz Heinz, der 1962 durch einen selbst gegrabenen Tunnel aus dem Osten kam. Bis heute dürfe kein Sandgebäck in seine Nähe. Jetzt begreift er sich als Ur-Neuköllner und verprügelt zusammen mit der türkischen Nachbarin den mit goldener Krone geschmückten anrückenden Immobilienfuzzi. Ein herrlicher Spaß, der samt auftauchendem Quartiermanager und anderer nicht im Miteinander, sondern im Gegeneinander-Anreden gipfelt. Da erscheint auch das Einhorn wieder. Mit Kopftuch. Gottes Wege sind unergründlich.

8., 9., 14. und 22.3., 20 Uhr, Neuköllner Oper, Tel.: 68 89 07 77

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