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Englisch statt Amtssächsisch

Ausländerbeauftragter fordert eine bessere »Willkommenskultur« für internationale Fachkräfte

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sachsens Industrie braucht Fachkräfte auch aus dem Ausland. Damit sie kommen, sollen Behörden, Schulen und Bürger freundlicher werden, erklärte der sächsische Ausländerbeauftragte Martin Gillo gestern bei der Vorstellung seines Jahresberichts.

Wer als Ausländer in Deutschland in eine Krankenversicherung eintreten will, benötigt einen Aufenthaltstitel. Wer einen Aufenthaltstitel beantragen will, muss nachweisen, dass er krankenversichert ist. »Da beißt sich die Katze in den Schwanz«, sagt Martin Gillo, Ausländerbeauftragter in Sachsen. Er merkt an, das sei »ein wenig wie beim Hauptmann von Köpenick«.

Informatikexperten aus Indien oder Biochemiker aus China werden die Amtsposse um den Schuhmacher Friedrich Wilhelm Voigt nicht kennen; ihr Verhältnis zu den Behörden und damit zu Deutschland dürfte derlei Bürokratie aber auch trüben. Schlecht für Sachsen, sagen Unternehmensvertreter wie Jörg Drews von dem Dresdner Chipriesen Globalfoundries. Große Firmen bräuchten hoch spezialisierte Experten, aber »diese haben die Wahl« zwischen Sachsen und anderen Weltgegenden. »Wir wollen«, sagt Drews, »dass Sachsen ihre erste Wahl ist und bleibt.« Das will auch Gillo, der von den Behörden und anderen Einrichtungen daher eine bessere »Willkommenskultur« fordert. Dahinter steht die Einsicht, dass allein bessere rechtliche Rahmenbedingungen für die Experten nicht ausschlaggebend sind. Zwar erhalten diese dank der 2012 eingeführten Blue Card unproblematischer ein Visum. Ob sie tatsächlich eine Stelle in Deutschland annehmen, hängt aber auch zu einem guten Teil davon ab, wie unbürokratisch die Meldeformalitäten erledigt werden, ob sie eine Wohnung und einen Job für den Partner finden oder ob es den Kindern möglich ist, ein Gymnasium zu besuchen.

Gillo plädiert deshalb für mehr Offenheit beispielsweise bei Behörden - etwa, indem die Zuzügler dort nicht in kompliziertem Amtsdeutsch begrüßt werden: »Das ist ja schon für Deutsche schwer verständlich.« Statt dessen sollte die Verständigung zumindest auch in Englisch möglich sein. Bisher ist nicht einmal überall eine freundliche Begrüßung garantiert: In manchen Behörden hänge das davon ab, ob man an den richtigen Bearbeiter gerate oder einen Vertreter der Firma mitbringe.

Ähnlich kann es den Fachleuten bei der Wohnungssuche gehen: In Dresden sorgte voriges Jahr ein Fall für Schlagzeilen, bei dem der Großvermieter Gagfah zwei ausländischen Wissenschaftlern zunächst keinen Mietvertrag geben wollte. Einer Befragung zufolge, die Gillo für seinen Jahresbericht 2013 in Auftrag gegeben hat, ist das kein Einzelfall. 42 Prozent der Zuwanderer selbst in Dresden fühlen sich bei der Wohnungssuche benachteiligt. In den öffentlichen Verkehrsmitteln fühlen sich 15 Prozent unsicher. Ein Drittel der Befragten gab an, bereits Abneigung in der Öffentlichkeit erfahren zu haben, und jeder zweite hat das Gefühl, in Dresden als Fremder wahrgenommen zu werden.

Allerdings erkennen immer mehr sächsische Kommunen, dass Zuzügler kein lästiges Problem, sondern eine Bereicherung sind. In Chemnitz etwa arbeiten Verwaltung, Kammern, Firmen und die Universität an einem Konzept zur Willkommenskultur, sagt Heike Steege, die im Sozialamt einen Arbeitskreis dazu leitet. Geplant sind mehrsprachige Broschüren für ausländische Fachkräfte und für Asylbewerber; auch Formulare und Internetseiten sollen »mindestens in Englisch und Russisch« abzurufen sein. Ein Problem gibt es, räumt Steege ein: Viele Behördenmitarbeiter beherrschen die Fremdsprachen nicht gut genug.

Überhaupt rührt der teils abweisende Umgang mit Zuwanderern in Behörden womöglich auch daher, dass dort kaum jemand arbeitet, der sich aus eigener Erfahrung in deren Bedürfnisse einfühlen kann. Während der Ausländeranteil in Sachsen bei 2,9 Prozent liegt und etwa 4,5 Prozent einen deutschen Pass, aber ausländische Wurzeln haben, dürfte der Ausländeranteil in den Ämtern viel niedriger sein.

Zwar fehlten präzise Statistiken, sagt Gillo: »Mein Gefühl ist aber, dass Migranten in Sachsens Behörden und der Kommunalpolitik unterrepräsentiert sind.« Von rund 200 Stadträten in den Großstädten Dresden, Leipzig und Chemnitz kommt nur ein einziger aus einer Migrantenfamilie.

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