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Im Dunkel der Spalt

Jürgen Rennert zum 70.

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Auf die Frage, wie Gedichte zu lesen seien, wartete Jürgen Rennert vor vielen Jahren mit einer verblüffend technokratischen, schier poesiefeindlichen Antwort auf: »Ein Gedicht soll man lesen wie die Bedienungsanleitung einer soeben erworbenen, höchst kostspieligen, mit neuesten technischen Raffinessen ausgestatteten Waschmaschine.« Also staunend, ungläubig, sehr in Gefahr, am Text zu verzweifeln. Toll. Wer hilft bei Rilke? Bosch. Wer hat den Code für Tranströmer? Siemens. Wer öffnet Wege zu Hölderlin? Miele.

Wer selbstironisch zu solch zwinkernd schiefem Vergleich greift, der will das Missverständnis feiern, als sei dieses der einzige Weg zur Wahrheit. Vielleicht stimmt das ja: Dichtung setzt sich naturgemäß der Verkanntheit aus, sie lebt oft nicht hinter offenen Toren, sondern in der Verschlüsselung. In der letzten DDR-Lyrikanthologie 1989, »Selbstbildnis zwei Uhr nachts«, einem so schönen, in den Wendewirren aber untergegangenen, verlorenen Buch, da schreibt Rennert über das Metaphorische: »Weder Pfosten noch Tür, doch im Dunkel/ Der Spalt. Das Durchscheinende/ Verrät ihn, verrät uns.«

Ihn, uns. Wir, er. ER. Was Gott zu sagen habe, so Rennert, sage er durch Menschen. »Unabhängig davon, ob sie ihren Auftraggeber kennen, nicht kennen oder verleugnen.« Aber auch »unabhängig davon, ob man den jeweiligen Menschen «kennt, nicht kennt oder verleugnet». Der Mensch in dieses Christen Werk: ein Kind, wachsend unter der Urlast der Geschichte, so geprüft, dass herabfallende Tränen Schlaglöcher säen könnten. Aber nur auf Siegesstraßen.«

Rennert - 1943 in Westberlin geboren, in der DDR Schriftsetzer, Hilfspfleger, dann Werberedakteur, Bausoldat, ab 1990 fünfzehn Jahre beim Kunstdienst der Evangelischen Kirche in Berlin - ist ein Dichter der gefallenen Engel. Er mag sie. An deren Versehrtheit, schrieb er, »gesundet mein Gedächtnis«. Der Poet als weiterlebender Teil des Gestürzten, des Gescheiterten, des Gebrechlichen, »ich stehe auf den Schultern der Versunkenen, ich benutze die Sprache der Vernutzten«. Der aufrechte Gang: Zu lernen ist er bei den Gebeugten, den Niedergeworfenen. Gesellschaftlich gesehen: »Der Sozialismus ging vorbei/ in den auf ihn getauften Ländern./ Das setzt die Ungetauften frei,/ sich, dies kapierend, zu verändern.«

Er ist in Ostberlin ein Pionier jiddischer Kultur gewesen. Seine Gedichte (»Märkische Depeschen«, »Hoher Mond«), seine Essays (»Ungereimte Prosa«, »Angewandte Prosa«), seine Kinderbücher (»Emma - die Kuh«, »Wie der Elefant entstand«) - alles bildet ein Werk, das die Jahre streckt mit heiteren und klagenden Seufzerlängen. Eine Weltbegehung durch den Ort, der uns ans Hoffen und ans Harren fesselt.

Heute wird Jürgen Rennert 70 Jahre alt.


Die mich nicht liebt, will mich erziehen;
Der, die mich liebt, will ich entfliehen.

Die mich nicht liebt, sagt mir kein Wort,
Und die mich liebt, kennt nicht den Ort.

Die mich nicht liebt, liebt mich vielleicht
So wie ein Wind die Segel streicht.
(Aus »Closed, Station 4 B, Griesinger«, im Band »Hoher Mond«, 1983)

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