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Das letzte seiner Art

Zwischen Desinteresse und Durchhaltewillen: In Hamburg erlebt das Occupy-Camp seinen zweiten Winter

Die Occupy-Bewegung ist aus den Metropolen weitgehend verschwunden. Nur in Hamburg harren Aktivisten weiterhin in Zelten aus. Sie hoffen, dass mit dem Frühjahr auch das Leben ins Camp zurückkehren wird.

Die Sonne scheint über den Gertruden-Kirchhof. Das hektische Treiben der Hamburger Innenstadt bildet einen Kontrast zur »Occupied City«, die ein knappes Drittel des Platzes zwischen Banken, Schallplattenladen, Kaufhaus und Thalia-Theater einnimmt. Politische Slogans wie »Geld regiert die Welt. Aber wer regiert das Geld?« stehen hier neben längeren Ausführungen des Philosophen Erich Fromm. Im Herbst 2011 begann die Occupy-Bewegung in New York vor der Wallstreet. Sie fand international Nachahmer - auch in Hamburg, wo die Bankengegner am 15. Oktober 2011 ihr Lager aufschlugen.

»In der Winterzeit heißt es Durchhalten bei minus fünf bis minus 15 Grad«, sagt Leonard Loch: »Jeder, der da ein bisschen Aktionismus vermisst hat, war gern eingeladen.« Loch gehört zu dem einen Dutzend Menschen, das im Camp von Occupy-Hamburg überwintert hat, dem letzten seiner Art in Deutschland. Die Occupy-Bewegung ist aus den Metropolen weitgehend verschwunden, manchmal aus eigener Ermüdung, oft durch Räumung wie in Kiel, Düsseldorf und Frankfurt am Main.

Feuerholz, Lebensmittel, Mut und Wissen

Auch in Hamburg wurde über den Fortbestand diskutiert. Der CDU-Lokalpolitiker Jörn Frommann forderte die Auflösung des »rechtsfreien Raums« aus Zelten und Holzhütten, in denen gekocht wird. »Hier wird öffentlicher Raum für Wohnungssuchende missbraucht«, wetterte sein grüner Kollege Michael Osterburg.

»Selbst wenn es ein Obdachlosen-Camp wäre: Warum nimmt man sich das Recht, Menschen aus dem Sichtfeld zu nehmen?«, kontert Paul Bollerott. Der 24-Jährige ist seit dem vorigen Sommer im Camp, zuvor war er Mechatroniker bei Daimler. »Ich habe gekündigt mit der Frage: Was sind eigentlich meine Bedürfnisse?« Er wolle seine »Zeit direkt gestalten«, sagt Bollerott. Zwar häufe die Gesellschaft materiellen Reichtum an, doch seien viele »Menschen wesentlich gestresster und angespannter durch diesen Kreislauf von Arbeit und Konsum«.

Auf einem Schild wünschen sich die Aktiven Feuerholz, Lebensmittel, Baumaterial, aber auch »Unterstützung: Mut, Wissen, Unvoreingenommenheit«. Die in der Hansestadt allein regierende SPD hat dem Camp inzwischen eine Art Bestandsgarantie erteilt. »Kein Politiker sollte den Aktivisten vorschreiben, wie sie zu protestieren haben«, erklärte Falko Droßmann, Fraktionschef in der zuständigen Bezirksversammlung Hamburg-Mitte. Der sozialdemokratische Bezirksamtschef Andy Grote bekräftigte: »Die Teilnehmer haben sich an alle Auflagen wie Sauberkeit, Lautstärke und Verzicht auf offenes Feuer gehalten.«

Mit den wärmeren Temperaturen im nahenden Frühjahr soll wieder mehr Leben einkehren. Einmal pro Woche findet ein Plenum statt. Bollerott sieht das Camp als »Plattform zum Vernetzen und Treffen, gleichzeitig als ganz anderen, praktisch gelebten Lebensentwurf: Das, was man sich vorstellt, lebendig zu gestalten.« Dieses eher ganzheitliche Konzept macht die Occupy-Bewegung schwer fassbar. In einer Deklaration haben die Hamburger Okkupanten in der Diktion des kürzlich verstorbenen Stéphane Hessel 42 Empörungspunkte zum bestehenden Weltwirtschaftssystem aufgeführt und eine »ethische Revolution« gefordert. »Die Occupy-Bewegung hat sich in den verschiedenen Weltteilen als parteilos definiert, was strikte Forderungen eher ausschließt«, erklärt Loch.

Skepsis und Desinteresse

Der 38-jährige Betriebswirtschaftler schaut gern aufs große Ganze, manche seiner Positionen sind kaum von der umstrittenen »Zeitgeist«-Bewegung zu unterscheiden, der Kritiker Verschwörungstheorien vorwerfen und die eine Zeit lang das Frankfurter Camp unterwandert hatte. »Kapital- und Immobilienerträge werden weniger besteuert als Leute, die in einem solidarischen Pakt Leistung bringen«, beanstandet Loch. Bollerott redet engagiert über Defizite des Bildungssystems. Der einstige Autobauer überlegt, eine Ausbildung zum Pädagogen zu absolvieren.

Vier Jugendliche durchqueren das Camp derweil als Abkürzung ihres Innenstadt-Parcours. »Na ja, wir sind ja ein freies Land«, sagt eine junge Frau. Es klingt skeptisch und sehr distanziert. Ein Politiker habe sie bisher noch nicht besucht, berichten die Aktiven. Die größte Annäherung fand ausgerechnet durch den Hardliner Frommann statt. Der CDU-Fraktionschef Mitte ließ sich fürs Fernsehen vor dem Camp filmen.

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