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Vom Tag zur Nacht von Potsdam

Brandenburg und seine Hauptstadt erinnern an die Nazi-Inszenierung vom 21. März 1933 - der Streit um die Garnisonkirche geht weiter

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 6 Min.

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Adolf Hitler begrüßt den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg vor der Potsdamer Garnisonkirche. Der Handschlag am 21. März 1933 macht den faschistischen Emporkömmling in den Augen dünkelhafter preußischer Offizieren hoffähig. Der Termin ging als Tag von Potsdam in die Geschichte ein und wirkt bis heute nach.

Die Nazis instrumentalisierten die Potsdamer Garnisonkirche: Je nach Blickwinkel war das schamlos oder folgerichtig. Sie inszenierten hier am 21. März 1933 die Eröffnung eines Reichstags, dem die kommunistischen Abgeordneten bereits fernbleiben mussten. Diese Tatsache ist längst nicht das einzige Argument der Gegner des Wiederaufbaus der Kirche, die im Zweiten Weltkriegs zerstört und 1968 gänzlich beseitigt wurde. Es ist aber ein starkes Argument, das zum 80. Jubiläum des Ereignisses wieder ins Feld geführt wird.

Die Fixierung einer 300-jährigen Geschichte auf einen einzigen Tag wäre falsch, meint Pfarrer Martin Vogel, Theologischer Vorstand der Stiftung für den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Außerdem könne ein Gebäude ja nichts dafür, was in ihm geschehe.

»Es war eben nicht nur ein Tag«, betont dagegen Aktionskünstler Günter zur Nieden. Für die Nazis sei die Kirche ein Ort ihrer Triumphe gewesen, auf den sie sich immer wieder bezogen. Die Zerstörung in einer Bombennacht im April 1945 könne man als ein Gottesurteil ansehen, findet zur Nieden. Anselm Weidner von der Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche sagt: »Dass man heute wieder über die preußischen Tugenden reden kann, ohne über den preußischen Militarismus zu reden, das ist fatal.«

Die Bürgerinitiative veranstaltet am 21. März um 17 Uhr in Potsdam an der Breiten Straße eine Kundgebung - also dort, wo die Kirche gestanden hat und wieder stehen soll. Die Initiative wäre mit 100 Teilnehmern schon zufrieden. Denn der aktive Widerstand gegen den Wiederaufbau ist nicht sehr zahlreich, man fühlt sich von den Sozialisten im Stich gelassen. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass die Begeisterung für den Nachbau der Garnisonkirche sonderlich groß wäre. Die Spenden kommen keineswegs so reichlich, wie einmal geglaubt. 100 Millionen Euro wären notwendig, aber erst fünf Millionen sind eingetrudelt und vier Millionen bereits verbraucht. Trotzdem glaubt die Stiftung, 2014 mit dem Bau des 40 Millionen Euro teuren Turms beginnen zu können und ihn 2017 fertig zu haben. Theologe Vogel hofft, was die Spenden betrifft, auf ein Wunder. Der Bauantrag ist eingereicht, aber noch nicht genehmigt.

Das Geld könnte besser verwendet werden, heißt es aus den Reihen der Bürgerinitiative. Ein zusätzliches Gotteshaus werde nicht gebraucht. Die Garnisonkirche könnte ein Wallfahrtsort von Neonazis werden. Ausgerechnet die Militärseelsorge sei bislang der großzügigste Sponsor, wird moniert.

Pfarrer Vogel macht es sich mit seinen Antworten nicht leicht. Die evangelische Kirche habe sich mit der dunklen Seite ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt, sagt er. Zwar gab es eine Bekennende Kirche, die sich den Faschisten widersetzte. Doch warum zählte diese nicht mehr Anhänger und warum hat es eine ähnliche kirchliche Friedensbewegung im Ersten Weltkrieg nicht gegeben? Warum waren die Protestanten anfällig für den Antisemitismus? Doch das sind für Vogel keine Gründe, den Wiederaufbau nicht zu wollen. Seiner Ansicht nach wäre es lohnend, einen Ort zu gewinnen, »wo man Geschichte durchschreiten« und sich mit ihr beschäftigen kann, obwohl es weh tut. Was die Militärseelsorge betreffe, so seien die Geistlichen nicht in die Befehlskette der Bundeswehr eingereiht. Zu den Auslandseinsätzen der Armee sagt Vogel, diese Frage zerreiße die evangelische Kirche genauso wie die Gesellschaft. Es könne doch Situationen geben, wo die Überzeugung, nie eine Waffe in die Hand zu nehmen, vielleicht falsch sei - wenn es etwa darum gehe, Völkermord zu verhindern.

Die LINKE sei nicht für den Wiederaufbau der Kirche, sie sei aber auch nicht dagegen, beschreibt der Kreisvorsitzende Sascha Krämer die Haltung der Partei. »Es gibt mehrere Gründe, diese Kirche nicht zu bauen«, sagt er unter Verweis auf die Stadtentwicklung und die belastete Geschichte des Gebäudes.

Wichtig ist den Genossen, dass keine öffentlichen Gelder in das Projekt fließen. Darauf wollen sie achten. Lassen die Sozialisten die Bürgerinitiative im Stich? Nach Krämers Darstellung kann davon keine Rede sein. Denn die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Linksfraktion laden ein zu einer Veranstaltung, die bewusst auf den Vortag des 21. März gelegt wurde. Das soll es den Gästen ermöglichen, auch zu der Kundgebung der Bürgerinitiative zu gehen, sagt Krämer. Diskutieren werden am 20. März um 18 Uhr im Alten Rathaus am Alten Markt Pfarrer Vogel, Finanzminister Helmuth Markov (LINKE) und Historiker Kurt Pätzold.

Diese Diskussion ist eine von vielen Veranstaltungen zum Jahrestag. Ein Antifabündnis organisierte gleich eine ganze Reihe unter dem Titel »Vom Tag zur Nacht von Potsdam«. Bis zum 26. April soll es Kundgebungen, Vorträge, einen Filmabend und eine Satireaufführung geben. Gezeigt werden soll, dass die Unterdrückung progressiver Bewegungen in und durch Preußen maßgeblich dazu beigetragen habe, »dass in Deutschland niemals eine erfolgreiche bürgerliche, geschweige denn proletarische Revolution stattfinden konnte«.

Das offizielle Veranstaltungsprogramm der Stadt beschränkt sich auf vier Tage. Los geht es heute um 11 Uhr an der Landtagsbaustelle, wo ein Platz den Namen von Otto Braun erhält. Der Sozialdemokrat war in der Weimarer Republik preußischer Ministerpräsident, bevor ihn die Nazis kurzerhand aus dem Amt jagten. Für Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ist Potsdam durch den 21. März 1933 mit den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte verbunden. Die Stadt habe sich deshalb entschieden, »dass wir diesen Tag nicht einfach aussitzen wollen«.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hatte am Sonntag an den Beginn der Hitler-Diktatur vor 80 Jahren in Deutschland erinnert und zugleich Wachsamkeit gegen rechtsextremistische Umtriebe angemahnt. In seiner Videobotschaft (www.brandenburg.de) betonte der Regierungschef, für die Brandenburger spiele der 21. März 1933, der Tag von Potsdam, eine besondere Rolle. »Das Ganze war eine Farce, denn die kommunistischen Abgeordneten waren davongejagt oder schon eingesperrt, die Sozialdemokraten boykottierten das makabre Schauspiel«, sagte Platzeck. Der Ministerpräsident mahnte: »Dieser Tag und das gesamte Jahr 1933 müssen fest verankert bleiben in unserer Erinnerung.«

Auch in der provisorischen Kapelle am neu gelegten Grundstein der Garnisonkirche gibt es Veranstaltungen. Für heute 19 Uhr ist ein Rückblick auf den Tag von Potsdam mit dem Zeitzeugen Pfarrer Wilhelm Stintzing geplant.


Pausenzeichen im NS-Rundfunk

Die evangelische Garnisonkirche wurde auf Beschluss des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. ab 1730 in Potsdam errichtet. 1740 wurde der König in der Gruft der Kirche beigesetzt, 1786 wurde dort auch sein Sohn Friedrich II. bestattet. Die Militärkirche entwickelte sich zum Symbol und Verehrungsort der preußischen Monarchie. Am 21. März 1933 nutzten die Nazis der Ort zur Inszenierung der Eröffnung des neu gewählten Reichstags. Bei dem Staatsakt mit Reichspräsident Hindenburg gab Hitler dort eine Regierungserklärung ab. Eine Melodie des Glockenspiels der Kirche erklang bis 1945 als Pausenzeichen im NS-Rundfunk. Bei einem alliierten Luftangriff im April 1945 brannte die Kirche aus, 1968 wurde die Ruine angerissen. Seit den 90er Jahren bemühen sich verschiedene Akteure um den Wiederaufbau der Kirche. 2005 wurde am historischen Standort der Grundstein dafür gelegt und 2008 die kirchliche Stiftung für den Wiederaufbau gegründet, an der auch Potsdam und das Land Brandenburg beteiligt sind. Die Bauarbeiten wurden mehrfach verschoben und sollen nun 2014 beginnen. Der Wiederaufbau soll aus Spenden finanziert werden, was Kritiker bezweifeln. (epd/nd)

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