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Die doppelte Säuberung

Syrer werden konfessionell selektiert: Durch syrische Rebellen und deutsche Behörden

Die Bundesregierung kündigt die Aufnahme von syrischen Flüchtlingen an: in einem mit 5000 Menschen lächerlich niedrigen Ausmaß und nach konfessionellen Kriterien, wie man sie sonst von syrischen Konfliktparteien kennt.

»Trifft einer aus Homs einen Alawiten und fragt: Was kostet der Esel? Bist du dumm, das ist ein Hase, antwortet der Alawit. Sagt der aus Homs: Ich habe ja auch mit dem Hasen gesprochen.« Dass er wie der syrische Präsident Bashar al-Assad zur Konfession der Alawiten gehöre, war früher schlimmstenfalls Anlass zu Witzen auf dem Schulhof, erzählt Khalid. Nun lebt er als Flüchtling mit drei Freunden in einer winzigen Kellerwohnung in der jordanischen Hauptstadt Amman.

Der 24-jährige Khalid gehört nicht zu jenen Syrern, denen Hans-Peter Friedrich (CSU) nun die Einreise gestatten will. 5000 syrische Flüchtlinge wird Deutschland in diesem Jahr aufnehmen, kündigte der Bundesinnenminister am Mittwoch in Berlin an. Eine Delegation soll die Privilegierten in Flüchtlingslagern auswählen. Neben der Schutzbedürftigkeit und der Frage, ob es Verwandte in Deutschland gibt, soll dabei auch das Bekenntnis zum Christentum eine Rolle spielen.

»Mein Gott ist am ehesten Lionel Messi«, lacht Khalid. Doch auch er hat erfahren, dass die Religionszugehörigkeit in Syrien Lebensgefahr bedeuten kann. Vor fast einem Jahr verließ der Maschinenbaustudent seine Heimatstadt Homs: Wie viele andere Alawiten wurde er vor die Wahl gestellt: »Entweder du schließt dich den Rebellen an, packst deine Sachen oder stirbst.«

Ganze Stadtviertel seien mittlerweile nach ethnischen und konfessionellen Kriterien gesäubert, berichten Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten über das Land, das einst für das friedliche Zusammenleben verschiedener Konfessionen bekannt war. Trotzdem: Statistiken, die belegen, dass Christen oder eine andere der 16 syrischen Konfessionen größerer Verfolgung ausgesetzt sind, gibt es nicht. »Wir durchleben dieses Trauma gemeinsam«, sagt Khalid. »Die Bomben aus Assads Flugzeugen interessiert es nicht, zu welchem Gott du betest«, fügt er resigniert hinzu.

Hilfe aus Deutschland bekommen syrische Flüchtlinge dabei kaum: 1,1 Millionen Menschen haben in den letzten beiden Jahren nach aktuellen Zahlen des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge das Land verlassen. Lediglich 8000 Syrer hat Deutschland im letzten Jahr aufgenommen. In etwa so viele sind es in Jordanien am Tag, erklärt die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Die Ankündigung des Innenministers kritisiert sie in einer Erklärung als »bei weitem nicht ausreichend«, zumal bis heute ein 2009 mit Syrien geschlossenes Rückübernahmeabkommen die Abschiebungen von Flüchtlingen in das Kriegsland erleichtere.

Das Leid der wenigen Syrer, die erfolgreich nach Deutschland flüchteten, kennt Martina Mauer vom Berliner Flüchtlingsrat: »Täglich rufen uns Menschen an, die verzweifelt versuchen Angehörige nachzuholen.« Erfolg hätten sie dabei so gut wie nie.

Trotzdem bereitet nun auch Khalid mit Aushilfsjobs seine nächste Flucht vor. Auch er will in Deutschland sein Glück suchen: als illegaler alawitischer Migrant, dem syrische wie deutsche Machthaber keine andere Wahl lassen, und als verzweifelter Mensch.

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