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Mit »Mizerja« in die Europäische Union

Kroatien: Begegnungen mit Leuten und Landschaft im Herzen Dalmatiens zwischen Adriaküste und Hinterland

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 5 Min.

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»Natürlich mögen wir auch die vielen Touristenbusse mit ihren Besuchern in der Hochsaison, denn schließlich leben wir von deren Eintrittsgeldern«, sagt Tihana Medic. »Doch am schönsten ist der Skradinski buk ja eigentlich Ende Mai und zum Sommerausklang im September«, verrät die promovierte Geologin. Sie arbeitet im Nationalpark Krka, 15 Kilometer landeinwärts vom Städtchen Sibenik an der Adriaküste - in Mitteldalmatien also, dem Herzen der kroatischen Adria, wie sie hier gern sagen.

Der Skrandinski buk, an dem wir mit Tihana Medic stehen, ist die wohl spektakulärste Wasserkaskade einer ganzen Kette solcher, wie sie auf Serbokroatisch heißen, buki oder slapi oder padi im über 100 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet. Der Krka-Fluss hat sie modelliert, indem er sich vor Urzeiten einen wilden Weg durch den Karst bahnte. Im Auslaufbecken des Skrandinski buk ist übrigens auch Schwimmen erlaubt. Derzeit mag ein Entspannungsbad nun nicht gerade zu empfehlen sein, aber zwischen April und Oktober unbedingt. Beruflich sind hier einst berühmte Leute wie Pierre Brice und Gojko Mitic des öfteren rein gehechtet. Nämlich als Winnetou und Tokei-ihto, denn West wie Ost drehten hier in Jugoslawien ihre Indianerfilme.

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Die Krka immer weiter flussauf landet man an einer ihrer Hauptquellen bei der Stadt Knin, nicht weit der Grenze zu Bosnien. Gerade erst noch eine Fantasie beflügelnde, überwältigende Landschaft, nun diese unscheinbare, eher ärmliche Stadt. Deren jüngere Geschichte zudem alle romantische Indianerspielerei rasch in die Realität des ordinärsten Kriegsernstes zurück holt. Vor allem wenn man Ante Simunac* zuhört. Der pensionierte Geodäsieingenieur arbeitet als passionierter Regionalzeitgeschichtler für eine kroatische Nichtregierungsorganisation. Wenngleich sie das auch nur in bescheidenem Maße zu schaffen in der Lage ist, kümmert sie sich um Objektivität in der Betrachtung des jugoslawischen Sezessionskrieges 1991 - 95 und um Aussöhnung der einstigen Gegner.

Während des Bürgerkrieges war Knin die Hauptstadt einer zeitweiligen »Republik Serbische Kraijna« und rückte immer wieder in den Brennpunkt der Kämpfe. Serbische wie kroatische Ultra-Nationalisten vertrieben gegenseitig die »gegnerischen« Ethnien mit Massakern und Brandschatzung. Das leidvolle Hin und Her illustriert Ante Simunac an der Bevölkerungsbewegung von Knin: 1991 lebten hier Serben und Kroaten im Verhältnis 85:15 Prozent, 1994 gab es nur noch wenige hundert Kroaten, seit 2005, also nach der abschließenden siegreichen kroatischen Militäroperation »Oluja«, kehrte sich das Verhältnis Serben zu Kroaten auf 20:80 um.

Die führenden Generäle dieses beiderseitigen Genozids standen und stehen in Den Haag vor Gericht, wurden verurteilt (vor allem Serben) oder frei gesprochen (vor allem Kroaten). »Doch uns hilft heute weder das eine noch das andere«, sagt Simunac, dessen Vater Kroate und dessen Mutter Serbin war. Die sich entlang der bosnischen Grenze hinziehende, fast das gesamte mittelkroatische Hinterland umfassende Kraijna gehöre heute zu den ärmsten Gebieten des ganzen Landes. In der Schraubenfabrik von Knin gab es einst 3000 Arbeitsplätze, heute seien es knapp 300. Und wer wisse schon, was der für diesen Sommer geplante EU-Beitritt bringe, fragt der 69-Jährige. Eigentlich wäre es ja schon ein Segen, wenn dadurch aggressiver Nationalismus gebändigt würde, meint er. »Aber bei uns wird von der EU wohl wieder mal nur der Tourismus an der dalmatischen Küste etwas profitieren.«

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An der Adriaküste selbst hält sich diese Hoffnung eher in Grenzen. Käpt'n Josko Babic beispielsweise, mit dessen picobello Motorschiffchen wir vom Dörfchen Podgora an der Makarska Rivera zur Insel Brac übersetzten, ist sonst eigentlich immer sonnigen Gemüts. Neuerdings aber bejammert er all die obskuren EU-Vorschriften, denen er sich schon jetzt ausgesetzt sieht: neue Brandschutzanlage, neue Rettungsgeräte, kürzere Revisionszeiten für Schiffskörper und Maschine (die schon 35 Jahre dieselt!), neue Steuerformulare. Ähnlich ist es in den vielen kleinen und mittleren Hotels sowie in den Restaurants und Konobas, den für Dalmatien typischen Tavernen, zu hören. Unterschwellig mit der drohenden Option, unter EU-Bedingungen doch wohl bald die Preise erhöhen zu müssen.

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Als wir von der Inseltagestour unter dem grandiosen Panorama des Biokovogebirges wieder im kleinen Hafen von Podgora festmachen, kann sich Josko Babic die spitze Bemerkung nicht verkneifen, was er hier wohl künftig im EU-Kroatien an Liegegebühren werde berappen müssen. Na ja, der schlitzohrige Graukopf mit Gewerbe auf See und mit zwei Hektar Wein hinterm Haus dürfte es verkraften. Vielen anderen bleibt nicht viel mehr, als in der weiter nördlich gelegenen Küstenstadt Split besonders eifrig die glückversprechende linke große Zehe von Grugur Ninski zu streicheln oder gar zu küssen. Die glänzt deshalb wie schon lange nicht. Sie ist aus Bronze und gehört zu einer zehn Meter großen Plastik des mittelalterlichen Bischofs, die vor dem altstädtischen Goldenen Tor steht.

Die Küstenstraße mit ihrer sensationellen Panoramasicht nun noch etwas weiter erreichen wir Trogir, ein weiteres dalmatisches UNESCO-Weltkulturdenkmal.

Eingangs der Altstadtinsel erinnert eine Tafel an die hiesigen ruhmreichen Partisanenkämpfer im Zweiten Weltkrieg. »Die Leute von Trogir nennen wir Wendehälse«, lästert Ana Jelica, die aus dem nicht weit entfernten Sinj unlängst hierher geheiratet hat und mit ihrem Mann auf dem Markt an der Kardinal-Alojzije-Stepinac-Straße einen Imbissstand betreibt. »Früher galten sie in Dalmatien als die Eifrigsten in den kommunistischen Parteiversammlungen, heute rennen sie drei Mal am Tag in die Kirchen.« Wobei die Altstadt-Kirchen wahrlich lohnenswert sind, und die Sicht vom Turm der Johannes-Kathedrale ist es ganz besonders.

Ihr gegenüber in der so genannten Loggia, einem offenen venezianischen Gerichtsgebäude aus dem 14. Jahrhundert, intoniert ein Klapa-Quintett in wunderschönem Gesangssatz seine A-cappella-Weisen von Weib und Wein, Wunder und Weisheit. Klapagesänge sind in Dalmatien sehr lebendige, ja alltägliche Tradition. Kroatien wird sich im Mai sogar mit einem Klapalied am Euro Song Contest 2013 beteiligen. Für Malmö ist seit längerem der Titel namens »Mizerja« avisiert. Wer den für den Vorabend des am 1. Juni geplanten EU-Beitritts wohl ausgesucht haben mag? Denn Mizerja, dem Italienischen entlehnt, das ist auf Deutsch: Elend.

* Name von der Redaktion auf Wunsch des Gesprächspartners geändert

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  • Kroatische Zentrale für Tourismus, Hochstr. 43, Tel: (069) 23 85 35- 0, Fax: - 20, E-Mail: info@visitkroatien.de, Internet: www.kroatien.de

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