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»Nur« modernes Volkstheater

Neue Episoden aus Wedding und Prenzlauer-Württemberg

Kaum zu fassen. Was die Welt sucht, lagert im Keller des Weddinger Gewerbeamtes. Das Leichentuch Christi beispielsweise oder das Buch, in dem Aristoteles der gefürchteten Wirkung der Komödie nachging. Doch die Einbrecher aus dem Kiez halten sich nicht staunend auf. Schließlich ist ihnen der dagegen mickrige 30 Jahre alte Gründungsbescheid für Ahmeds Dönerbude »Chez Ölgür« wichtiger. Der wird gebraucht für das »Dönerjubiläum« in der 83. Folge der Theater-Sitcom »Gutes Wedding, schlechtes Wedding« (GWSW).

Fantastische Ideen und intelligenten Witz brachte Autorin Constanze Behrends wieder ein. Selbst agiert sie momentan nicht auf der Bühne des Prime Time Theaters. Dafür kann man sie in der ARD-Vorabendserie »Zwischen den Zeilen« sehen, wo sie eine »retschertschierende« Sekretärin in einer Lokalredaktion bei heiter bis tödlichen Kriminalfällen spielt.

Bei dem von ihr auch zum Lernen genutzten Ausflug in die Fernsehwelt verdient sie etwas Geld für das von ihr und Oliver Tautorat vor zehn Jahren gegründete Theater, für das sie schon über 100 Stücke schrieb. Für die Berliner Kulturförderer ist das nichts. Ganz lustig. Aber doch wohl keine Kunst? Hier gibt es »nur« modernes Volkstheater, bei dem sich »bloß« das Volk amüsiert.

Inzwischen fördert das Volk sein Theater sporadisch selbst. Ein für den Berliner Kulturetat paradiesischer wie peinlicher Zustand. Ein Weddinger trat schon als Sponsor für zwei GWSW-Folgen auf. Sollen die Leute ihren Volksspaß selber bezahlen. Das hat was Einzigartiges. In den Stücken geht es »nur« um Gentrifizierung, Gender-Diskussion, Generationenkonflikte. Die parodierte Art des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlichster Herkunft und der Politik, wie sie auf der Straße ankommt - bei weiterer Ignoranz könnte die Stadt sie verlieren.

Das Theater ist existenziell gefährdet. Seine Selbsthilfe erklimmt eine neue Stufe. In Kürze will die Bühne einen Förderverein gründen. Interessant zu sehen ist übrigens, dass sich mit der Existenz des Theaters und seiner dazu eingerichteten »Kantine« die Stadtlandschaft drumherum zum Positiven veränderte. Die hier auch ansässige SPD-Landeszentrale vermochte das nicht.

Türkische Frauen im Publikum konnten sich bei der 83. Folge kaum halten vor Lachen über die von Tautorat gespielte Großmutter Hülia Ölgür, die nunmehr als Kinderfrau in Prenzlauer-Württemberg bei Aromatherapeutin Theresa deren zwei Kinder fürs Leben stählt »...sonst isch mach disch platt!«. Doch Kindesvater Tömle, der gerade in Selbstfindung experimentiert, tröstet beim Kurzbesuch: »Nein, Kevin-Justin, keine Angst, die große dicke Frau in dem Zelt tut dir nichts an ...«

Als Tömle, als Postbote Kalles neu auftauchender Erzfeind Ole Fischkopp von der »Pinn AG« und als Rapper Mushido hatte Philipp Lang einen wuchtigen Start im Ensemble und stand Daniel Zimmermann (u.a. als Ahmed), Cynthia Buchheim (u.a. als Lichtenberger Punkerin Ratte) oder Alexandra Marinescu (u.a. als Klein-Machnower Cheerleaderin) in nichts nach. Die Komödianten sind so vielseitig, dass Neulinge unter den Besuchern wie immer verblüfft waren, dass sich beim heftigen Schlussapplaus nur fünf Schauspieler auf der Bühne verbeugten.

Natürlich wird das schwäbische Prenzlauer-Württemberg-Thema bei GWSW weiter gefüttert. Doch Behrends ging schon in der 82. Folge an die Wedding-Wurzeln zurück. Bei der Mischung mit aus anderen Bezirken schwappenden Ereignissen bewährt sich ihr Einfall der in einer früheren Folge gegründeten Weddinger High School mit Schülern aus verschiedenen sozialen Schichten und Ecken der Stadt und aus dem Umland. Lebenswege ihrer Verwandten sind oft überraschend verwoben. Die Autorin macht sich zunutze, dass Berlin das ist, was es immer war. Ein Dorf.

Bis 26.3., GWSW-Folge 83, Prime Time Theater, Müllerstr. 163/ Eing. Burgsdorfstr., Wedding, Tel.: 49 90 79 58.

www.primetimetheater.de

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