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Wandern am Olympiastadion

Lange Strecke der »nd«-Tour am 14. April umkurvt das Gelände der Spiele von 1936

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Anders lasse sich die Strecke hier nicht legen, sagt Gerhard Wagner vom Wandersportverein Rotation. Er sagt es, als müsste er sich dafür entschuldigen, dass wir über Straßen laufen anstatt durch Wälder oder Parks. Aber tatsächlich führt kein besserer Weg von der Murellenschlucht zum Spreeufer. So geht es also bei der 16 Kilometer langen Strecke der »nd«-Frühjahrswanderung am 14. April auch ein ziemliches Stück an der Jesse-Owens-Allee und der Trakehner Allee entlang. Doch das ist nicht schlimm, denn die Gegend ist keineswegs eine Betonwüste, sondern einigermaßen grün. Es handelt sich um das Olympiagelände von 1936.

Startpunkt für die 16 Kilometer lange Strecke - und auch eine elf Kilometer lange Strecke - ist am 14. April von 8 bis 11 Uhr der U-Bahnhof Ruhleben. Der Start des sieben Kilometer langen Abschnitts befindet sich am S-Bahnhof Jungfernheide. Auch hier können sich »nd«-Leser sowie ihre Freunde und Verwandten von 8 bis 11 Uhr auf den Weg machen. Ziel ist der Zollpackhof nahe des Bundeskanzleramtes. Kernstück des Geländes der Sommerspiele von 1936 ist das Stadion, in dem heute die Fußballmannschaft Hertha BSC ihre Heimspiele bestreitet. Architekt Werner March entwarf auch noch das Reiterstadion und die Hockey- und Tennisplätze, die ab 1934 in unmittelbarer Nachbarschaft errichtet wurden. Beim Bau der ebenfalls zum Olympiagelände gehörenden Waldbühne griff March auf Pläne von Conrad Heidenreich zurück. Hier finden heute vor allem Konzerte statt. 22 290 Plätze bieten die Zuschauerränge, die sich in den Abhang der Murellenschlucht hineinschmiegen. Bis 1945 hieß der Veranstaltungsort noch Dietrich-Eckart-Bühne. Eckart war Chefredakteur des »Völkischen Beobachters«.

Berlin hatte den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele erhalten, bevor die Nazis 1933 an die Macht kamen. Die Faschisten schlachteten das sportliche Großereignis dann für sich aus, setzten den Rundfunk gezielt ein und nutzten auch Leni Riefenstahls Dokumentarfilm »Fest der Völker« zur Propaganda. Aus den Olympischen Spielen eine Massenveranstaltung zu machen, war jedoch nicht ihre Idee. Schon die Spiele 1932 in Los Angeles hatten ähnliche Dimensionen. Sie zählten sogar noch mehr Zuschauer.

Gefeierter Ausnahmeathlet der Spiele von 1936 war sehr zum Ärger Adolf Hitlers ausgerechnet der farbige US-Amerikaner Jesse Owens. Die Zuschauer skandierten seinen Namen, und sie hatten ihn nicht vergessen. Als er lange nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westberlin reiste, wurde er begeistert empfangen.

Nicht vergessen werden dürfen aber auch jüdische Sportler wie Alfred Flatow und Lilli Henoch oder der Sinto Johann Trollmann. Litfaßsäulen vor dem Olympiastadion erinnern derzeit an ihr Schicksal. Der Turner Flatow gewann 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen mit der deutschen Mannschaft Gold. 1945 verhungerte er im KZ Theresienstadt. Leichtathletin Henoch stellte fünf Weltrekorde auf und erkämpfte bei Deutschen Meisterschaften zehn Titel. 1942 wurde sie nach Riga deportiert und wohl sofort nach der Ankunft erschossen. Boxer Trollmann, Meister im Halbschwergewicht, wurde im KZ-Außenlager Wittenberge totgeschlagen.

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