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Becketts »Artischockenherz«

»Das letzte Band« mit Klaus Maria Brandauer in Neuhardenberg

  • Von Kerstin Yvonne Lange
  • Lesedauer: 3 Min.

Es heißt, dass sich im Sterben das gesamte Leben in Sekundenschnelle vor dem inneren Auge abspult, Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten von einer langsamen und glücklichen Retrospektive. In Samuel Becketts Einakter »Das letzte Band«, gespielt in Neuhardenberg mit Klaus Maria Brandauer als Krapp, wird die Zeit in neu ausgeleuchteter Langsamkeit auseinander gezogen, und Krapps Leben spult sich in 90 Minuten unter dem Lichtkegel seiner Lampe ab.

Ein Mann, altersschwachsinnig, einsam und dem Alkohol verfallen, zieht mit langsamen Kopfbewegungen den Licht- und seinen Lebenskreis nach, der sich schließen wird, und dehnt seinen Blick ahnungsvoll in die Dunkelheit. Bevor sein Leben zerstiebt wie die Staubteilchen im Licht, bindet er es zum letzten Mal an die einzigen Haltepunkte, die ihm geblieben sind: an seine Bananen, die er liebkosend entkleidet wie eine Frau, ein Phallussymbol für seine Männlichkeit, die nicht fruchtbringend war. An den Alkohol, mit dem er den Schmerz darüber ertränkt. An seine Uhr, die das Auslaufen seiner Zeit taktet, und an seine besprochenen Tonbänder, die die Zeit festhalten.

Jedes Jahr zu seinem Geburtstag spult er sie ab. Jedes Jahr zu seinem Geburtstag spricht er erinnertes Leben darauf und konserviert es für die Zukunft. An seinem 69. Geburtstag hört er Spule fünf aus Schachtel drei und gräbt sich noch einmal zu den wichtigsten Beziehungen seines Lebens vor: Bianca mit 29 Jahren - »Gut davon gekommen ... hoffnungslose Angelegenheit«. Mit 39 Jahren: Seine Mutter: »...saß ich und harrte auf ihr Ende....Endlich alles aus und vorbei.« und schließlich eine junge Frau: »Wir lagen da, ohne uns zu bewegen. Aber unter uns bewegte sich alles und bewegte uns...« Diese letzte Begegnung, die sich rückwirkend als die einzige wirkliche Liebe seines Lebens offenbart, erschüttert das ganze Stück.

Wenn Klaus Maria Brandauer in der anfänglich clownesken Pantomime in den Zuschauern noch ein vergnügliches Glucksen gewinnt, so bleibt ihnen ob der zunehmend erkennenden Tragik das Lachen im Halse stecken. Da sind die ungesungenen Lieder, die niemals die Enge seiner krächzenden Kehle überwanden und da ist sein bibliothekarisch geordnetes Leben, dass den Tonbandspulen nie wirklich entkam. Da steht er unter seiner Hängelampe im Rampenlicht, dass ihm ein Leben lang verwehrt war.

Krapp wird an seinem letzten Geburtstag zum ersten mal in seinem Leben singen, sein Abschiedslied (»die Abendschatten schleichen am Himmel. Es wird Nacht«). Er wird sein letztes Band zerreißen und sein darauf eingepferchtes Leben entlassen. Er wird sich auf den Schreibtisch schieben, noch einmal fühlend über diese Frau beugen und sich der Unendlichkeit des Schmerzes über das Versäumte hingeben.

Ein Meisterwerk Becketts, das er sein »Artischockenherz« nannte, meisterhaft inszeniert von Peter Stein, meisterhaft gespielt von Klaus Maria Brandauer.

»Das letzte Band«, auch noch am 23. und 24. März, jeweils um 20 Uhr in der Schinkelkirche Neuhardenberg, Kartentel.: (03 34 76) 60 07 50

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