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Heute sind wir allein

Reinhard Lakomy tot

Nie hat man ihn ohne seine Wallemähne gesehen, weiß und üppig war sie geworden im Laufe der Jahre. Und sie passte gut zum gleichfarbigen Schnauzer. Zusammen mit den Falten, die sich in 67 Jahren eben mal so ansammeln, gaben diese Accessoires Reinhard Lakomy sein typisches, immer gleiches und immer gemütlich wirkendes Seehundoutfit. Der Komponist des »Traumzauberbaums« - wie das berühmte Plattenalbum mit Kinderliedern hieß, dass er 1980 zusammen mit seiner Frau Monika Ehrhardt herausbrachte - konnte eigentlich gar nicht anders aussehen, schließlich hatte er Figuren wie Waldwuffel und Moosmutzel seinen musikalischen Atem eingehaucht. Lakomy, selbst Vater einer Tochter, hatte rauschenden Erfolg mit seinen Kinderliedern vom kleinen Indianerjungen, dem Regentropfen Paule Platsch, dem Tintenfisch oder dem Nudelpudel. Jeder wollte die Platten haben und wer weiß, wie viele Tausende ausgefranste Cover von den Vorgängern der heutigen Traumzauberbaumgeschichten noch in den Schränken junger Familien aufbewahrt werden, die inzwischen selbst mit ihren Kindern in die oft ausverkauften Musicals strömen.

Doch Lakomy hat mit seiner Musik nicht nur Kinder glücklich gemacht. Er studierte in Magdeburg, wo er geboren wurde, und in Dresden Musik, arbeitete im Lenz-Sextett und im Fischer-Quartett und gründete später das Lakomy-Ensemble. Elektronische Musik komponierte er ebenso wie Soundtracks zu Fernsehserien wie »Polizeiruf 110« oder auch Schlager wie »Es war doch nicht das erste Mal«. Für den Abendgruß des DDR-Kinderfernsehens schrieb er die Titelmusik zu einer Serie, in der die Berufe der Eltern vorgestellt wurden.

Er war ein Star und bekam Preise, so den Kunstpreis der DDR und den Nationalpreis. Schulen und Kitas tragen seinen Namen. Ob er sich daraus viel gemacht hat? »Lacky« war Rummel um seine Person meistens nicht so recht, viel lieber zog er sich in sein Studio oder auf sein Boot an der Müritz zurück und arbeitete. Sah man ihn mal in einer Gesprächsrunde im Fernsehen sitzen, dann konnte man getrost davon ausgehen, dass ihn seine Frau Monika lange hatte überreden müssen, dahin zu gehen. Mit der ihm eigenen kautzigen Art gelang es ihm aber meistens prächtig, Zuschauer und Zuhörer für sich zu gewinnen.

»Den kennta noch, wa?«, fragte er listig von der Bühne, bevor er auf einer Veranstaltung zum fünfzehnjährigen Buschfunk-Jubiläum mit voller, knarziger Stimme seinen Schlagerhit »Heute bin ich allein« anstimmte. Als »Lacky« vor wenigen Wochen seine Lungenkrebsdiagnose bekam, soll er auf einen seiner Lieblingssprüche zurückgegriffen haben: Das Fest wird nicht schöner, nur weil es länger dauert. Lebensverlängernde Maßnahmen wie eine Chemotherapie kamen für ihn nicht in Frage. Am Samstag verstarb er in Berlin. Auch wenn das Lakomy-Ensemble wie angekündigt seine Arbeit fortsetzen wird, der Traumzauberbaum neue Blätter bekommt, und wir zur Not die alten Platten aus der abgegriffenen Hülle holen können: Heute sind wir allein.

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