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Moderne auf Türkisch

Zum Abschluss des Festivals »MaerzMusik«

Ein Schwall aktueller Ware, von Ausnahmen abgesehen. Das war und ist die Motorik der »MaerzMusik«, großenteils auch des jüngsten Jahrgangs, der am Sonntag endete. Hier kommen nur die Gefragten rein, die Angesagten, jene, welche den richtigen Riecher haben und die schlauesten Connections. Musik aus geputzten Nasen und für Ohren, zufrieden mit dem, was gerade ist. Bündel von Musik und Performances stehen zu Buche, lanciert durch die Säle des Festspielhauses und anderer Aufführungsorte, bekömmlich serviert vor schwarzen Vorhängen in gleißendem Licht, zugedacht einem Publikum, das offenkundig genau die Happen in Gourmet-Art will, die überwiegen, stelzend von einem Programm zum nächsten, immer auf aktuellen Pfaden, so neugierig wie gelangweilt, wohlfeil die Ware entgegennehmend. Denn das Produzierte will der Zeit gefallen. Wozu es taugt? Ob es jener Gegenwart lediglich Liebesdienste erweisen oder sie in Frage stellen, parodieren, attackieren will? Welch lästige Fragen.

Zugleich ist die »MaerzMusik«, gerechterweise gesagt, für Überraschungen gut. Nicht jedes Mal, aber diesmal. Drei Themen realisierte sie: »Schlagwerke«, es führt in die Welt noch entlegenster Percussionsinstrumente, »Minidrama - Monodrama - Melodrama«, das immerhin Christa Wolfs »Kassandra«, komponiert von Michael Jarrell, präsentierte, schließlich »Umbrüche: Türkei - Levate - Maghreb«.

Letzterer Komplex, er bot wirklich Neues und keineswegs bloß aktuelle Ware, schien relevant schon wegen der Situation in der Stadt, des Rassismus bis in die gesellschaftliche Mitte und der momentan hochexplosiven Situation im arabischen Raum. So farbig die arabischen, islamischen Kulturen hierorts und in der Ferne, so mannigfaltig die vielfach auf eigene Traditionen anspielende Neue Musik aus diesen Kulturen.

Kompositionen aus der Türkei, Libanon, Jordanien, Ägypten, Palästina, Sudan und Marokko boten erstaunliche Frische. Dass dieselbe sich konkret erschloss, daran hat Oliver Schneller, als Sohn eines Diplomaten weit herumgekommen in der arabischen Welt und Kenner der dortigen Kulturen, erheblichen Anteil. Von Schneller selber stammte die Klanginstallation »Polis«, eine Montage aus Soundscapes der großen Metropolen Istambul - Kairo - Jerusalem - Beirut. Sie zeigte, wie viel lebendige, unterschiedliche, Gefährdungen einschließende Auditivität dort aufzufinden ist.

Zwei Konzerte mit hauptsächlich türkischen Stücken seien betrachtet. Das Hezarfen Ensemble musizierte Ensemblewerke, ein Trio und zwei Streichquartette. Die türkischen Namen verwirren zunächst, weil sie auf den einschlägigen Szenen abwesend sind und erst noch der nachholenden Aneignung bedürfen. Ernste Töne in »arabischen Seufzern« schlägt das Trio für Violine, Viola und Klavier »Akdenizli - Das Mediterrane« an. Es stammt von Zeynep Gediz-lioğlu. Die beiden Streicher duettieren im Quintenraum, während der Klavierpart sich außergewöhnlich modern europäisch gibt. Eine Mischung aus hochdifferenzierter Pentatonik und seriellen, die Klaviatur weit ausschreitendem Pianodenken. Vital formuliert Füsun Köksals »Hat« für Ensemble, was soviel wie Linie heißt. Es bringt Wesensformen der Langsamkeit zum Klingen und verwendet das arabische Ministreichinstrument Kemente, das mithilft, den Schluss so zärtlich wie nur möglich auszuführen. Geradezu ein Reißer das kurze Schlussstück »Gnomus« für Ensemble, der vom gezogenen »türkischen Pralltriller« kaum ablässt und Ladung und Kraft bis zum Schluss ausagiert.

Hochinstruktiv das Konzert mit elektronischer Musik. Es zeigte frühe und heutige Arbeiten türkischer und arabischer Komponisten. Die frühen vermutet der Interessent gar nicht, weil die Geschichte der elektronischen Musik sie nicht verzeichnet. Es handelt sich um Produktionen aus dem Columbia-Princeton Electronic Music Center 1944 bis 1965. Die älteste Piece ist nur zwei Minuten lang und bringt Sinusrauschen mit Klängen, die von einem rauchigen Chor stammen könnten.

In anderen tun sich, frei assoziiert, Geisterlandschaften auf und, technisch gesehen, Kombinationen aus der musique concrete der Franzosen Pierre Schaeffer und Pierre Henry, also der Formung von Originlatönen, und synthetisch erzeugten Klängen.

Der zweite Teil präsentierte elektroakustische Musik der neuen Generation. Interessantester Fall die Komposition »The Remainder« (2012). Der Komponist Seth Ayyaz, operierend selber am digitalen Pult, schuf eine Symphonie der Schaltstöße und höchst erregter Äußerungen. Das Material könnte aus dem anhaltenden Akt der Misshandlung und Exmittierung des Regenwalds am Amazonas oder anderswoher stammen. Der geht zu Bruch. Wildestes Getöse der Äxte und digitalen Sägen. Radikal dies Warnstück. Räume, Felder, Linien stehen unter Dauerbeschuss und sind selbst Plattform, Medium, Instrument, den Druck der Schaltstöße und parallel laufender Klänge und Geräusche zum Äußersten zu treiben. Die apokalyptische Klangflut schließt nicht, bevor der Katarakt auf Felle schlagender Instrumente sich total auslebt. Tolles Stück, das viel Beifall erhielt.

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