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Aufstand im Eichsfeld

Ostern vor 20 Jahren besetzten Kalikumpel in Bischofferode ihre Grube, später traten sie in Hungerstreik

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 7 Min.

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Die große Halde direkt gegenüber dem einstigen Schacht in Bischofferode ist in diesen letzten Märztagen immer noch mehr weiß als braun. Der Schnee lässt sie irgendwie weniger bedrohlich erscheinen. Der Riesenberg ist letztes Zeugnis von Arbeit, die es seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gibt. Nur der Förderturm erinnert weithin sichtbar daran, dass hier fast ein Jahrhundert lang Kali aus bis zu 600 Metern Tiefe ans Tageslicht gebracht wurde. »Weißes Gold«, das ob seiner hohen Qualität der DDR auf dem Weltmarkt gute Devisen garantierte. Ein Schatz, der 1900 Kalikumpeln über Jahrzehnte Arbeit und Lohn im einst industriearmen Eichsfeld brachte.

Doch es ist mitnichten nur der Turm geblieben. Direkt am Fuße der Abraumhalde kündet heute das Museum des Bergmannsvereins »Thomas Müntzer« von der stolzen Tradition, den Mühen unter Tage, vom exakt vor 20 Jahren begonnenen monatelangen Aufbäumen der Kumpel gegen die Schließung ihrer Grube - und ihrer bitteren Niederlage, die trotzdem anders war als im Osten nach der Einheit üblich. Das Museum befindet sich in der einstigen Poliklinik, die heute in Ermangelung von Patienten nicht mehr gebraucht wird: es ist so etwas wie ein zweites Zuhause für den früheren Dreher unter Tage und späteren Betriebsrat Gerhard Jüttemann und viele seiner Mitstreiter. Wie für Erwin Schein, der als Kfz-Steiger unter Tage arbeitete. Oder Willibald Nebel, der zum 1993 gegründeten Sprecherrat der Kumpel gehörte, um Widerstand zu organisieren.

Rückblick: Es war Ostern vor 20 Jahren, als die Auferstehung der besonderen Art im katholischen Eichsfeld schlicht Aufstand hieß. Den Kalikumpeln in Bischofferode, die 1990 zu weit mehr als 90 Prozent CDU gewählt und auf Helmut Kohls Versprechen von den blühenden Landschaften vertraut hatten, war der Geduldsfaden gerissen. Zweieinhalb lange deutsche Einheitsjahre hatten sie zugesehen, wie ein Kali-Standort nach dem anderen geschlossen wurde - bis schließlich von den einst 32 000 Ost-Kalibergleuten nur 3000 übriggeblieben waren. Sie hatten gewartet, gehofft und gebetet, dass wenigstens ihre Grube erhalten bleibt. Über 800 der Kollegen vom Schacht »Thomas Müntzer« waren schon auf die Arbeitsämter geschickt worden. Die übrigen 700 aber wollten dem Treiben der Treuhandanstalt, die einen Ex-DDR-Betrieb nach dem anderen oft an windige »Investoren« aus dem Westen und noch öfter für eine symbolische Mark verscherbelte, nicht tatenlos zusehen. Sie begannen, sich gegen die drohende Plattmache zu wehren.

Schließlich reichten die Kali-Vorräte unter Bischofferode und Umgebung noch für 47 Jahre. Moderne Technik, gut ausgebildete Bergleute, volle Auftragsbücher und Kali mit bester Qualität - all das hatten die Kumpel als krisensicheres Startkapital in die Marktwirtschaft gewähnt. Und plötzlich sollte im Interesse der westdeutschen BASF-Tochter Kali + Salz - die Jahrzehnte ohnmächtig mit ansehen musste, dass die DDR-Konkurrenz noch vor der Bundesrepublik als drittgrößter Produzent der Welt rangierte - eine Marktbereinigung stattfinden. Und die Gewerkschaft IGBCE klatschte dazu noch Beifall.

Direkt nach Ostern 1993 besetzten deshalb die Bischofferöder das Kaliwerk, weil sie eine Ausplünderung über Nacht vermeiden wollten, die andere Belegschaften im Osten erleben mussten. Später demonstrierten sie vorm Werktor, in Thüringens Landeshauptstadt Erfurt, in Bonn und Berlin, wo sie sich nicht nur einmal vor von der Polizei geschickten Provokateuren schützen mussten. Sie fuhren nach Brüssel zur EU und nach Rom zum Papst. Sie trieben einen potenten bundesdeutschen Investor auf. Sie wollten das Risiko einer Privatisierung eingehen. Doch sie bekamen keine Chance. Treuhandanstalt wie herrschende Politik machten sich zum Werkzeug der westdeutschen Kali-Industrie und schafften der die lästige Konkurrenz vom Leibe. Bis heute vermutet Jüttemann, dass der Kanzler der Einheit, bekanntlich aus Ludwigshafen stammend, den Gönnern von der BASF zu gewissem Dank verpflichtet gewesen sei.

Als am 1. Juli 1993 der Bundestag der Fusion von Mitteldeutscher Kali AG und Kali + Salz zugestimmt hatte und damit das sichere Aus für Bischofferode besiegelte, antworteten die Bergleute aus dem Eichsfeld mit einem zwei Monate dauernden Hungerstreik. Erwin Schein und Willibald Nebel hungerten mit, bis die Ärztin ihnen zum Abbruch riet, andere rückten nach - insgesamt 100 Bischofferöder und Sympathisanten legten sich auf Pritschen hinterm Speiseraum und verweigerten die Nahrungsaufnahme. An eine sehr angespannte Zeit erinnert sich Schein. »Wir waren 24 Stunden präsent.« Besuchern aus der Politik, wie Egon Bahr von der SPD und Rita Süßmuth von der CDU, mussten sie ihr Anliegen erklären. Und die Fahrt zum Papst hat Schein, wiewohl evangelisch, besonders beeindruckt. Er kämpft noch heute mit den Tränen, wenn er davon erzählt - obwohl die Bitte um Beistand denn doch zu gar nichts führte.

Der 64-jährige Nebel gehörte zu den ersten Sieben, die ohne Wissen des Betriebsrates spontan in den Hungerstreik getreten waren. »Erst haben wir das im Sprecherrat beschlossen, dann bin ich nach Hause gefahren und habe Seife und Zahnbürste geholt - und dann haben wir einfach angefangen«, erinnert er sich. Seine Frau hat ihn noch gefragt, ob er wisse, was er da tue, er habe schließlich Familie. »Gerade deshalb«, hat er geantwortet, schließlich müsse seine Familie leben können und dafür brauche er die Arbeit. Viele ebenso besorgte Frauen haben ihre Männer dennoch später unterstützt und sogar unter Tage die Grube besetzt gehalten.

Gerhard Jüttemann, damals stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, hat in dieser Zeit nur noch auf dem Schacht gelebt. Keinen Tag Urlaub hat er 1993 genommen. Das erste Mal in seinem Leben hat der begeisterte Taubenzüchter die Taubenflug-Saison abgebrochen. Dafür war keine Zeit. »Während zur Betriebsbesetzung höchstens mal ein Reporter von der Regionalzeitung vorbeischaute, standen zu Hungerstreikzeiten die Übertragungswagen sämtlicher Fernsehsender vor dem Grubentor. Die wollten alle mit Informationen versorgt werden«, sagt er. So wie die Politiker aller Parteien, die vorbeischauten - außer mit Rechten hat Jüttemann mit allen gesprochen. Nur einen von der FDP hat er rausgeschmissen, weil der mit wehenden Rockschößen kam und ihm erklärte, er habe nur eine halbe Stunde Zeit.

Das größte Aufbegehren im Osten, das die Belegschaft bis Weihnachten 1993 durchhielt, war nicht nur einzigartig in der Region - sondern ein Fanal weit darüber hinaus. »Bischofferode ist überall« hieß es plötzlich nicht nur in Thüringen. Solidarität erfuhren die hungerstreikenden Bergarbeiter aus allen Teilen der Bundesrepublik. Von noch bestehenden und schon »abgewickelten« Belegschaften im Osten sowieso, aber auch aus dem Westen. Weshalb der damalige Treuhandvorstand Klaus Schucht damals im »Spiegel« aus seiner Befürchtung kein Hehl machte, dass der Hungerstreik in Bischofferode Vorbildfunktion für andere Belegschaften auch im Westen haben könnte. »Wie will man dann in Deutschland noch Veränderungen bei den Arbeitsplätzen durchsetzen?«, fragte er und empfahl eindringlich, den eingeschlagenen harten Kurs fortzusetzen. Einen Kurs, der letztlich zu einer beispiellosen Deindustrialisierung in den neuen Ländern führte, deren Folgen noch heute in vielen Regionen spürbar sind.

Im 2600-Seelen-Ort Bischofferode konnte diese Härte dank der Beharrlichkeit der Belegschaft indes nicht ganz so durchgezogen werden. Jüttemann, der zu einem der bekanntesten Betriebsräte im einig Vaterland, ja in ganz Europa geworden ist, wird nicht müde und mit den Jahren nicht etwa weniger stolz, darauf hinzuweisen. »Wir haben den Kampf für den Erhalt der Arbeitsplätze zwar verloren, doch wir sind erhobenen Hauptes daraus hervorgegangen. Wir haben unser Fell teuer verkauft.« Treuhändern und Politikern hätten die Kumpel gezeigt, dass man mit Menschen so nicht umgeht.

Das mit dem teuer verkauften Fell meint längst nicht nur das »Schmerzensgeld« von 7500 D-Mark - das Nebel »Judaslohn« nennt, weil die Kumpel unterschreiben mussten, niemals gegen die ihre Arbeitsplätze vernichtende Fusion zu klagen. Darüber hinaus wurde jedem Einzelnen der verbliebenen 690 Kumpel - egal, ob er unter Tage bei der Demontage des eigenen Arbeitsplatzes eingesetzt wurde und die Gruben mit Lauge flutete, umschulte oder in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ging - noch zwei Jahre der volle Lohn gezahlt. Hatte er danach noch keinen Job gefunden, erhielt er zwei weitere Jahre Überbrückungshilfen. Und das traf viele, sehr viele.

Jüttemann übrigens, der bekanntlich als Parteiloser für die PDS acht Jahre im Bundestag saß - und erst danach Parteimitglied wurde, weil die PDS die einzige Partei war, die sich vorbehaltlos an die Seite der Bergarbeiter gestellt hatte, - ging 2002 aus dem Hohen Haus in Berlin direkt in seine Grube zurück. Er arbeitete wieder unter Tage und »zerlegte, was zu zerlegen ging«. Knochenarbeit war das noch einmal kurz vor der Bergmannsrente - aber er wollte sich selbst treu bleiben und »nicht von der Partei versorgen lassen«.

Losgelassen hat den jetzt 61-Jährigen der Schacht sowieso bis heute nicht. So wie Schein und Nebel und all die anderen aus der Grube. Viele von ihnen sind inzwischen Rentner, andere gehören zu den über 14 000 Pendlern, die in Hessen oder Niedersachsen ihr Brot verdienen. Nicht wenige sind ganz und gar weggezogen. Denn der vielzitierte Aufschwung Ost hat auch um das Eichsfeld einen großen Bogen gemacht.

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