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Am Anfang war die Vision, keine erweckte Leiche

Der Theologe Gerd Lüdemann über den »weltgeschichtlichen Humbug« der Auferstehung, ein treffendes Motto der SED und den Traum vom Gottesmord

  • Von Ingolf Bossenz
  • Lesedauer: 13 Min.
Oberammergau 2010: Nach der Kreuzabnahme
Oberammergau 2010: Nach der Kreuzabnahme

nd: Professor Lüdemann, am Sonntag feiern Millionen Menschen in aller Welt die Auferstehung Jesu von den Toten. Ein Ereignis, an das Sie nicht nur nicht glauben, sondern dessen Widerlegung Sie einen Großteil Ihrer wissenschaftlichen Arbeit gewidmet haben.
Lüdemann: Damit stehe ich unter den evangelischen Theologen nicht allein. Im 19. Jahrhundert war David Friedrich Strauß der wichtigste Wegbereiter für eine aufgeklärte Sicht auf Jesu Leben und Tod. Im 20. Jahrhundert ist an erster Stelle Rudolf Bultmann zu nennen, der ohne Wenn und Aber postulierte, dass der christliche Osterglaube an der historischen Frage nicht interessiert ist.

Das Wort Christentum ist ein Missverständnis, im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz. / Friedrich Nietzsche Fritz Cremer, Auferstehender; Ruine der Franziskaner-Klosterkirche, Berlin
Das Wort Christentum ist ein Missverständnis, im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz. / Friedrich Nietzsche Fritz Cremer, Auferstehender; Ruine der Franziskaner-Klosterkirche, Berlin

Aktuell gelten Sie in Deutschland als bekanntester Bestreiter der Auferweckung Jesu.
Was mich von früheren und heutigen Kollegen, die meine Ansicht teilten und teilen, unterscheidet, ist meine jahrzehntelange und strikte Information der Öffentlichkeit über diesen »weltgeschichtlichen Humbug«, wie David Friedrich Strauß die Auferstehung bezeichnete.

Ein Humbug, der immerhin die Grundlage des christlichen Glaubens und damit der sich auf diesen Glauben berufenden Kirchen ist.
Nach meiner Erfahrung sagen 50 Prozent der Theologieprofessoren, evangelische wie katholische, dass
die Auferstehung nicht stattgefunden hat. Sie sagen das aber nur ihren Studenten. Die andere Hälfte schweigt aus Gründen der Opportunität. Ich bin der Einzige, der den Mund aufmacht. Der darüber Artikel und Bücher schreibt. Nur von daher nehme ich Originalität für mein Handeln in Anspruch.

Eine Originalität, die ihren Preis hatte, was Ihre Stellung als Theologieprofessor betrifft.
Ende der 90er Jahre wandelte die Universität Göttingen meinen konfessionsgebundenen Lehrstuhl für »Neues Testament« um in den nichtkonfessionsgebundenen für »Geschichte und Literatur des frühen Christentums«. Mit diesem juristischen Trick wurde ich kaltgestellt, mir wurden finanzielle Mittel sowie die Prüfungsberechtigung entzogen.

Paulus verkündet im ersten Korintherbrief: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.« Damit sollten Theologen doch eigentlich konform gehen. Gott ist schließlich auch nicht widerlegbar.
Die Auferstehung wird mit Texten fundiert, vor allem mit den Evangelien, die seit Jahrhunderten vorliegen und mittlerweile seit rund 200 Jahren kritisch auf ihren historischen Inhalt und Gehalt untersucht werden. Wer heute noch als Theologe behauptet, dass der tote Jesus auferweckt wurde, dass er auferstanden ist, muss dafür sehr gute Gründe angeben. Und diese Gründe liefern die Texte eben nicht. Sie schließen eine körperliche Auferstehung ebenso aus wie das Konstrukt, der Glaube an die körperliche Auferstehung sei von Anfang an im Christentum präsent und dominierend gewesen.

Was war dann am Anfang?
Visionen. Die Trauer, der Schmerz um Jesus, der ja unzweifelhaft grausam zu Tode gekommen war, ließen bei seinen Anhängern Bilder aufscheinen, die sich dann zu legendären Erzählungen verdichteten. Visionen sind eine plausible Erklärung für die in den Evangelien geschilderten Begegnungen mit dem angeblich auferstandenen Jesus. Ich habe selbst Derartiges erlebt, als mein Vater plötzlich starb.

Nach seinem Tod sah ich ihn wiederholt. Ich war damals 25.

Es gibt Theologen, die bei der Auferstehung von sogenannten objektiven Visionen sprechen.
Diese Visionen »von oben« sind nur ein Trick, sich um die Realität zu drücken. Visionen können zwar durch Äußeres ausgelöst werden, sie entstehen aber stets im Inneren, im Kopf. Sie sind immer subjektiv. Auch die Auferstehung, die als Vorgang übrigens nirgendwo in den Evangelien beschrieben wird. Als rein geistiges, geistliches Ereignis war sie die Glaubensbasis der ersten Christen.

Was aber Paulus nicht reichte ...
Mit Paulus begann die intellektuelle Unredlichkeit. In seinem Ehrgeiz, das Christentum als »Völkerapostel« in der gesamten damals bekannten Welt zu etablieren, genügten ihm Visionen nicht. Derart Zerfließendes war für das Erringen von Macht und Einfluss zu schwach, zu unkonkret. Deshalb musste das »Faktum« der körperlichen Auferstehung her. Die Kirche folgte den Intentionen des Paulus bereitwillig - bis heute.

Paulus behauptete, es gebe Hunderte Zeugen der Auferstehung, von denen die meisten noch leben würden. Eine so dreiste Lüge hätte doch auffliegen müssen.
Er versicherte sogar, Jesus sei mehr als fünfhundert Menschen »auf einmal« erschienen. Auch ein solches Phänomen der Massenvision ist alles andere als selten. Der einende psychologische Grund der Versammelten muss nur stark und suggestiv genug sein. Das gilt besonders für eine von religiösen Hoffnungen und Endzeiterwartungen gesättigte Zeit. Die Bibel ist voll von Visionen. Die Propheten werden ja im Alten Testament nicht zufällig auch als Seher bezeichnet. Sie haben etwas gesehen. Was sie dann verkündigten. In dieser Reihenfolge. Das heißt ganz klar: Am Anfang stand die Vision - nicht das Wort und schon gar nicht eine auferweckte Leiche.

Dennoch setzte sich das Wort, also die Behauptung der leiblichen Auferstehung Jesu, durch?
Weil es durchgesetzt wurde - mit aller Macht und der zur Verfügung stehenden Gewalt. Schon die in den ersten Jahrhunderten auftauchende Bewegung der Gnostiker wurde erbittert bekämpft, weil sie das Symbolische, Bildhafte hervorhob und den plumpen, ja, Materialismus des Auferstehungsdiktats ablehnte.

Einer der entschiedenen Verteidiger von Jesu Auferstehung, Joseph Ratzinger, schreibt, es gehe eben nicht um »das Mirakel einer wiederbelebten Leiche«, sondern um ein überirdisches Mysterium.
Mit einer solchen Haltung kann Ratzinger, der ja als großer Gelehrter und Intellektueller gehandelt wird, natürlich keinen wissenschaftlichen Dialog führen. Denn es geht, wenn man alles bigotte Brimborium wegnimmt, schlicht darum, dass ein toter Körper mit einem Schlag wieder seine Funktionen zurückbekommen haben soll. Der neu erstandene Jesus ließ sich demzufolge anfassen und hat angeblich sogar gegessen. Gebratenen Fisch. Das ist die Körperlichkeit respektive Fleischlichkeit der Auferstehung.

Immerhin geht Ratzinger an Ihrer Kritik des Auferstehungsglaubens nicht vorbei, was ich doch sehr bemerkenswert finde. Im zweiten Band seiner Jesus-Trilogie setzt er sich mit Ihrer Auffassung auseinander, dass infolge der »Umwälzung des naturwissenschaftlichen Weltbildes ... die traditionellen Vorstellungen von der Auferstehung Jesu als erledigt zu betrachten« seien.
Ja, und er stellt dazu die wohl mehr rhetorisch gemeinte Frage: Wenn es Gott gibt, kann er dann nicht auch eine neue Dimension der Wirklichkeit schaffen? Mit dem Hereinnehmen von Gott hat Ratzinger die Ebene der wissenschaftlichen Argumentation verlassen. Man muss sich doch damit auseinandersetzen, dass Jesus wirklich gestorben ist, dass er tot war, dass der Verwesungsprozess sofort begann. Und da geht es auch nach 2000 Jahren immer noch um die einfache Frage: Fand das Ereignis statt oder nicht?

Nach allem, was Wissenschaft und Erfahrung lehren, dürfte eine solche Frage im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr allen Ernstes gestellt werden.
Die Kirchen stellen sie auch nicht. Weil sie nur am Dogma interessiert sind, nicht an der Wahrheit.

Dem beugte sich offenbar selbst ein durchaus aufgeklärter Theologe wie der 1976 verstorbene Rudolf Bultmann. Er hat die Auferstehung zwar kritisch gesehen, aber nie mit solcher Konsequenz verworfen wie Sie.
Er suchte nach einem Konstrukt, um damit halbwegs intellektuell redlich leben zu können. Er fand es, indem er postulierte, Jesus sei auferstanden in die Verkündigung.

Und was soll das bedeuten?
Das heißt: Wo ein Pfarrer oder eine Pfarrerin predigt über Christus, dort geschieht die Auferstehung. Symbolisch, geistlich. Damit werden der historische Jesus und sein reales Schicksal ausgespart, aber der offiziellen kirchlichen Lehre wird genügt. Auch im apostolischen Glaubensbekenntnis kommt der historische Jesus gar nicht vor.

Das klingt einigermaßen kompliziert. Laut Matthäus-Evangelium hat Jesus erklärt: »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Ist das die von Bultmann gemeinte Verkündigung?
Das hat Jesus nicht gesagt, das wurde ihm zugeschrieben. Aber in der Tat, das ist die Konzeption Bultmanns und auch anderer.

In der SED hieß es: »Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.«
Treffender kann man christliche Verkündigung nicht ausdrücken, wenn man »Partei« durch »Kirche« ersetzt.

Warum machen Theologen eine solche Gängelung mit?
Weil die Theologie von den Kirchen abhängig und ihnen nach- und untergeordnet ist. Als das Bundesverfassungsgericht die von mir eingereichte Verfassungsbeschwerde gegen meine universitäre Reglementierung zurückwies, geschah das mit der Begründung, Theologie sei eine »bekenntnisgebundene Glaubenswissenschaft«.

Überraschend finde ich das nicht. Schließlich bedeutet das griechische Wort Theologie »die Lehre von Gott«. Allerdings bleibt da wenig Platz für Wissenschaft.
Eben. Theologie kann keine Wissenschaft sein, weil sie wegen ihrer Voraussetzungen nicht frei ist. Die theologischen Fakultäten arbeiten zwar mit staatlichen Mitteln, aber im Auftrag der jeweiligen Religionsinstitutionen. Die Zugehörigkeit zur Universität sorgt in der Öffentlichkeit für wissenschaftliches Ansehen. Deshalb wollen die Kirchen auch, dass alles so bleibt. Aber Theologie, wie sie derzeit betrieben wird, hat nichts an der Universität zu suchen. Sie sollte eigene Seminare haben und von den Kirchen finanziert werden.

Sie stellen damit Ihrem Berufsstand kein gutes Zeugnis aus. Warum wurden Sie Theologe?
Zunächst hat es mich immer geärgert, dass Pastoren über das Religiöse besser Bescheid wussten als ich, dass sie damit ein Herrschaftswissen hüteten, um die Gläubigen zu beeindrucken und zu bedrücken. Zum anderen war ich schlicht neugierig. Die Bibel, die Evangelien, die damit verbundenen Debatten - das alles faszinierte mich.

Ihr religiöser Glaube blieb aber zunächst unbeschädigt?
Zweifel hatte ich schon. Schließlich beschäftigte ich mich sehr intensiv mit den Originaltexten, ich las Aufklärer wie Montaigne und Descartes. Aber zugleich pflegte ich eine Frömmigkeit, suchte Halt im Glauben. Den ich auch fand. Ich hatte immer Angst vor dem Tod. Und die Botschaft der Auferstehung ist durchaus geeignet, diese Angst zu nehmen. Aber am Ende bin ich krank davon geworden.

Warum funktionierte die Botschaft nicht mehr?
Weil mir klar geworden war, dass sie auf Lüge, Täuschung und Betrug, vor allem auf Selbstbetrug, beruhte. Das Nebeneinander von wissenschaftlichem Anspruch, den ich immer vertrat, und religiöser Selbstzensur entfaltete eine zerstörerische Kraft, von der ich mich und andere Menschen befreien musste. Der einzige Weg, den ich dafür sah, war die Information der Öffentlichkeit über diesen Betrug.

»Der große Betrug« ist der Titel eines Ihrer Bücher.
Das war 1998. Die Veröffentlichung markierte meinen endgültigen Bruch mit dem Christentum. Ich wies in dem Buch nach, wie Jesu Worte und Taten erfunden, verdreht, gefälscht wurden, wie er zu einem Kunstwesen aufgebaut wurde, das mit dem historischen Original nichts mehr zu tun hatte. Wenn man das alles wegnahm, blieb von Jesus und seiner Lehre nicht mehr viel übrig. Für die Begründung eines wie auch immer gearteten sogenannten Christentums reichte dieser Rest nicht.

Dieses Buch war die Wende in Ihrer Theologenlaufbahn?
Die Sanktionen seitens Kirche und Universität folgten umgehend. Der Lösungsprozess begann aber bereits über zehn Jahre zuvor. Damals hatte ich den Entschluss gefasst, ein Buch darüber schreiben, dass Jesu Leichnam verwest ist, dass das Grab voll war, dass es keine Auferstehung gab. Schließlich war ich Wissenschaftler und wurde dafür bezahlt, die Ergebnisse, zu denen ich in meiner Arbeit gelangte, zu publizieren und öffentlich zu vertreten.

Im »Großen Betrug« berichten Sie über einen Traum: »Mit letzter Kraft stieß ich Gott selbst in den Pfuhl hinab und wurde endlich frei.« Wurden Sie im Traum zum Mörder Gottes? Wie Nietzsche?
Von diesem übermächtigen Gott, der bedingungslosen Gehorsam verlangte - auch und gerade von studierten Theologen - und der mich gehindert hatte, das zu tun, was ich wirklich wollte und musste, habe ich mich mühsam, schmerzhaft, aber schließlich endgültig freigekämpft. Der Traum drückt das aus.

Die weitreichende gesellschaftliche Konsequenz, die Sie aus Ihrer Erkenntnis der Nicht-Auferstehung Jesu formulierten, lautet, dass diese niemandem mehr erlaube, sich noch guten Gewissens Christ zu nennen.
Weil damit die seit Paulus behauptete theologische Basis für ein solches Bekenntnis entfällt.

Bei einer Talkshow wurde Oskar Lafontaine gefragt, warum er noch immer der katholischen Kirche angehöre. Er nannte als Grund die katholische Soziallehre. Für andere ist es die Bergpredigt oder der Pazifismus Jesu. Ist die Auferstehung, zumindest in Europa, mittlerweile nicht ohnehin Kirchenfolklore, die halt dazugehört wie Kerzen und Orgelmusik?
Das mag für einen großen Teil der Kirchgänger und Kirchenmitglieder gelten. Aber es sind letztlich Ausflüchte. Es ist das Ignorieren einer historischen Tatsache. Und auf dieser Ignoranz gründet der anhaltende Einfluss der Kirchen. Deren Amtsträger predigen ungebrochen wider besseres geschichtliches Wissen von den Kanzeln: Jesus ist auferstanden. Wobei man natürlich voraussetzt, dass er körperlich auferstanden ist mit allen daran hängenden Hoffnungen und Erwartungen. Hinzu kommt die Macht der Liturgie. Sonntag für Sonntag, an kirchlichen Feiertagen und natürlich besonders zu Ostern perpetuieren die Kirchen so ihren Anspruch als gigantische Täuschungs- und Selbsttäuschungsanstalten.

Als Theologe waren Sie selbst Mitglied einer solchen Täuschungsanstalt.
Anderenfalls hätte ich meinen Beruf nicht ausüben dürfen.

Nach Ihrer Emeritierung sind Sie aus der Kirche ausgetreten?
Nein.

Das überrascht mich.
Es stimmt: Der Preis für mein Verbleiben im Staatsdienst war die Kirchenmitgliedschaft. Eine Entlassung hätte meine ohnehin seit 1998 eingeschränkten Mittel und Möglichkeiten zusätzlich verringert. So konnte ich weiter viele Jahre einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des frühen Christentums leisten. Und immerhin haben Pfarrer und andere, die bei mir lernten und ursprünglich in den Kirchendienst wollten, dann darauf verzichtet. Es gibt Bindungen und Verbindungen, die mir weiter wichtig sind. Meine Kritik an der Kirche wurde durch meine Mitgliedschaft nie beeinträchtigt.

Sind Sie noch religiös?
Nicht im Sinne einer Konfession. Ich verstehe mich als Humanist und Aufklärer. Die Fragen nach Gott, dem Göttlichen, dem letzten Grund halte ich nach wie vor für legitim. Diese Fragen wird es immer geben. Die Antworten dürfen sich allerdings nicht an einem Erkenntnisstand orientieren, der seit Jahrhunderten überholt ist, sondern müssen das aktuelle Wissen zur Grundlage haben. Wissen ist relativ und macht auch unsere Weltsicht relativ. Aber keine Kirche kann Relativismus ertragen.

Die »Diktatur des Relativismus« war das wichtigste Angriffsziel von Papst Benedikt XVI.
Weil Relativismus absolute Wahrheiten ablehnt, die die Kirche nicht aufgeben will und kann. Natürlich gibt es Rahmenbedingungen, ethische Normen vor allem, die unverzichtbar für das soziale Leben sind. Doch alles andere ist relativ. Deshalb sind wir Relativisten. Der Gegensatz ist Fundamentalismus. Von dieser Denkrichtung geht die eigentliche Diktatur aus.

Abgesehen davon, dass in Sachen Auferstehung immer wieder auch Ihr Name fällt, hat sich die Debatte über dieses Thema offenbar weitgehend erschöpft.
Es bleibt ein Dauerthema, weil es den zentralen Mythos betrifft, den die Kirchen erbittert verteidigen, obwohl jeder halbwegs aufgeklärte Mensch es mittlerweile besser wissen kann, wissen muss. Wissenschaftlich habe ich dem Thema zunächst nichts mehr hinzuzufügen. Meine abschließenden Ansichten dazu habe ich vor gut zehn Jahren in dem Buch dargelegt »Die Auferweckung Jesu von den Toten - Ursprung und Geschichte einer Selbsttäuschung«. Ein verständliches Buch auch für Nichttheologen. Mich beschäftigen jetzt andere, für Glauben und Kirche nicht weniger existenzielle Fragen.

Zum Beispiel?
Der christliche Antisemitismus. Ich habe ein Buch geschrieben über den von Paulus verfassten Ersten Thessalonicherbrief, den ältesten bekannten christlichen Text. Er enthält Antisemitismus von einem Ausmaß, das keine andere Quelle der frühen Kirche aufweist. Das muss man sich einmal klarmachen: Der älteste christliche Text ist der übelste antisemitische christliche Text, den es überhaupt gibt! Da konnte doch nur Antisemitismus herauskommen. Von wegen: Wir sind alle Brüder. Die Juden sind aller Menschen Feind, schreibt Paulus, der ja selbst Jude war, über die anderen. Sicher ging es damals um die Abgrenzung der entstehenden christlichen Gemeinden. Doch es war völlig überzogen, so übel zu reden. Das ist unentschuldbar. Aber die Kirche thematisiert das nicht.

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