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Aus dem Wald in die Welt

Wie die Idee einer umwelt- und sozialverträglichen Entwicklung entstand

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die inzwischen zum Allerweltsbegriff verwaschene Idee der Nachhaltigkeit kam ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Der sächsische Oberberghauptmann Hanns Carl von Carlowitz entwickelte das Konzept in seinem vor 300 Jahren, zur Leipziger Ostermesse 1713, erschienenen Buch »Sylvicultura Oeconomica«. 1987 im Brundtland-Bericht und 1992 beim Erdgipfel in Rio wurde der ursprüngliche ökonomische Ansatz zum Konzept der sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung erweitert.

Am Anfang stand eine Energie- und Rohstoffkrise. Die Rede ist allerdings nicht von der Ölkrise 1972 oder dem drohenden Höhepunkt der Erdölförderung heute, sondern vom absehbaren Holzmangel in Sachsen und Bayern zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Und so wie die Ölkrise des späten 20. Jahrhunderts Grenzen des Wachstums offenbarte, erkannten auch in der Holzkrise des frühen 18. Jahrhunderts einige kluge Köpfe, dass man nicht weiterwirtschaften könne wie bisher. Einer davon, der Freiberger Oberberghauptmann Hanns Carl von Carlowitz (1645-1714) entwickelte in seinem 1713 erschienenen Buch »Sylvicultura Oeconomica« das Konzept der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft. Die Grundidee: nur so viele Bäume zu fällen, wie in der gleichen Zeit nachwachsen, so »dass eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung« möglich ist.

Die deutsche Holzbranche beruft sich heute darauf, dass sie als Erste mit dem Raubbau an der Natur Schluss gemacht hätte. Doch die Nachhaltigkeit bei Carlowitz war eine rein ökonomische. Es ging darum, auch in der Zukunft genügend Holz für den Grubenausbau und Holzkohle für Schmelzöfen der Freiberger Metallhütten bereitzustellen. Die Vielfalt der Arten interessierte den damals herrschenden Adel allenfalls mit Blick auf das zu jagende Wild. Die ökologischen Folgen der einseitig ökonomischen Auffassung von Nachhaltigkeit können heute allenthalben besichtigt werden: Zwar ist ca. ein Drittel der Fläche Deutschlands von Bäumen bewachsen, doch dabei handelt es sich überwiegend um Monokulturen schnellwüchsiger Nadelhölzer.

Zudem kann man schon bei Carlowitz einen weiteren Mangel des auf den Wald verengten Blicks sehen. Der in der damals üblichen Weise den Inhalt ausführlich beschreibende Buchtitel endet nämlich mit dem Hinweis auf den »in Churfl. Sächs. Landen gefundenen Turff (Torf - d. Red.), dessen grossen Nutzen, Gebrauch und nützlichen Verkohlung«. Der Einstieg in die fossilen Energieträger, die das gesamte Industriezeitalter prägen sollten, findet sich also schon in der »Bibel« der Nachhaltigkeit. Ironie der Geschichte: Die als »Brückentechnologie« zur Erholung der Wälder begonnene Ausbeutung fossiler Brennstoffe - erst Kohle und Torf, später Erdöl und Erdgas - verselbstständigte sich und brachte uns in die heutige Sackgasse.

Als die 1983 von den Vereinten Nationen gegründete Weltkommission für Umwelt und Entwicklung nach vierjähriger Arbeit ihren Zukunftsbericht veröffentlichte, war - ohne Verweis auf die forstwirtschaftliche Herkunft des Begriffs - die Idee der nachhaltigen Entwicklung geboren. In dem nach Gro Harlem Brundtland, der damaligen Vorsitzenden, benannten Bericht der Kommission wird die Vision einer Entwicklung skizziert, »welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen«. Der notwendige Einklang sozialer und ökonomischer Entwicklung mit dem Schutz der natürlichen Umwelt wurde 1992 beim UN-Gipfel über Umwelt und Entwicklung in Rio zur Aufgabe der Staatengemeinschaft erklärt.

Die Vorgabe, soziale und ökonomische Entwicklungsbedingungen gleichrangig mit den ökologischen zu behandeln, war zweifellos ein bedeutender Fortschritt in der politischen Debatte über Entwicklung und Fortschritt. Mit der in Rio von 154 Staaten unterschriebenen Klimarahmenkonvention, der Verabschiedung der Konvention über die biologische Vielfalt und der Agenda 21 wurde damals wichtige Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklung gelegt. Allerdings zeigt der Fortgang der Entwicklung seither und der eher enttäuschende Ausgang des Jubiläumsgipfels Rio+20 im vergangenen Jahr, dass die 1992 verabschiedeten Vorhaben in der Praxis kaum umgesetzt wurden. Die Agenda 21 scheint an ihren hohen Ansprüchen gescheitert, Abkommen zum Bodenschutz oder zum Wasser fehlen ebenso wie eine Waldschutzstrategie, die die Rechte indigener Völker wahrt.

Der Stuttgarter Umwelt- und Techniksoziologe Ortwin Renn sieht als Grund dafür neben den oftmals kurzsichtigen Vorstellungen der Politik auch Schwächen der bisherigen Debatte über Nachhaltigkeit. Er schrieb kürzlich, dass eine zukunftsgerechte, den berechtigten Ansprüchen künftiger Generationen entsprechende Entwicklung weder mit einem »Weiter so« noch mit einem »Zurück zur Natur« zu haben sei. Er bemängelt bei Umweltaktivisten, dass eine Politik des kompromisslosen Naturerhalts verkenne, wie stark die Menschen auf die Umwandlung von Natur- in Kulturflächen und auf die Ausschöpfung der natürlichen Rohstoffe angewiesen sind.

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