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Wandern durch den Schanzenwald

»nd«-Frühjahrstour passiert Denkzeichen für Opfer der Nazi-Militärjustiz

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Links liegt still Wasser. Ein Weg führt mitten hindurch. Das sieht sehr schon aus. Doch Gerhard Wagner vom Wandersportverein Rotation lotst mich rechts den Abhang hinauf. »Wir gehen hier lang«, sagt er und gebietet seinem Hund Pekka, uns zu folgen. Der Weg links sei eine Sackgasse, aber oben gebe es etwas Interessantes, verspricht Wagner.

Die »nd«-Frühjahrswanderung startet am Sonntag, dem 14. April, am U-Bahnhof Ruhleben beziehungsweise am S-Bahnhof Jungfernheide. In Ruhrleben beginnen die 16 und die elf Kilometer lange Strecke, in Jungfernheide geht es los für den sieben Kilometer langen Abschnitt. Ziel ist der alte Zollpackhof an der Elisabeth-Abegg-Straße 1.

Wer auf die 16 Kilometer startet, erreicht nach etwa 20 Minuten die eingangs beschriebene Stelle. Er befindet sich dann mitten im idyllischen Naturschutzgebiet Murellenschlucht und Schanzenwald. Hier tummeln sich Grasfrosch, Erdkröte und Kammmolch, aber auch Kleilfleck- und Königslibelle, ebenso Vogelarten wie Teichrohrsänger, Zwergtaucher, Graugans und Kleinspecht.

Doch an diesem Ort spielten sich einst auch grausige Morde ab. Die faschistische Wehrmacht erschoss hier zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 mindestens 232 Menschen. Die Nazi-Militärjustiz hatte sie wegen Fahnenflucht oder Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Wo genau im Schanzenwald sich diese Hinrichtungsstätte befunden hat, weiß man heute nicht mehr genau. Auf dem Murellenberg befindet sich nun seit dem Jahr 2001 ein Denkzeichen für die Opfer. Nach einem Konzept der argentinischen Künstlerin Patricia Pisani sind seinerzeit entlang des Weges 104 Verkehrsspiegel aufgestellt worden. Auf der Straße dienen solche Spiegel dazu, von ungünstigen Stellen aus Kurven oder Tunnel einzusehen und den Gegenverkehr rechtzeitig zu bemerken. Als Denkzeichen machen die Spiegel symbolisch eine gleichsam verborgene Episode der Geschichte sichtbar. Die Künstlerin erklärte, zu sehen soll sein, »was um die Ecke passiert, eine Gefahr oder eine Bedrohung«. Demnach zeigen die Verkehrsspiegel etwas »vom momentanen Standort aus nicht Sichtbares: um die Ecke, in die Vergangenheit, in die Zukunft.«

Auf einigen - nicht auf allen Spiegeln - sind Zitate aus den Urteilen der Militärjustiz zu lesen, oder auch Bemerkungen zum Umgang mit Deserteuren im Nachkriegsdeutschland. Zur Einweihung der Installation erinnerte der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann on der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz an die gnadenlose Bemerkung Adolf Hitlers: »Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.«

Der in der Erinnerungsarbeit engagierte Lothar Eberhardt sprach von einem »Gedenken zweiter Klasse«. Statt einen Entwurf auf dem Weg zur Waldbühne zu realisieren, habe sich der Senat für Denkzeichen entschieden, die im Wald versteckt seien.

Unter den Toten vom Schanzenwald war auch Gustav Heisterman von Ziehlberg. Der Berufsoffizier befand sich an der Ostfront, als er wenige Tage nach dem gescheiterten Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 den Befehl erhielt, seinen Generalstabsoffizier Major Kuhn unverzüglich festzunehmen und nach Berlin bringen zu lassen. Kuhn sei an der Beschaffung des Sprengstoffs für den Anschlag beteiligt gewesen, hieß es. Der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zufolge gab von Ziehlberg dem Major aber Gelegenheit, sich zu erschießen. Kuhn lief stattdessen zu den sowjetischen Truppen über, was Gustav von Ziehlberg zum Verhängnis wurde.

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