Keynesianismus als Übergangsprogramm zum Sozialismus?

Ein Buch stellt die Gemeinsamkeit der großen Wirtschaftsdenker Karl Marx und John Maynard Keynes heraus

Widersprechen sich Marxismus und Keynsianismus oder sind sich beide Theorien näher als gedacht? Ein Buch will diese Frage beantworten.

Sir John Maynard Keynes. Wer die gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Vorstellungen von den linkssozialistischen Parteien Europas bis hinein in die Reste linksradikaler Strömungen verfolgt, wird meist auf ihn und nicht auf Karl Marx als Kronzeugen stoßen. Denn die Forderungen nach dem sogenannten »deficit spending«, der zuweilen Schuldenfinanzierten Nachfragestimulierung in Krisen und damit antizyklischen Wirtschaftspolitik, ist der bekannteste Bestandteil des Keynesianismus.

Selbst Marxisten wie der Berliner Politologe Elmar Altvater oder Karl-Heinz Roth, laut älteren Verfassungsschutzberichten ehemals »wichtigster Theoretiker« der autonomen Bewegung in der Bundesrepublik, haben in ihren Studien zur Finanzkrise zumindest als Übergänge »ökologisch und sozial sinnvolle Investitionen« (Altvater) beziehungsweise »Programme der Sozial- und Wachstumsförderung« (Roth) gefordert.

Dies war vor Jahrzehnten noch anders. Zwar waren die sozialdemokratischen Parteien in der Nachkriegszeit auf keynesianischen Kurs geschwenkt, aber unter Marxisten galt der Keynesianismus als das, was sein Namensgeber sich vorgestellt hatte: Als nach den Krisenerscheinungen von 1929 und den folgenden Jahren einzig verbliebene Möglichkeit mittels staatlicher Eingriffe den Kapitalismus »von diesem Punkt an wieder zu seinem Recht kommen zu lassen«, wie es Keynes in seinem Hauptwerk »Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes« selbst geschrieben hatte. Vor allem die Studie »Marx und Keynes« des dissidenten Marxisten Paul Mattick prägte die Debatte, in der dieser gefolgert hatte, Keynes’ Programm habe zum Ziel gehabt, »den Niedergang des Kapitalismus aufzuhalten«.

In diesem Klima erschien 1984, nachdem der keynesianische Nachkriegskonsens bereits von den neoliberalen Vorstellungen der Chicagoer Schule abgelöst worden war, eine Studie, die die vielfältigen Übereinstimmungen der theoretischen und politischen Schlussfolgerungen von Keynes und Marx in den Mittelpunkt stellte. Deren Titel lautete »Keynes contra Marx?« und nahm damit eindeutig Bezug auf die vorangegangenen Debatten um Matticks Buch. Ihr Autor, Stephan Krüger, heute vor allem als Berater für Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter tätig, kam nach eingehendem Vergleich der Theorien der beiden Protagonisten zu dem Ergebnis, die vielfältigen Vorschläge von Keynes’ »Modernisierungsprogramm« könnten einen wichtigen Beitrag zu einer »sozialistischen Marktwirtschaft« als Übergangsprogramm zu kommunistischen Perspektiven darstellen.

Nun hat der VSA-Verlag aus Hamburg das Buch vom Autor selbst teilweise überarbeitet unter dem Titel »Keynes & Marx« neu herausgegeben. Gerade vor dem Hintergrund, dass die »schroffe Ablehnung« der keynesianischen Vorschläge durch die meisten Marxisten einer »sehr weitgehende(n) Übernahme« gewichen sei, wie Krüger im Vorwort konstatiert, könnte sich dies als besonders wertvoll erweisen. Wer sich jedenfalls die Frage stellt, ob Keynes als »einziger Ökonom bürgerlicher Provenienz« in eine Analyse der kapitalistischen Gesellschaft und Ihre Aufhebung tatsächlich zu integrieren sei, wie es nicht nur Krüger, sondern große Teile der Linken ganz offensichtlich glauben, kommt auch bei aller gebotenen Skepsis an der Darstellung nicht vorbei.

Stephan Krüger: Keynes & Marx. Darstellung und Kritik der »General Theory« - Bewertung keynesianischer Wirtschaftspolitik - Linker Keynesianismus und Sozialismus. VSA Verlag, Hamburg 2012, 416 S., 26,80 €.

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