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Facebookfantasien

Wie die »Pro«-Bewegung versucht, Kapital aus einer Morddrohung zu schlagen

Markus Beisicht, Vorsitzender der rassistischen »Bürgerbewegung Pro NRW«, stand auf einer Todesliste deutscher Islamisten. Seitdem prahlen die »Pro«-Leute, viel mehr Anhänger zu gewinnen. Doch ihr realer Erfolg ist wohl ein anderer: Längst übernehmen auch demokratische Politiker ihre »Argumente«.

Vor zweieinhalb Wochen wurde bekannt, dass die Polizei vier Radikalislamisten in mehreren NRW-Städten verhaftet hat, auf deren Todesliste offenbar Politiker der rechtspopulistischen »Bürgerbewegung Pro NRW« standen. Unter anderem sollte der Vorsitzende der islamfeindlichen Truppe, Markus Beisicht, in die »Dschahannam« (das islamische Pendant zur christlichen »Hölle«) befördert werden. Ein Anschlag auf Beisicht wurde wohl nur knapp verhindert.

In diesen Tagen verkünden die Rechten nun, seitdem ihre Erfolge im sozialen Netzwerk Facebook erheblich gesteigert zu haben: »Über 5000 Fans und fast 500 000 erreichte Personen pro Woche!«, so ist eine Pressemitteilung aus dem »Pro«-Milieu überschrieben, die diesen angeblichen Erfolg insbesondere auf die Bedrohung ihres Vorsitzenden durch Salafisten, meist bärtige, oft übrigens autochthon-deutsche Männer zurückführt, die einer radikalen Auslegung des Islam nebst Gewalt zuneigen.

Seit dieser »Zuspitzung in der Auseinandersetzung mit der islamistischen Gefahr« schienen »alle Dämme zu brechen«, ist in der Erfolgsmeldung aus dem Hause »Pro« zu lesen. Nicht nur die Facebook-Seite eile »von Rekord zu Rekord«. Auch »im realen Leben« gebe es »eine große Welle an neuen Aufnahmegesuchen«.

Realer Kleinstprotest

Kann die »Bewegung«, die 1996 als »Pro Köln« startete und, trotz vieler Flops und Skandale, mittlerweile in neun Kommunalparlamenten vertreten ist, tatsächlich Kapital schlagen aus der Todesliste? Zweifel sind angebracht. Da ist zunächst die Diskrepanz zwischen den 500 000 Menschen, die von der Facebook-Seite - pro Woche! - erreicht werden und den lediglich 5000 Fans, die sich seit Bestehen der Seite dort als Fans der »Pro«-Bewegung offenbart haben sollen.

5000 Fans? Auch diese Zahl könnte überhöht sein. Im Gegensatz zum »realen Leben« kann man sich in sozialen Netzwerken wie Facebook nämlich durchaus Freunde kaufen. Und die »Pro«-Bewegung neigt nach Angaben von Aussteigern wie Kritikern dazu, Zahlen ins Groteske zu frisieren - natürlich zu ihren Gunsten.

Manchmal unterlaufen ihr dabei aber auch Pannen: Laut einer von der »Pro«-Bewegung verbreiteten Statistik stieg die »wöchentliche Reichweite« ihrer Facebook-Seite zuletzt um knapp 600 Prozent, die Zahl der Fans indes um lediglich elf Prozent. Das klingt nicht danach, als könnten Markus Beisicht und Co. allzu viele Interessierte tatsächlich überzeugen. Und die Erfolge im »realen Leben«? Mit einer als »bahnbrechend« verkauften »Volksinitiative gegen Asylmissbrauch« konnte die »Pro«-Bewegung in den letzten Wochen stets nur 30 bis 40 Anhänger auf die Straßen des Rheinlandes und Ruhrgebietes bringen - trotz eines eigens gecharterten Busses, der Demonstranten von Stadt zu Stadt, von Kleinstprotest zu Kleinstprotest karrte. Morddrohung hin, Morddrohung her ...

»Ein Zeichen mehr, mit welcher Dynamik die Pro-Bewegung überall an Boden gut macht«, sei die »hohe Reichweite« im Internet und anderswo, verkündet man trotz allem. Ein »politisches Erdbeben« bei der nordrhein-westfälischen Kommunalwahl Anfang 2014, tönt es gar aus der rechten Ecke, werde »immer wahrscheinlicher«. Das ist bloß heiße, übelriechende Luft. Das Problem ist ein anderes: »Pro«-Gegner wie Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) übernehmen die Rhetorik der scheinbaren Rechtsdraußen, wettern gegen Roma, die Müllberge erzeugen würden, die, O-Ton Sören Link, »größer sind als ich«.

Einfach mehr Mülltonnen

Dabei zeigt sich in der Praxis: Die aus Bulgarien und Rumänien ins Ruhrgebiet Kommenden müssen meist mit vielen Dutzend Menschen in Wohnungen hausen, die eigentlich für Kleinfamilien ausgelegt sind. Entsprechend reicht die bisherige Zahl der Mülltonnen nicht aus. Zumindest dieses Problem lässt sich recht leicht lösen - nicht mit Polemik, sondern mit mehr Mülltonnen.

»Ziemlich sicher« sei er, sagt Sozialdemokrat Link, dass Roma nicht etwa wegen Verfolgung, Rassismus und Perspektivlosigkeit in ihren Herkunftsländern, sondern wegen der hiesigen Sozialleistungen nach Deutschland kämen. Fakt jedoch ist: In aller Regel haben osteuropäische Roma nur Anspruch auf Kindergeld, nicht jedoch beispielsweise auf Hartz-IV-Leistungen.

Vom Kindergeld allein lassen sich völlig überzogene Mieten (so läuft das Geschäftsmodell der halbseidenen bis gänzlich kriminellen Vermieter!) kaum bezahlen. Finden die Roma kein legales Einkommen, scheint der Weg in die Kriminalität programmiert - die dann von Politikern wie Link oder Markus Beisicht parteiübergreifend beklagt werden kann.

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