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Marski und Marx

BE: Verbotene DDR-Dramatik - Hartmut Lange

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wieder sitzen sie in einer langen Reihe am Lesetisch, Dramaturg Hermann Wündrich leitet ein, Manfred Karge wird die Zwischentexte und Regieanweisungen lesen, das Foto des Autors prangt von der Wand des Gartenhauses im Berliner Ensemble. In der Reihe verbotener oder vergessener DDR-Dramatik diesmal: »Marski« von Hartmut Lange.

Marski ist das Gegenteil eines Genossen, er ist Genießer. Er ist auch ein gewiefter Ausbeuter: Wenn er von Freundschaft spricht, ist genau diese Ausbeutung gemeint, und da die armen Bäuerlein ringsum sein Ackergerät, seine Pferde brauchen, sind sie gern des Giersacks Sklaven und nennen's ebenfalls: Freundschaft. Denn der Mensch rettet sich gern in die Benennung, spricht von Gemeinschaft, wenn er im Kollektivismus klemmt, er redet sich die Enge zur Freiheit schön, und Dogmatismus klingt weit besser, wenn man ihn Parteilichkeit heißt. Einsicht in die Notwendigkeit? Einknicken, weil Not herrscht - und so ist Marski der Dionysos mit Drohkraft, der Falstaff der fetten Felder, ein herrischer, aber in seiner Sinnenfreude auch herrlicher Mensch.

Bis die LPG doch übermächtig lockt und ihm die Sklaven, die im Grunde den Hof, nicht Marski hofieren, hinüberrennen in die staatliche Rettung. Marski hängt sich auf, schwebt aber gewandelt herab, verschenkt sich mit Hab und Gut ebenfalls an die Genossenschaft. Später wird der Vorgang heißen: Alle brauchen den Sozialismus, der Sozialismus braucht alle. War aber anders gemeint: Alle gebrauchen, was vom Sozialismus noch zu gebrauchen ist, und die Idee verbraucht alle. So entsteht der Brauch der Zukunft: Wer geht, dem wird keine Träne nachgeweint. Und Marski gehört nicht auf die Bühne des Deutschen Theaters!

Schicksal eines Schauspiels aus der DDR-Frühzeit. »Marski« ist eine Komödie, die an einer Grundphilosophie des Stalinismus scheiterte: Kulaken übernimmt man nicht, man vernichtet sie. Also auch Theaterstücke, die eine freundliche Übernahme versuchen, nämlich die des Großbauern in die Großgemeinschaft. Lange, 1937 in Berlin geboren, studierte an der Filmhochschule Potsdam, kam als Dramaturg ans Deutsche Theater Berlin. Peter Hacks, damals Langhoffs Chefdramaturg, erblickte einen »dürren Menschen«, von dem eines Tages zu erwarten war, dass er »die Mähne schüttelt und brüllt«. Aber die bereits avisierte Uraufführung seines Stückes scheitert am Rigorismus der Partei, die ihren Marxismus nicht in Einklang bringt mit der existenziellen Gebundenheit des Menschen an dessen Bedürfnisse und Wesenheit außerhalb ökonomischer und sozialer Verhältnisse. Zudem: 1963 wird Langhoff gestürzt, er fällt über Hacks' »Die Sorgen und die Macht«.

Die Macht sorgt einzig für sich selbst, also steigen die allgemeinen und konkreten Sorgen, das geistige Niveau der Kulturpolitik sinkt. Lange: »Es ist das erste Mal, dass eine herrschende Klasse von Kunst nichts versteht.« Das Stück kommt vors Tribunal von Kulturfunktionären. Der Dramatiker hat folgenden Dialog überliefert. Auf des DT-Chefdramaturgen Behauptung hin, die Komödie sei »besonders realistisch«, fragt der Funktionär den Autor: »Das Stück spielt auf dem Lande?« - »Ja.« - »Waren Sie schon einmal auf dem Lande?« - »Ja.« - »Haben Sie einen Bauern sprechen gehört?« - »Ja.« - »Sprach er in Versen?« - »Nein.« - »Na also, was soll an dem Stück realistisch sein?«

Das Lächerliche war das Gewaltsame. Wer das für die groteske Entgleisung, nicht für das bittere Wesen hält, darf weiter hoffen, es sei ja alles nicht so schlimm gewesen. Hartmut Lange aber, das groß herausgestellte Talent, will keine »eingemauerte Nachtigall« sein und geht nach weiteren Querelen in den Westen. Er ist heute einer der großen Novellisten deutscher Literatur.

Verse, an Goethes »Faust« gelehnt, auch Hölderlin-Hymnik und der Klang von Shakespeare, dazu ein witziges, versoffenes Puntila-Pathos: Langes »Marski« spielt souverän und eigensinnig mit der Theaterklassik, seine Komödie wirft sich kräftig gegen die Langeweile des puren Erkennens und durchgetrimmten Erklärens der Welt; sie feiert, dass sich der Mensch nicht im organisiert Weltanschaulichen erschöpft.

Zehn Schauspieler des Berliner Ensembles lesen - und sitzen doch in Startlöchern des Spiels. Des Autors Foto prangt nicht nur von der Wand, er ist anwesend, danach wird er diese Ansätze des Spiels als eine »schöne schauspielerische Unerlöstheit« bezeichnen - ja, die Lesenden bleiben logischerweise an das vor ihnen liegende Papier »gefesselt«, und doch zeigen sie, zu welcher Freiheit des Ausdrucks der Text animiert.

Rollenbegünstigt sind es vor allem Roman Kaminski als Marski und Martin Seifert als Kleinbauer Zerre, die poltrige Seelenfettlebe und willfähriges Schleimergemüt gegeneinanderwerfen. Und Hartmut Lange amüsiert sich, als erlebe er die Uraufführung eines ihm unbekannten Stücks.

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