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Selber um uns selber kümmern

Sechs Männer und zwei Frauen engagieren sich für die Zukunft ihrer Dörfer

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wenn das der König wüsste! 200 Jahre nach den Versuchen der preußischen Monarchen, Brandenburg zu »peuplieren«, also zu besiedeln, steht diese Aufgabe wieder auf der Tagesordnung. Als einen hilfreichen Geist stellte Sozialminister Günter Baaske (SPD) gestern den Dorfkümmerer vor.

Das Land Brandenburg. Unendliche Weiten. Und an den Rändern inzwischen annähernd so menschenleer wie das Weltall. In einigen Jahren werde die Hälfte der Brandenburger auf zehn Prozent des märkischen Gebiets im Berliner Umland leben und die andere Hälfte verstreut auf den übrigen 90 Prozent, sagte Minister Baaske gestern. Um nicht hinzunehmen, dass sich dort nur noch Fuchs und Hase gute Nacht sagen - beziehungsweise Wolf und Elch guten Tag -, hat man sich Spanien zum Vorbild genommen. Dort kümmert sich seit einigen Jahren der Scout um Dörfer, die sich entleeren. Dieser Scout sammelt Ideen und organisiert ihre Umsetzung.

In Brandenburg heißt ein solcher Scout jetzt Dorfkümmerer. Von dieser Spezies gibt es schon acht Stück - sechs Männer und zwei Frauen. Vor allem tritt der Dorfkümmerer in der Uckermark auf. Ursula Macht erzählte gestern in der Potsdamer Staatskanzlei, wie sie sich im idyllischen Flieth-Stegelitz in der Uckermark kümmert, indem sie sich für nachhaltigen Tourismus und den Aufbau einer örtlichen Gemüse-Versorgungsgemeinschaft engagiert.

Nach der Wende hatte die promovierte Literaturwissenschaftlerin mit dem Spezialgebiet Slowakische Lyrik in ihrem Fachgebiet und auch als Dolmetscherin keine Chance mehr. »Vor der Wende war ich für alles zu jung, nach der Wende für alles zu alt«, bekannte die Frau, die einstmals an der DDR-Akademie der Wissenschaften tätig war. Nachdem die Berlinerin bei verschiedenen Gelegenheiten erfahren hatte, einen Beruf wie den ihren müsse man sich heutzutage »leisten« können, hängte sie diesen Beruf an den Nagel und zog in die Uckermark, um dort »sinnvoll und in Würde« zu leben. Wie jeder Dorfkümmerer erhält Ursula Macht eine monatliche Entschädigung von 400 Euro. Die Zahlung ist befristet auf anderthalb Jahre. Im Hauptberuf versuche sie sich als Kräuterfrau, habe einen Massagekurs hinter sich, organisiere Lehrgänge, sagte sie. Als Aufstockerin, die zusätzlich auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, strample sie »wie die Maus in der Milch, bis hoffentlich mal der Butterberg kommt«.

Hans-Jürgen Bewer ist mit 71 Jahren schon lange Rentner und war einstmals für die technische Sicherheit in der Schwedter PCK-Raffinerie zuständig. Als Kümmerer im uckermärkischen Altkünkendorf hat er gemeinsam mit seinem Sohn den Schorfheidelauf ins Leben gerufen und plant die Errichtung eines touristischen Anlaufpunktes. Das Geld werde knapp und immer knapper, ist er sich sicher. Seinen Nachbarn im 180-Seelen-Dörfchen sage er, wenn etwas geschehen solle, dann müsse der Einzelne mehr machen, als sich um einen Küchengarten kümmern. Im weiten Umfeld gebe es bei ihm daheim keine gastronomische Einrichtung mehr, beklagte Bewer. Wenn Wanderer einen Imbiss wünschen, dann werden sie ins Haus gebeten. Hier ein stabileres Angebot zumindest in der Saison zu sichern, wäre eine Aufgabe.

Ein Geldgeber für die Kümmerer-Initiative ist der Generali-Versicherungskonzern. Dessen Vertreter Uwe Amrhein sagte gestern, mit Projekten sei man schon zu oft gescheitert, es habe in Deutschland die Mentalität vorgeherrscht, einen Leuchtturm in die Landschaft zu setzen, der nach Auslaufen der Projektfrist zur Ruine zerfalle. »Am Ende hat es oft keine dauerhafte Lösung gegeben.« Bei den Dorfkümmerern sei das insofern anders, als da der Grundsatz gelte, die Förderung geht, aber der Kümmerer bleibt. (Weil er dort wohnt.)

Minister Baaske bestätigte, dass es in Brandenburg in der Vergangenheit viele Museums- und Bibliotheksprojekte auf ABM-Basis gegeben habe, die nach Auslaufen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen einfach abgestorben seien.

Im Unterschied zur Königszeit, als Franzosen und Niederländer in die Mark Brandenburg zogen, können heute die wenigsten von dem Land oder dem Grundstück leben, dass sie hier mehr oder weniger preiswert erwerben, schilderte Ursula Macht den Hintergrund. Der einzige Landwirt in ihrem Orte habe 20 verstreut liegende Hektar gepachtet. Er könne nicht kostendeckend arbeiten und gehe zur Arbeitsagentur. Dort heiße es: »Verkaufen Sie doch Ihr Land.«

Auf der anderen Seite konnte Macht bestätigen, dass es auch wieder Zuzüge von Familien mit Kindern gebe. Minister Baaske warb dafür, die Entwicklung nicht nur negativ zu sehen. In heutigen Kolonistendörfer würden sich Bayern und Baden-Württemberger niederlassen. Diese bringen - wie einst Franzosen und Holländer - Ideen mit. Offenbar kennt sich Baaske aus: »Wenn in den Dörfern und Kleinstädten Häuser für 150 000 Euro angeboten werden, und sie gehen realiter dann für 50 000 weg - dann ist das für die früheren Eigentümer eben bitter.«

Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sagte kürzlich im Landtag, Neubürger im märkischen Dorf gebe es auch eine Menge, doch würden die nicht selten denken, sie ziehen in eine Gartenstadt, nicht aber in ein von Landwirtschaft geprägtes »Dorf mit Trecker und Misthaufen«. Das Verkehrsangebot sei modernisiert, 30 historische Stadtkerne »hervorragend in Schuss«, freute sich Platzeck. Das ermögliche dort ein Weiterleben auf achtbarem Niveau. Diese Attraktivität unterstütze die Ansiedlung von Handel und Gewerbe. Modelle wie die Gemeindeschwester, Telemedizin und selbst die Poliklinik würden einen Übergang weg von »starren Modellen« markieren. Die Selbstorganisation solcher Regionen dürfe nicht durch Gesetze behindert werden. »Von der Regeldichte müssen wir manches zurücknehmen«, äußerte der Regierungschef. »Sonst wird es nicht funktionieren.« Es gelte, die Ausnahme zur Regel zu machen.»«

● In Bert Brechts »Keiner plagt sich gerne« heißt es im Refrain: »Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut! Um uns selber müssen wir uns selber kümmern, und heraus gegen uns, wer sich traut.«

● Dorfkümmerer sind ortskundige Personen, die in entlegenen Dörfern für ein aktiveres Gemeinschaftsleben sorgen sollen.

● Die Kümmerer sollen typische Probleme der einzelnen Dörfer erkennen und gemeinsam mit den Einwohnern nach Lösungen suchen.

● Im Zentrum steht die Verbesserung der Versorgung mit Lebensmitteln und die Schaffung einer nachhaltigen Infrastruktur für den Tourismus.

● Alle acht Kümmerer sind älter als 55 Jahre.

● Die Kümmerer sind im Rahmen einer Initiative des Sozialministeriums und einer Agentur für soziale Projekte seit Juni 2012 in Uckermark, Oberhavel und Barnim im Einsatz.

● Die acht Leute wurden zehn Tage lang in einem Workshop auf die neue Aufgabe vorbereitet.

● Nach Angaben des Sozialministeriums ist das Projekt deutschlandweit einzigartig.

dpa/nd

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