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Das Bratwurst-Dilemma

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Als Vegetarier werde ich (Interessanterweise bisher ausschließlich nur von Fleischessern.) häufig gefragt, ob es nicht inkonsequent sei, einerseits auf Fleischprodukte zu verzichten, sich aber gleichzeitig entsprechende so genannte Ersatzprodukte auf Pflanzenbasis zu suchen. Immerhin würde dies doch bedeuten, ich würde das vermeintliche »Original« aus Fleisch doch irgendwie weiterhin mögen, beginge damit also eine Art von Selbstbetrug. Wäre dies tatsächlich schizophren?

Gerade jetzt im Frühling, kurz vor oder bereits mitten in der Grillsaison, muss ich an dieser Stelle ein Geständnis ablegen. Ja, ich liebe die Wurst noch immer! Egal ob groß oder klein, egal ob mit viel oder weniger Majoran gewürzt, am liebsten aber im Naturdarm und knackig braun direkt vom Holzkohlegrill serviert. Der Biss, die Konsistenz, das Mundgefühl! Ich liebe dich, du Königin des Fleischerhandwerks.

Doch genau in letzterem Aspekt liegt für Vegetarier das augenscheinliche Bratwurst-Dilemma. Was meistens Schwein, aber auch Rind oder Kalb den Kopf kostet, bleibt aus eigener Überzeugung tabu. Wer so wie ich, 24 Jahre lang keine Gedanken daran verschwendete, woher das Tier auf seinem Teller kommt oder ob es ethisch vertretbar ist, schwächere Lebewesen – und um nichts anderes handelt es sich bei Tieren im Vergleich zum modernen Menschen – zu verspeisen, ist mit dem Geschmack von Bratwürsten schlicht und ergreifend aufgewachsen. Geschmackliches Empfinden und der Ekel vor bestimmten Lebensmitteln ist nicht unwesentlich von der eigenen Sozialisation abhängig. Wer in einer Familie voller Vegetarier aufwächst, käme wahrscheinlich nur als Trotzreaktion auf den Gedanken, dass Töten von Tieren zur Befriedung von Geschmackserlebnissen als etwas Erstrebenswertes zu erachten. Meine Sozialisation geschah allerdings in einem Umfeld, dass den Holzkohlegrill als festes Familienmitglied ansah und das den Gitterrost über glühend heißen Kohlen vorzugsweise mit duftenden Bratwürsten bestückte. Vergessen kann ich ihn nicht. Der Geruch jenes Moments, wenn die rot leuchtende Glut mit ihrer Hitze zum ersten mal Kontakt zur Wurst aufnimmt.

Heute kommt mir dagegen der Einkauf im Supermarkt, der stets vorbei am Regal meiner mit Bratwurst gesegneten Jugend führt, wie ein Gang der Läuterung vor. Zwei Jahrzehnte betete ich die eingeschweißten Würste in den Kühlregalen als Krone des Genusses an, nun habe ich die Geschmacks-Ikone von ihrem heiligen Sockel gestoßen.

Pathetisch ausgedrückt: Bratwürste bleiben für mich als Vegetarier ein Teil meiner Gegenwart, da sie Teil der Vergangenheit sind. Schließlich lässt sich ein einmal als positiv abgespeichertes Geschmacksempfinden nicht auf Knopfdruck löschen. Da Vegetarismus noch vor wenigen Jahren wenig schmeichelhaft mit dem ausschließlichen Verzehr irgendwelcher Körner gleichgesetzt wurde und heute so selbstverständliche Nahrungsmittel wie Tofu früher höchstens im Reformhaus erhältlich waren, dürfte die Zahl derjenigen, die bereits in zweiter oder sogar Familiengeneration fleischlos aufwachsen, sehr überschaubar sein. Entsprechend sollte vielen Fleischlosen mein Dilemma mit der Wurst aus eigener Erfahrung bekannt sein.

Und genau hier kommen die vegetarischen »Ersatz«-Produkte ins Spiel. Längst müssen für eine gute Wurst höchstens Tofutiere vor ihren Schöpfer treten. Die Vurst mit V kann einem den Umstieg erheblich vereinfachen. Dabei sollte sie allerdings nie als Ersatz sondern stets Alternative zur tierischen Wurst angesehen werden. So klappt es auch mit der anstehenden Grillsaison.

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