»Lotterie«-Spiel ums Überleben

Willi Beitz: Warlam Schalamow - der Erzähler aus der Hölle von Kolyma

  • Von Adelheid Latchinian
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer meinte, über die GULag-Thematik der Stalin-Zeit vor allem aus der Feder Alexander Solshenizyns hinreichend ins Bild gesetzt zu sein, muss sich spätestens jetzt korrigieren. Die Begegnung mit seinem älteren Schriftstellerkollegen und Leidensgefährten Warlam Schalamow (1907-82) und dessen »Erzählungen aus Kolyma« lässt uns in noch erschreckendere Abgründe blicken.

Zwar hatte Volk und Welt 1990 mit einem seiner letzten Spek-trum-Bändchen unter dem Titel »Schocktherapie« (übersetzt von Thomas Reschke) Erzählungen dieses gewichtigen russischen Autors publiziert. Zwar signalisiert Willi Beitz in der von ihm als Herausgeber und Mitautor erarbeiteten und 1994 in Bern veröffentlichten russischen Literaturgeschichte unter Bezug auf Schalamow »die Wiederkehr des ›Lagerthemas‹«. Aber eine vierbändige Werkausgabe erhielt dieser Russe in seiner Heimat erst 1998 in Petersburg, lange nach seinem Tod. Sie wurde auch der deutschsprachigen Ausgabe in vier Bänden zugrunde gelegt, die in Berlin bei Matthes & Seitz 2007 bis 2011 erschien, herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein, übersetzt von Gabriele Leupold.

Auf diese Grundlage stützte sich Seitz bei seinem Schalamow-Vortrag, den er am 6. Dezember 2011 in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen in Leipzig gehalten hat. Nun ist dieser Vortrag zusammen mit ausgewählten Schalamow-Texten als ästhetisch ansprechende Buchpublikation im Leipziger Universitätsverlag erschienen und sollte den Weg zu möglichst vielen Lesern finden.

Als jüngster Sohn eines orthodoxen Geistlichen im nordrussischen Wologda geboren, geriet Schalamow nach einem Jura-Studium in Moskau als kritischer Geist erstmals zwischen 1929 und 1931 in Lagerhaft. Die Hölle von Kolyma durchlitt er dann von 1937 bis 1953. Die im Nordosten Sibiriens gelegene eisige Region wurde mit ihren beachtlichen Gold- und Zinnvorkommen seit Ende der 1920er Jahre für Hunderttausende von Häftlingen in mehr als 200 Lagern zu einer Welt des Grauens und der Versklavung, weil sich hier das ökonomische Kalkül immer unverhüllter mit dem Vernichtungswillen des Regimes verband.

Dieses schreckliche, fast 20 Jahre währende »Grunderlebnis« hat Schalamow nach seiner Rückkehr und Rehabilitierung (1956) aus dem Gedächtnis rekonstruiert, in etwa 140 Erzählungen literarisch verarbeitet und essayistischen Texten vertieft. Als erfahrener Hochschullehrer ermittelt Beitz in sorgfältiger Analyse ausgewählter Texte Merkmale der Prosa Schalamows: Plausibel macht er einen »konzentrierten und poetisch eher kargen Erzählstil, der häufig in polemische Passagen mit sarkastischen Tönen übergeht, die über Zeit und Ort hinausführen«. Schalamows Prosa bewege sich mit ihren geschilderten Episoden »in einer Sphäre jenseits der Politik«. In dieser wird zugleich eines ihrer fatalsten Ergebnisse offenbart: »die ungeheure Macht und die Gewalt«, die vom modernen Staat im 20. Jahrhundert ausgehen und den Einzelnen bedrohen und vernichten kann.

In enger Berührung zum Existenzialismus gelte Schalamows Interesse »der menschlichen Grundsituation unter diesen Verhältnissen«, »neuen psychologischen Gesetzmäßigkeiten im menschlichen Verhalten«. Momentaufnahmen im »Lotterie«-Spiel ums Überleben: Schalamow zeigt Häftlinge im grausamen Lageralltag oft als stumme Objekte dunkler Willkür und sadistischer Mordlust, worin unerwartet häufig gerade kulturell gebildete Wachleute, »Lager-Karrieristen« miteinander wetteifern.

Mit der unikalen Gestaltung seiner besonders langen und extremen GULag-Erfahrung tritt Schalamow in unverhohlene Polemik mit Dostojewski, vor allem aber mit Solshenizyn, die trotz aller erlebter Widrigkeiten die humanistischen Traditionen des klassischen russischen Romans hochgehalten haben. Als Künstler orientierte er sich stattdessen eher an der russischen Moderne der 1910er und 1920er Jahre. Anregung und Bestärkung verdankte der Einzelkämpfer den Akmeisten Ossip Mandelstam wie Anna Achmatowa und deren innovativer Behandlung des Wortes sowie dem Symbolisten Andrej Belyj und der Rhythmisierung wie verborgenen Musikalität seiner Texte.

Durch eine auf inneren Bezügen beruhende zyklische Anordnung seiner Erzählungen aus Kolyma hat Schalamow seinem Werk auch kompositorische Geschlossenheit gegeben. Mit dem erschütternden Weg seiner Leidensfiguren hat er »ein literarisches Fresco von starker Einprägsamkeit und letztlich sich doch herstellender Monumentalität« hinterlassen. Willi Beitz misst ihm gleiche Weltgeltung zu wie der Auschwitz- und Buchenwald-Prosa eines Jorge Semprun, Imre Kertész, Primo Levi oder Tadeusz Borowski.

In einem Schlussabschnitt hat Beitz auch der vergleichbaren Schicksale zweier Frauen, der Leipziger Schriftstellerin und Kommunistin Trude Richter (1899-1989) und der österreichischen Ärztin und Schriftstellerin Angela Rohr (1890-1985) gedacht, die ihre Kolyma-Erfahrungen ebenfalls als einen Akt des Widerstandes auf eigene Art literarisch zu dokumentieren vermochten.

Willi Beitz: Warlam Schalamow - der Erzähler aus der Hölle von Kolyma. Leipziger Universitätsverlag. 80 S., br., 12 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung