Mahner

Wilhelm Heitmeyer geht in den ruhelosen Ruhestand

Hätten deutsche Beamte und Innenminister die »Deutschen Zustände« studiert, wäre man dem rechtsextremen Mördertrio wohl früher auf seine blutige Spur gekommen, wären womöglich Menschenleben gerettet worden. Über zehn Jahren studierte und sezierte Wilhelm Heitmeyer mit seinem Team die deutsche Gesellschaft, deren Kultur respektive Unkultur. Jedes Jahr erschien bei Suhrkamp ein Band »Deutsche Zustände«. Besorgniserregende, alarmierende Fakten wurden der Öffentlichkeit vorgelegt - und vielfach ignoriert.

Anfang der 1980er Jahre hat der Soziologe zu seinem Gegenstand gefunden: Gewaltbereitschaft, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. 1996 gründete der Bielefelder Professor das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, dessen Leitung er nun altersbedingt abgibt. Er wird dort sicher weiter der gute Geist beim Erforschen von Ungeist bleiben.

Die Sprache der Soziologen ist eine eigenwillige, oft schwer fassbare. Heitmeyer aber weiß Probleme und deren Ursachen präzise zu benennen. Desintegration ist für ihn der Nährboden, auf dem Rassismus und Nazismus sprießen. Sie ist das Resultat der Verweigerung von Leistungen einer Gemeinschaft gegenüber Gemeinschaftsmitgliedern - keine Almosen, sondern Rechte, die soziale Anerkennung und materielle Sicherheit gewähren sollten. Werden sie verwehrt, schon in der Familie und Schule, in der Arbeitswelt und vom Staat vor allem, so entsteht ein Gefühl der Ungleichwertigkeit. Schlichte Gemüter versuchen ihren Selbstwert zu bewahren durch die Abwertung anderer Menschen, sei es ob deren Hautfarbe, Lebensgewohnheiten, Religion oder weil sie in der sozialen Pyramide noch weiter unten stehen. Heitmeyer spricht von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die sich gegen Juden, Sinti und Roma, Migranten, Ausländer und die Schwächsten der Gesellschaft richtet. Der Wissenschaftler bezieht explizit die Eliten in seine Kritik ein, vor allem die politische Kaste, die zuvörderst schuld an fortschreitender Demokratieentleerung und sozialer Not ist, an Politikverdrossenheit, Frust, Angst und Gewalt.

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