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Die Rockstar Armee Fraktion

»Das Wochenende« von Nina Grosse und die RAF im Film

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Die deutsche Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) war nicht nur ein politisches Unglück. Sie ist bis heute auch ein ästhetisches. Politisch, weil die isolierten Kämpfer einzig Steilvorlagen für konservative Großprojekte lieferten. Weil sie die eifrigen Totengräber einer breiten Studentenbewegung waren. Weil eine Handvoll arroganter Desperados auf Amphetaminen es schaffte, zahllosen Linken eine absurde Entscheidung abzunötigen: zwischen angeblich unmöglichem »Richtigem im Falschen« und dem so attraktiven wie reaktionären Kult um »die Tat«. Ästhetisch nervt die Gruppe in Form von Spielfilmen, Biopics, Doku-Dramen, Auto- und sonstigen Biografien, Romanen und der Person von Stefan Aust bis heute. Es ist ein aufgeblähtes eigenes Genre entstanden, das seit gestern mit dem Film »Das Wochenende« von Nina Grosse um ein Kammerspiel reicher ist. In der sehr abgespeckten Version der Romanvorlage von Bernhard Schlink wird der nicht geläuterte Terrorist Jens Kessler nach 18 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Ein Wiedersehenswochenende mit alten Weggefährten und den vernachlässigten Kindern gerät jedoch zur Erweckung von Dämonen der militanten und erotischen Vergangenheit aller Beteiligten. Vor allem Inga (Katja Riemann mit Mut zur Merkelfrisur) ist durch das Auftauchen ihrer alten Liebe Kessler nachhaltig verwirrt. In einem Brandenburger Landhaus zieht ein ungleiches 60er-Jahre-Quintett schmerzhafte Bilanz.

Aus dem Personaltableau etlicher RAF-Filme ist der »Zauderer« (man könnte auch sagen: Visionär), der sich einst frühzeitig vom selbstbezogenen Terror losgesagt hat, nicht wegzudenken. Und auch wenn ihm die Geschichte in allen Belangen recht gibt - oft ist er das schwächste Glied in den Filmkompositionen, während der »Kämpfer« (wie hier Koch) den mit Abstand coolsten Charakter des Films mimen darf. »Die RAF ist jetzt Pop«, sagt der von Sylvester Groth dargestellte »Aussteiger« Henner. Das soll ihn unsympathisch machen, dabei hat er recht. Andreas Baader in seiner großen Weisheit und Toleranz hätte ihn wahrscheinlich als »liberale Fotze« bezeichnet.

Der Popstar-Status der Gruppe ist die einzige Motivation, das Thema RAF in dem Film auftauchen zu lassen. Aus der literarischen Vorlage hat Grosse so gut wie alles Politische gestrichen und sie auf eine austauschbare Familien-Eskalation reduziert. »Das Wochenende« ist also ein Beziehungsfilm, gerahmt von Brandenburger Herbstimpressionen. Weil das für eine Großproduktion nicht ausreicht, wurde mit Terror-Gefasel nachgewürzt. Insofern ist das Werk eine Mogelpackung.

Die Unstimmigkeiten des Films lassen sich auch an der Besetzung festzumachen. Sebastian Koch sieht zu gut aus. Nach 18 Jahren Knast ist man kein wohlgenährter Naturbursche, der frisch von »Seewolf«-Set zu kommen scheint. Katja Riemann ist für die Rolle zu jung, trägt aber gezwungenermaßen den Film, auch weil Koch die gesamte Spieldauer darstellerisch nicht aus seiner Schmollecke herauskommt und Tobias Moretti als Ingas Ehemann in Selbstdarstellung verharrt. Die Attraktivität jedoch, die Riemanns Inga auf die beiden Alphatypen des deutschen Films ausübt, ist nicht nachvollziehbar. Die Figur ist weder stark noch schön noch auffallend klug oder warm. Was also zeichnet sie aus? Man weiß es auch am Ende des Films nicht.

Regisseurin Grosse, das zeigen ihre Interviews zum Film, ist erfasst von Aktionsfaszination. Das (von den Terroristen selber angekündigte) reaktionäre Moment der RAF blendet sie aus. Die Nichtkämpfer haben sich laut Grosse »eingerichtet« oder haben gar »ihre Ideale« aus dem Blick verloren. Wohlgemerkt, weil diese nicht der Furie Gudrun Ensslin und ihrem »Baby« Andreas Baader auf deren blutigen Psychotrip folgen wollten. Dass gerade der Gewaltverzicht ein (1970 nicht einfaches) Bekenntnis zu respektablen Idealen sein kann, wird in »Das Wochenende« wie in vielen anderen RAF-Dramen zwar thematisiert, der Position wird aber dann durch Regie und Besetzung sehr selten angemessen Rechnung getragen.

Noch heute muss sich in sehr linken Kreisen manchmal der rechtfertigen, der durch Militanz Wasser auf den ganz falschen Mühlen fließen sieht. Man muss aber feststellen, dass auch Teile des linksextremen Spektrums mittlerweile deutlich auf die Kontraproduktivität von Anschlägen etwa auf das Berliner Bahnnetz hinweisen. Wobei ziviler Ungehorsam wie Nazi- oder Castorblockaden, Haus- oder Spreeufer-Besetzungen nicht unter den Begriff Militanz fallen, sondern richtige und wichtige Protestformen sind. Auch weil sie sich eben nicht postwendend gegen die Protestierenden richten.

Man landet bei der RAF-Kritik schnell bei Floskeln wie »fehlende revolutionäre Situation« oder »schädliches Sektierertum« - also mitten in der belasteten Terminologie der Kommunistischen Internationale. Doch was etwa in Bezug auf die spanischen Anarchisten der 20er und 30er Jahre grundfalsch gewesen sein mag, ist bezogen auf die wildgewordenen westdeutschen Bürgerbengel von 1970 goldrichtig.

Dem militärisch chancenlosen Terror wohnt nichts Linkes inne. Selbst in Lateinamerika waren zumindest die jüngsten Umwälzungen meist parlamentarisch und nicht revolutionär - wobei hier der bewaffnete Kampf im Gegensatz zur RAF immer eine Rechtfertigung und Perspektive hatte und teils erfolgreich Veränderung durchsetzen konnte. Dass aber »politische« Militanz in Mitteleuropa, auch angesichts der gut dokumentierten Verflechtung von Macht und Terror zum Beispiel in Italien, heute überhaupt noch Kredit hat, ist verstörend. Aber auch die meist grundsätzlich RAF-kritischen Regisseure können dem vereinfachenden Sog der Attraktivität der Tat nicht widerstehen. Man lehnt die Gewalt natürlich ab, Gott bewahre! Aber gleichzeitig will man keinesfalls als der spießige Spielverderber dastehen, der die verblendete Power der Jugend verunglimpft. Dieser innere Spagat ist vielen RAF-Beiträgen anzumerken.

Einer der ersten Kino-Kommentare zum RAF-Thema ist gleichzeitig einer der besten und das nicht nur wegen Mario Adorfs Auftritt als Kommissar Beizmenne. »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« (1975) von Volker Schlöndorff nach Heinrich Böll hält sich erst gar nicht mit den Terroristen auf, sondern prangert die an, die aus dem Wahnsinn am meisten Kapital schlagen: ein mit Hilfe der RAF entfesselter Staat und eine kriminelle Springerpresse.

Es ist festzustellen, dass die filmische Auseinandersetzung mit der Gruppe in den 70er Jahren kritischer geführt wurde als in den folgenden Jahrzehnten, in denen neben einer Verlagerung der Erzählungen ins Private ein verhängnisvoller Starkult einsetzte. Auch wenn der Film nicht zu seinen großen Werken zählt - in »Die Dritte Generation« (1978) hat etwa Rainer Werner Fassbinder sehr früh die Gefahr der Manipulation von Terroristen durch rechte Hintermänner für ihre Interessen skizziert. Die selbst ernannten Kriegsherren erscheinen zudem intellektuell bestenfalls schlicht.

Das Motiv der Unterwanderung und Instrumentalisierung, Begleiterscheinungen der Gruppe noch vor der ersten Stunde, greift erst Dennis Gansel mit »Das Phantom« (2000) wieder auf. Sein mit dem Grimme-Preis prämierter Film beruht auf den höchst umstrittenen Thesen von Gerhard Wisnewski, die RAF sei in ihrer Spätphase eine reine Geheimdiensttruppe gewesen.

Positiv herauszuheben zwischen bemühten Doku-Dramen wie »Das Todesspiel« (1996-97, Regie: Heinrich Breloer) und Terrorquatsch wie »Die Terroristen« (1992, Regie: Philip Gröning) ist wiederum ein Film von Volker Schlöndorff. Aber auch in »Die Stille nach dem Schuss« (2000) ist die in die DDR geflüchtete RAF-Frau den grauen Ost-Mäusen optisch und intellektuell überlegen. »Wir haben doch nichts gegen die DDR gemacht«, darf die Protagonistin da einmal großspurig und gönnerhaft verkünden. Ganz so, als sei die RAF nicht systemerhaltend für die BRD gewesen, als sei sie kein Gründungsmythos Westdeutschlands.

Der so unhistorische wie poppige »Baader« (2002, Regie: Christopher Roth) stößt durch seine Stilisierung zwar bitter auf. Das hier gezeichnete schrille und unsympathische Bild des ewigen Halbstarken aber könnte eines der Realistischeren sein. Zumindest ist es eine erfrischende Abwechslung, nachdem sich mit den Jahren die RAF-Darstellung in zahllosen Dokumentationen auf die fünf ewig gleichen Fotos und Zitate reduziert hat. Der Gerichtsreißer »Stammheim« (1985) von Reinhard Hauff war bereits die erste Blaupause für Uli Edels »Der Baader-Meinhof-Komplex« (2008): von Politik und charakterlichen Tiefen befreit, pseudo-dokumentarisch, voll auf den Rockstarfaktor setzend. Das ist zwar unterhaltsam, würde wie »Das Wochenende« jedoch auch ohne den Terrorhintergrund funktionieren. Vielleicht aber kommen ausgerechnet diese Filme (gerade durch ihre Mängel) dem tatsächlichen, inhaltsleeren Charakter des Projekts »Deutscher Terror« noch am nächsten.

Sebastian Koch knurrt in »Das Wochenende« seinem ihn anklagenden Sohn einmal richtig schön seewolfmäßig zu: »An mich werden sie sich erinnern, an dich nicht.« Damit hat er, nun auch Dank Nina Grosse, allerdings recht.

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