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Vom Berggipfel in den Himmelskeller

Das Tal von Konavle im Hinterland von Dubrovnik steckt voller Überraschungen und gilt noch immer als Geheimtipp

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Antonia Ruskovic Radonic liebt ihre Mitarbeiter. Sehr sogar! Deshalb achtet sie gewissenhaft darauf, dass es ihnen gut geht: Sie versorgt sie mit Nahrung und teilt mit ihnen sogar das Dach überm Kopf. Nach 21 Tagen haben sie sich so vollgefressen, dass sie sich einspinnen. Darauf hat Antonia nur gewartet. Während in der Kinderstube schon die nächste Mitarbeitergeneration heranwächst, sammelt sie die Kokons ein, überbrüht sie mit heißem Wasser, und beginnt ihre Sisyphosarbeit - das Abwickeln der feinen Seidenfäden per Hand. Einen Kilometer von jedem Kokon, 3000 davon braucht die junge Frau, um 250 Gramm Rohseide zu gewinnen. Die muss nur noch versponnen werden, und dann endlich kann die Künstlerin sich ihrer eigentlichen Arbeit widmen - der Seidenstickerei, die seit jeher die Trachten der Menschen im Konavle-Tal ziert.

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Das liegt im Dreiländereck von Kroatien, Montenegro und Bosnien Herzegowina, kaum eine halbe Autostunde von Dubrovnik entfernt. Dennoch verirren sich nur wenige Touristen ins traditionsreiche Hinterland der »Perle von Kroatien«. Schade eigentlich, denn das Konavle-Tal ist nicht nur seit jeher der Obst- und Gemüsegarten für die Städter und eine Region, in der bis heute uralte Traditionen bewahrt werden, sondern auch ein Landstrich voll natürlicher Gegensätze, ein Paradies für Wanderer und Feinschmecker zugleich.

Doch bevor wir uns auf den Weg machen, schauen wir Antonia noch ein wenig über die Schulter. Die 40-Jährige interessierte sich seit der Kindheit für die künstlerischen Traditionen ihrer Heimat und versuchte sich schon frühzeitig an der Seidenstickerei. Später studierte sie in Zagreb an der Kunstakademie und ist heute eine Gralshüterin der alten Traditionen. Jede Verzierung, jede Farbe, jedes Muster in Schürzen, Röcken, Blusen, Miedern und Hauben der Trachten hat seine Bedeutung, Stich für Stich trägt Antonia dazu bei, dass auch nachfolgende Generationen noch darin lesen können. In ihrem Atelier in Gruda mitten im Konavle-Tal kann man ihr bei der Arbeit zusehen und feine Seidenstickereien auf Tischdecken, Blusen, Kissenplatten oder Taschen kaufen.

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Seidenraupenzucht prägte das Tal über Jahrhunderte ebenso wie der Anbau von Oliven, Feigen oder Wein. Seine Fruchtbarkeit verdankt es neben der geschützten Lage zwischen dem Meer und einer halbkreisförmigen Bergkette, deren höchster Gipfel 1234 Meter hoch ist, reichen Wasservorkommen, die mal als Fluss Ljuta romantisch durch die Landschaft plätschern, oder sich, Wasserräder antreibend, donnernd über Felsvorsprünge herabstürzen. Noch heute gilt der Landstrich als Süddalmatiens Speisekammer, wenngleich so mancher Bauernhof inzwischen eher auf Touristen als auf den Anbau oder die Verarbeitung von Obst und Gemüse setzt.

»Konavoski dvori«, ein paar Kilometer von Gruda entfernt, ist so ein Ort. Früher wurden hier mit Hilfe der Wasserkraft Oliven zu Öl gepresst. Die Wasserräder, die die Maschinen antrieben, gibt es noch immer, Öl indes nur noch in der Küche. Heute ist die alte Ölmühle ein beliebtes Ausflugsrestaurant und berühmt für seine Lammgerichte, die, wie seit jeher, noch immer langsam unter einer Eisenglocke in der Holzkohle garen.

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Gut gestärkt beginnt nach dem Essen der anstrengende Teil der Tour. Steil und steinig ist der Weg hinauf nach Velji Do, einem abgelegenen Bergdorf. Etwa vier Kilometer windet er sich in Serpentinen den Berg hinauf. Klingt nach einem gemütlichen Spaziergang, erweist sich jedoch sehr schnell als ziemlich schweißtreibende Angelegenheit. Denn gut 500 Höhenmeter sind bis hinauf zu überwinden. Früher nutzten die Bergbewohner die damals noch nicht touristenfreundlich geebneten Geröllwege, um mit ihren Maultieren Waren aus dem Tal hinaufzuschleppen. Wenn sie überhaupt etwas für die Schinderei entschädigen konnte, dann vielleicht die traumhaften Ausblicke, die hinter jeder Wegbiegung und von jeder Höhenlage anders sind: aufs tiefblaue Meer, ins sattgrüne Tal, in versteckte Buchten oder auf das malerische Dubrovnik.

Seit Mitte der neunziger Jahre trägt der Wanderweg, der bis zum Gipfel des Berges Strazisce, rund 400 Höhenmeter über Velji Do führt, den Namen »Ronald Brown«. Benannt ist er nach dem US-Handelsminister, der hier gemeinsam mit 34 anderen am 3. April 1996 den Tod fand, als ihr Flugzeug beim Anflug auf den im Tal liegenden Airport von Du᠆brovnik bei Regen und Sturm gegen den Berg knallte. Heute erinnern ein Kreuz und eine Gedenktafel auf dem Gipfel an die Kata᠆strophe.

Soweit hinauf aber zieht es die Wanderer nicht, ihr Ziel ist die familiengeführte Konoba (Taverne) »Konavoski Komin« in Velji Do. »Große Steinterrasse« heißt der Ort übersetzt. Die Frage nach dem Ursprung des Namens erübrigt sich auf den ersten Blick. Wer hier ein Feld bestellen will, muss zuvor den Hang durch Steinterrassen sichern, die so gewonnene Fläche mit Erde auffüllen, damit eine Ebene entsteht. Erst dann kann sich der Bauer an die Feldarbeit machen. Wenn man das weiß, zieht man gedanklich ehrfurchtsvoll den Hut, bevor man sich im Gasthaus über das hermacht, was die Wirtsleute auf ihren winzigen, dem Berg abgerungenen Feldern aufgepäppelt haben. Sie servieren nicht nur beste hausgemachte regionale Gerichte, sondern geben den Gästen auch einen Einblick ins Leben ihrer Altvorderen. Die heutigen Besitzer haben nämlich großen Wert darauf gelegt, das alte Steinhaus samt seines Innenlebens möglichst so zu erhalten, wie es ihre Vorfahren eingerichtet hatten.

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Nach einem letzten »Travarica«, eine Art Grappa - hausgemacht versteht sich - macht sich die Gruppe beschwingt wieder auf den Weg. Das Ziel liegt ihnen in Sichtweite im Tal zu Füßen - der Flughafen von Dubrovnik. Den wollen sie sich noch von unten besehen. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine Höhle direkt unter dem Flughafen.

Die ersten schriftlichen Dokumente darüber stammen aus dem Jahr 1913, durch Untersuchungen von Keramikfunden aber weiß man, dass sie rund 5000 Jahre alt ist. In den beiden Weltkriegen diente sie den Menschen aus dem Tal als sicherer Unterschlupf. Anfang der 1960er Jahre, als der neue Flughafen von Dubrovnik gebaut wurde, hat man ihren Eingang zugemauert. Die Tropfsteinhöhle, genau unter der Start- und Landebahn gelegen, geriet mehr oder weniger in Vergessenheit, erst 2001 hat man sie zu neuem Leben erweckt. Nur wenige Meter vom Terminal des Airports entfernt, wurde ein neuer Zugang angelegt. Heute kann man im »Skycellar« (Himmelskeller) 25 Meter in die Tiefe steigen und dabei auf einer Länge von rund 200 Metern eine Wunderwelt aus Stalaktiten und Stalagmiten, Gewölben und kleinen Seen entdecken. Bevor man wieder ans Tageslicht steigt, sollte man sich unbedingt noch ein oder auch mehrere Gläschen Wein gönnen. Wozu sonst gibt es im permanent 16 Grad kühlen Himmelskeller ein gut bestücktes Weinmuseum nebst Probierstube mit den himmlischen Tropfen aus dem Konavle-Tal?

  • Infos: Kroatische Zentrale für Tourismus, Hochstr. 43, 60313 Frankfurt/Main, Tel.: (069) 23 85 35-0, Fax: -20, E-Mail: info@visitkroatien.de, www.croatia.hr/de, Infos auch unter www.thomascook.de
  • Antonias Atelier in Gruda: www.antoniaruskovic.com
  • Konoba Konavoski Komin, Vilji Do, Tel.: (00385) 20/479-607
  • Restaurant Konavoski Dvori: www.esculap-teo.hr
  • Skycellar: E-Mail: skycellar@dubrovnikpr.com
  • Tipp: Vom 9. bis 16. 5. und 24. 9. bis 1. 10. gibt es zwei nd-Leserreisen mit Michael Müller, ehem. nd-Südosteuropakorrespondent, nach Dalmatien, die zum Teil auch in die beschriebene Region führen. Infos unter E-Mail: leserreisen@nd-online, Tel.: (030) 2978-1621 oder -1620

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