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Plaudereien für zwei Stimmen

Ingo Schulze über Christoph Hein zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises in Chemnitz

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Ingo Schulze, geboren am 16. Dezember 1962 in Dresden und bekannt durch zahlreiche Bücher, beginnend mit »Simple Storys« über Romane wie »Neue Leben« oder »Adam und Evelyn« bis jüngst erst zum Essay »Unsere schönen neuen Kleider. Gegen eine marktkonforme Demokratie - für demokratiekonforme Märkte«, oblag am Mittwochabend eine ehrenvolle Aufgabe: Er hielt die Laudatio auf Christoph Hein, der in Chemnitz den Stefan-Heym-Preis erhielt. Seine Rede »Der Laudator und sein Mentor - Plaudereien für zwei Stimmen an einem Rednerpult«, die er zusammen mit Jakob Hein vortrug, hat Ingo Schulze dieser Zeitung exklusiv zur Verfügung gestellt - genug Text für drei Zeitungsseiten. Die Veröffentlichung erfolgt hier also in gekürzter Form. In Gänze nachzulesen ist der Text im Internet unter neues-deutschland.de/laudatio.

A: Eine Überschrift muss sein, wenigstens ein Arbeitstitel! ...

B: Ich dachte mir: »Was ist Wasser?«... Oder besser gleich das Zitat: »Was zum Teufel ist Wasser?« ... Die Geschichte wollte ich eigentlich gleich am Anfang erzählen.

A: Welche Geschichte denn?

B: Ich hab sie bei einem Kollegen gefunden: »Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: «Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?» Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: «Was zum Teufel ist Wasser?»«

A: Und wofür diese Geschichte?

B: Wenn ich als Leser und Schreiber erklären will, was Literatur soll, sind Geschichten besser als Begriffe.

A: Und begrifflich gesagt?

B: Es geht darum zu staunen. Es geht um die Distanz zum Selbstverständlichen, um die Distanz zu sich selbst, darum, sich selbst als Fremden zu sehen.

A: Auf eine Geschichte kann man nur mit einer Geschichte antworten. In einer Erzählung beschreibt Italo Svevo, wie sich ein Mädchen danach sehnt, mit dem Zug zu fahren. Als der Wunsch endlich in Erfüllung geht und sie am Zugfenster sitzt und hinaussieht, fängt sie an zu weinen und hört gar nicht mehr auf. Das Mädchen wird gefragt, warum sie denn weine, ausgerechnet jetzt, da doch gerade ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung geht. Das Mädchen schluchzt, blickt angestrengt hinaus und flüstert: Ich sehe den Zug gar nicht.

B: Und Du meinst ...

A: Ohne Literatur bist Du entweder der, der den Zug sieht oder der, der aus dem Zug herausschaut. Mit der Literatur kannst Du Dich selbst im Zugfenster stehen sehen. Aber beginnt man so eine Laudatio? Was willst Du?

B: Ich will Christoph Hein loben und danken, ich will Stefan Heym loben und danken, ich will sagen, was mir ihre Bücher und ihre Person bedeuten, ich will sagen, dass beide sozusagen Anteil an meinem Leben haben.

A: Das willst Du so sagen?

B: Nein, ich werde versuchen, es schöner zu sagen.

A: Du solltest eher auf sie zu sprechen kommen. Am besten gleich mit einem Zitat.

B: »Der Knackpunkt bleibt, ob die Demokratie wichtiger ist als das Kapital und der Kapitalismus. Schon die Fragestellung ist unerwünscht.«

A: Wer sagt das?

B: Christoph Hein. Daraus ließe sich eine ganze Rede machen.

A: Du solltest mit dem Politischen nicht wie mit der berühmten Tür ins Haus fallen. Du brauchst mehr Kontext.

B: Das wäre doch Kontext, das ist doch die Selbstverständlichkeit, die die meisten gar nicht mehr spüren. Der Kapitalismus ist unser Wasser.

A: Bevor Du Dich mit dem Kapitalismus anlegst, solltest Du was Kritisches über den real existierenden Sozialismus gesagt haben. Zäume das Pferd nicht vom Schwanz auf. Wann hast Du den Namen Christoph Hein zum ersten Mal gehört?

B: Eine Kommilitonin, die den »Fremden Freund« gelesen hatte, schwärmte mir davon vor, das muss 1983 oder 84 gewesen sein. Ich kannte den Namen nicht und fragte Heym? Nein, Hein! Sie erzählte Details aus dem Buch, kurze Szenen. Ich weiß noch, dass ich eigentlich nicht wirklich verstand, warum es ihr gefiel.

A: Hast Du damals die Provokation gespürt, die in »Fremder Freund« lag?

B: Ja, aber zuerst über Kleinigkeiten, wie zum Beispiel, dass die Erzählerin, die Ärztin, in der Zeitung nur die Kleinanzeigen liest. Die Stelle ist in meiner Ausgabe, 3. Auflage, mit Bleistift angestrichen. Diese Ärztin war mir aber damals nicht fremd und war es mir beim Wiederlesen erst recht nicht. Aber erst jetzt, vor ein paar Wochen begriff ich, wie hoch politisch sie mit ihrer so scheinbar apolitischen Haltung ist. Und auch wie menschenfreundlich. Und auch ein bisschen kitschig wahrscheinlich mit ihren Fotos, die sie niemandem zeigt.

A: Ich stelle mir bei Figuren wie ihr immer vor, wie sie sich 1989 verhalten hätte.

B: Sie hätte mitgemacht, zurückhaltend, anständig zu den alten Chefs, provozierend für einige Parvenüs...

A: Man müsste auf jeden Fall etwas darüber sagen, dass Hein für jedes Buch einen eigenen Stil sucht. Ich will's nicht übertreiben, aber allein am Klang, an der Länge und dem Rhythmus der Sätze sollte es möglich sein, seine Bücher zu unterscheiden ... »Horns Ende« war für mich ein Aufbruch, in jeder Beziehung, auch literarisch.

B: 1985 erschienen, im selben Jahr, in dem Gorbatschow die Geschäfte übernahm.

A: Im selben Jahr wie Volker Brauns »Hinze-Kunze-Roman« und Günter de Bruyns »Neue Herrlichkeit«. Ich habe das damals wie eine literarische Phalanx empfunden, die uns Raum verschaffte zum Atmen, zum Sprechen, zum Erinnern.

B: Darüber sollte ich sprechen, dass die Bücher von Hein und Heym nicht mit ihrer Entstehungszeit verwehen ...

A: Willst Du jetzt weiter die Bücher durchgehen? Das wird ein bisschen lang, oder?

B: Ich weiß nicht, ob das die richtige Stelle hier ist, aber chronologisch gesehen sollte ich an dieser Stelle eine überfällige Abbitte leisten.

A: Du solltest nicht zu persönlich werden.

B: Nein, vielleicht betrifft sie Christoph Hein noch am wenigsten. Denn sein »Napoleonspiel« - das mich bei der ersten Lektüre ratlos zurückließ - verkörpert auf radikale Art und Weise, wie in unseren Köpfen die Alternative abhanden kam. Dass ich es damals selbst nicht so lesen konnte, liegt daran, dass ich einer jener Fische war, die fragten: Was zum Teufel ist Wasser?

A: Du hattest eine Abbitte versprochen, jetzt will ich sie auch hören.

B: Das ist doch schon ihr Anfang: Auch mir, der noch Ende 89 von einer reformierten, menschenfreundlichen, also sozialistischen DDR geträumt hatte, der jetzt endlich die Chance sah, auf einen demokratischen Sozialismus, war durch den Beitritt und den ökonomischen Überlebenskampf jede Vorstellung von gesellschaftlicher Alternative abhanden gekommen.

A: Und das hieß?

B: Dass mich jene Schriftsteller, die das Bewusstsein dieses Verlustes wach hielten, nicht mehr interessierten. Ich habe sie Ende der Neunziger Jahre erst langsam wiederentdeckt. Und um so mehr bewundert.

A: Du hast also auf die, die für Dich am 4. November noch die Helden waren, bald herabgesehen wie auf Nostalgiker, die mit ihrem Bedeutungsverlust nicht klar kommen ...

B: Ich hatte keine Antennen mehr für die Gesellschaft. Letztlich interessierte mich nur noch mein eigenes Leben und Fortkommen, alle Zwänge waren Sachzwänge und ein jeder seines Glückes Schmied. Und besser als die Ostdeutschen hatte es kein Volk auf der ganzen weiten Welt.

A: Du hast die DDR-Terminologie schöpferisch verwendet: Bis 1989 gab es antagonistische Widersprüche, nach 89 nur noch nichtantagonistische Widersprüche.

B: Sehr gut!

A: Wenn es Schwierigkeiten in der Gegenwart gibt, so liegen deren Ursachen in den vierzig Jahren Misswirtschaft und Atheismus.

B: Sehr gut!

A: Verbote, Unterdrückung, Zensur sind Begriffe, die nur zur Beschreibung der Vergangenheit taugen, nach 89 gab es Freiheit, Freiheit, Freiheit.

B: Genau! Deshalb kann ich mich auch so gut in unseren Demokratieoberlehrer, in Herrn Gauck versetzen. Ich war zufrieden, eitel und dankbar ...

A: Aber als fast der ganze Bundestag 1994 seinen Alterspräsidenten Stefan Heym boykottierte, kein Applaus, kein sich von den Plätzen erheben, da warst Du doch fassungslos.

B: Ja, da wusste ich vor dem Fernseher, dass ich einer politischen und moralischen Bankrott-Erklärung beiwohne. Wenn einen Tag vor der Rede die Gauck-Behörde verkündet, es gäbe belastendes Material gegen Stefan Heym, sich dieser Vorwurf aber schon bei der ersten Durchsicht wie nicht anders zu erwarten als unhaltbarer Unsinn herausstellt, der auch am Tag nach der Rede schon wieder zurückgenommen wird... ohne Entschuldigung! Eigentlich fehlen mir noch heute die Worte.

A: Sie haben ihm verübelt, dass er für die PDS ein Direktmandat im Prenzlauer Berg gewonnen hat!

B: Ich war als Bürger dieses Landes stolz, dass Stefan Heym dieses Parlament eröffnete, ein Demokrat, der in vier Systemen für die Demokratie, für Freiheit und Gleichheit gekämpft hatte, und der es sich nicht nehmen ließ, auch im fünften System, das er bewusst erlebte, für Freiheit und Gleichheit zu kämpfen, ein Schriftsteller, ein Deutscher, ein Jude, »der Nestor unserer Bewegung«, wie er vom Moderator der Demonstration am 4. November genannt wurde, diesem Mann verweigerten die gewählten Volksvertreter den Respekt und verhöhnten ihn. Das war so schlimm, dass selbst ich es nicht ertrug.

A: Wenn man die Rede liest, denkst Du, sie ist heute gehalten: »Die Krise in welche hinein dieser Bundestag gewählt wurde, ist ja nicht nur eine zyklische, die kommt und geht, sondern eine strukturelle, bleibende und dieses weltweit.«

B: Bitte mehr!

A:... Seinen Hinweis darauf, dass die Ostler sich die Rechte und Freiheiten selbst erkämpft haben, und dass diejenigen, »die die Waffen zur Erhaltung des ungeliebten Systems besaßen«, »zurückhaltend genug (waren), auf deren Anwendung zu verzichten« - solche Differenzierungen wollte man nicht hören.

B: Und erst recht nicht gemahnt werden: »Unterschätzen Sie doch bitte nicht ein Menschenleben, in dem trotz aller Beschränkungen das Geld nicht das all entscheidende war. Der Arbeitsplatz ein Anrecht von Mann und Frau gleichermaßen.«

A: In einem Spiegel-Artikel vom 14. November 1994 schreibt Jürgen Leinemann: »Für die Union aber ist es nicht verzeihlich, daß Stefan Heym für die PDS antritt. Daß sie ihn in kollektiver Disziplin ertragen haben, ohne hinauszugehen, betrachtet die CDU-Ministerin Angela Merkel als eine beachtliche Konzession. «Damit hat die Union ihre Großmut zur Schau gestellt», sagt die Frau, die einst als DDR-Bürgerin die Bücher Stefan Heyms «mit Begeisterung» gelesen hat. «Mehr war nicht drin.»«

B: Hat sie sich je dafür entschuldigt?

A: Wo denkst Du hin! ...

B: Ich denke an die Passage in seinem Erinnerungsbuch »Nachruf«, wenn er über Familienangehörige spricht und in Klammern steht dann immer: emigriert, vergast, vergast, emigriert.

A: Gegen die Großmut von Kohl und die Großmut von Merkel kannst Du nichts machen, sie ist einfach unfassbar groß diese Großmut...

B: Auf jeden Fall muss darüber gesprochen werden, dass Heym und Hein zu jenen gehören, die in verschiedenen Systemen den Mund aufmachten, die sich nicht als Sieger eingerichtet haben, obwohl sie auf genug Meriten verweisen könnten.

A: Und wo sind die Bürgerrechtler, die heute immer noch ihren Mund aufmachen? Die nicht das Attribut: ehemalig brauchen?

B: Diejenigen, die immer wieder eine grundsätzliche Differenz zum Status Quo markieren, lassen sich leicht zählen.

A: Der Kampf um die Gegenwart ist zugleich auch ein Kampf um die Vergangenheit...

A: Wie findet die Literatur zu jener Brisanz, die sie nicht im kommerziellen Rahmen auf- und untergehen lässt?

B: Du musst kommerziell erfolgreich sein, um gelesen zu werden. Aber das Geschriebene muss zugleich diesen Rahmen sprengen. Es muss so deutlich wie möglich die Frage stellen: Wie ist das Wasser?

Der Laudator und sein MentorPlaudereien für zwei Stimmen an einem Rednerpult

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