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Gemein machen mit einer guten Sache?

MEDIENgedanken: Journalismus und der Syrien-Krieg

  • Von Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 4 Min.

»Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.« Das war das Bekenntnis des Journalisten und langjährigen Tagesthemenmoderators Hanns Joachim Friedrichs. Nach seinem Tod 1995 wurde in seinem Namen ein Förderverein gegründet, der einmal jährlich den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus an Journalisten vergibt, die sich durch unbestechliche Berichterstattung hervorheben.

Seit Beginn des »Arabischen Frühlings« dreht die Medienwelt sich anders. Ansichten sind mehr gefragt als schlichte Berichterstattung. Zwischentöne gibt es nicht, auf keinen Fall in Syrien. Das sympathische Anliegen der »Demokratiebewegung« erstrahlt hier im hellen Licht des Guten, wer eine andere Meinung vertritt, versinkt im Abgrund des Bösen. Neben den nur noch spärlich vertretenen Korrespondenten »informieren« »Bürgerjournalisten«, »Aktivisten« und »Blogger« im Interview oder mit Handyfilmen. Subjektiv und persönlich versetzen sie die hiesige Öffentlichkeit »mitten ins Geschehen«, Hintergründe, Zusammenhänge des Krieges werden nicht erklärt.

Willkommen in der schönen neuen Medienwelt! Hier twittern Papst, Präsidenten und Kanzlerinnen, Politiker nutzen eher Facebook als dass sie normalen Reportern ein Interview geben. Wen interessiert noch Zeitung oder Hörfunk, wenn Fernsehen und Internet Fotos und You Tube-Filme im Minutentakt liefern?

Syrische Aktivisten und Vertreter des oppositionellen Syrischen Nationalrates aus Berlin erzählten schon im Januar 2012 (Zeit Online 21.1.2012) stolz, wie sie mit Hilfe von »zwei großen Firmen« Satellitentelefone, Internetmodems und Smartphones über die Türkei und Jordanien nach Syrien schmuggelten und schon mehr als 180 000 (!) Videofilme gesammelt und Foto-Blogs eingerichtet hätten. Die französische »Telecoms sans Frontières« (TSF) installiert Anlagen auf dem Boden eines souveränen Staates ohne dessen Zustimmung. Nach eigenen Angaben hat TSF im vergangenen Jahr 15 Satelliten- und 9 Breitbandverbindungen im Norden Syriens hergestellt. Völkerrechtliche Bedenken? Ach was, »humanitäre Hilfe«! Und weil soviel Infrastruktur genutzt werden muss, ist ein regelrechter Wettstreit ausgebrochen, welche Filme und Berichte es in die internationalen Medien schaffen, erzählen die »Aktivisten« aus Berlin.

Bei arabischen Kollegen führte soviel Aktivismus immerhin zu einer Debatte darüber, ob man nicht zu sehr »Akteur« werde und die Ebene der Berichterstattung längst verlassen habe. Kollegen und Kolleginnen kehrten dem Sender Al Jazeera (Katar) den Rücken, der noch während der Kriege in Afghanistan (2001) und Irak (2003) wegen seiner Berichte jenseits der US-Truppen zu einem Maßstab auch für westliche Medien geworden war. Nicht nur die Studioausstattung mit interaktiven Karten und großflächigen Bildern, auch Blogs und Twitter, die so genannten »sozialen Medien«, übernahmen westliche Medien von dem Trendsetter am Golf. Nah am Geschehen und schnell geben die »neuen Medien« den Ton an. Zwar befassen sich ganze Teams mit der Überprüfung der Glaubwürdigkeit von Videoclips und Blog-Meldungen, doch immer wieder kommt es zu Falschmeldungen. Angefangen vom Blog einer »lesbischen Aktivistin in Damaskus«, der tatsächlich von einem US-Bürger verfasst worden war. Eine junge Frau, die angeblich in den Folterkammern des Regimes bestialisch ermordet wurde, hatte sich vor häuslicher Gewalt zu Verwandten geflüchtet. Fotos angeblich getöteter Gefangener stammten aus Libyen. Fotos angeblicher Massengräber stammten aus dem Irak. Am 26. Februar 2013 verlas eine Nachrichtensprecherin im dänischen Fernsehen vor einem Foto eine Meldung über Kämpfe aus Syrien. Später gab der Sender zu, dass das Bild dem Videospiel »Assassin›s Creed‹« entnommen worden war. Ein Mitarbeiter hatte es im Internet gefunden und dachte, es handele sich um die Skyline von Damaskus.

Als kürzlich Frankreich und Großbritannien verkündeten, die EU solle das Waffenembargo für die Aufständischen in Syrien aufheben, sprachen sich die Bundesrepublik und die meisten anderen EU-Staaten dagegen aus. Die Debatte sorgte in deutschen Medien für Schlagzeilen. Dabei wurde nicht etwa thematisiert, dass ein Staatenverbund, der gerade den Friedensnobelpreis erhalten hatte, mit kriegerischen Mitteln in einen Konflikt außerhalb seiner Grenzen eingreifen wolle, vielmehr wurde die Frage erörtert, ob die ablehnende Haltung der Bundesregierung vertretbar sei.

Kollegen und Kolleginnen machten sich offen zum Fürsprecher von Waffenlieferungen. Darunter der Reporter eines großen deutschen Nachrichtenmagazins, der im Deutschlandfunk (Hintergrund Politik, 1.3.2013) eine Lanze für die Bewaffnung der Aufständischen brach: »Wenn der Westen Einfluss nehmen möchte darauf, was in Syrien geschehen wird, dann wären sie klug beraten, jetzt die FSA zu unterstützen und nicht nur mit Funkgeräten und Nachtsichtgeräten, sondern mit Waffen«, sagte der Kollege. Was hätte wohl Hanns-Joachim Friedrich dazu gesagt?

Die Autorin ist freie Journalistin und berichtet für »nd« aus Syrien.

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