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Berliner Antifa-Archiv schätzt 200 NSU-Unterstützer

Apabiz: »Für uns ist der NSU keine Zelle, sondern ein Netzwerk, ein System«

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Berlin (dpa/nd). Beobachter der Neonazi-Szene halten das NSU-Netzwerk für weitaus größer als bisher von den Sicherheitsbehörden angegeben. »Wenn wir Umfeld und praktische Unterstützer zusammenzählen, kommen wir in unseren Recherchen auf rund 200 Personen«, sagte Eike Sanders vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz) in Berlin-Kreuzberg. Die Sicherheitsbehörden gehen derzeit von 129 Unterstützern der Terrorzelle »Nationalsozialistischer Untergrund« aus.

Das apabiz beobachtet seit zwei Jahrzehnten die extreme Rechte in Deutschland, seit Ende 2011 durchforstet der Verein seine Quellen auch intensiv zu Verstrickungen mit dem NSU.

Für Aufsehen sorgte das Archiv im Frühjahr 2012, als Mitarbeiter in der Neonazi-Postille »Der Weisse Wolf« das Grußwort »Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen« entdeckten. Das 2002 publizierte Zitat gilt als erste bekannte öffentliche Erwähnung der Terrorgruppe, die für zehn zumeist rassistisch motivierte Morde in Deutschland verantwortlich sein soll.

Prozessbeginn gegen Beate Zschäpe, einzige Überlebende des dreiköpfigen NSU-Kerntrios, ist am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht in München. Die beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nahmen sich am 4. November 2011 nach einen Banküberfall in Eisenach das Leben.

»Für uns ist der NSU keine Zelle, sondern ein Netzwerk, ein System, das auch die umfasst, die die Morde und Anschläge unterstützt haben - ideologisch und praktisch«, sagte Sanders. Der Prozess werde allerdings nur das zum Thema machen, was strafrechtlich relevant, nicht verjährt und »ausermittelt« sei. »Das ist nur ein Bruchteil aller Unterstützungshandlungen«, meinte Sanders. »Das OLG München wird uns nicht erklären können, was genau der NSU war und wie er funktioniert hat und warum er so lange unentdeckt blieb.«

Sanders wird den Prozess als Koordinatorin der Beobachtungsstelle NSU-Watch verfolgen. Die Stelle wurde vom apabiz am 2. April gegründet, um den Mammut-Prozess mit mehreren Verhandlungstagen pro Woche und hunderten Zeugen angemessen begleiten zu können. NSU-Watch ist beim Berliner apabiz und bei der Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle e.V. (a.i.d.a.) in München angesiedelt.

Die Beobachtungsstelle werde kontinuierlich Protokolle und Artikel über den Prozess veröffentlichen - auch in türkischer Übersetzung. Acht der zehn mutmaßlichen NSU-Mordopfer hatten türkische Wurzeln. Türkische Medien erhielten zunächst keinen der 50 festen Presseplätze. Dagegen hatte die Zeitung »Sabah« Verfassungsbeschwerde eingelegt. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschied jedoch am Freitag, dass das Gericht eine angemessene Zahl von Sitzplätzen »an Vertreter von ausländischen Medien mit besonderem Bezug zu den Opfern der angeklagten Straftaten« vergeben muss.

Jenseits der Prozessberichterstattung will das Berliner apabiz auch auf den »strukturellen Rassismus« in Deutschland aufmerksam machen. Die Behörden hätten beim rechten Terrorismus viele Fehler gemacht. »Fatal ist aber auch das Schweigen der Gesellschaft, eine Entsolidarisierung, die jahrelang die Opfer zu Tätern gemacht hat«, sagte Sanders. »Große Teile der Gesellschaft, das heißt auch Behörden, Medien und Politik, sind bis heute nicht bereit, Rassismus als Problem zu benennen.«

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