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Spielleute pflegen Traditionen

Lebendige Szene organisiert sich in Vereinen

  • Von Dieter Frackoviak
  • Lesedauer: 4 Min.

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Spielmannsmusik zählt mit zu den ältesten bekannten Musikformen der Menschheit. Schon die Trompeten (es waren Luren) sollen die Mauern von Jericho lange vor der Zeitenwende zum Einsturz gebracht haben.

Im frühen Mittelalter war die Spielmannsmusik – neben der Musik auf den Burgen, aber auch in damaligen Heeren – eine beliebte Volksunterhaltung. Spielleute gehörten zum fahrenden und rechtlosen Volk. Sesshaft geworden bildeten sie bereits im 13. Jahrhundert erste Innungen. Ihre Musik war einfach und volkstümlich. Die eingesetzten Instrumente waren Flöten und Trommeln, Fiedeln und Rasseln, Dudelsäcke, Krummhörner und Schnarren. Spielleute mit dieser Instrumentierung und Musik sind noch heute bei Gauklerfesten oder Ritterspielen zu erleben.

Eine besondere Stellung und Entwicklung erhielten die Spielleute bei den Landsknechten, später im damaligen Militärwesen. Ihre Aufgabe war es mit ihrem »Spyl« Signale zu übermitteln, für Ordnung beim Marsch zu sorgen und zur Unterhaltung da zu sein. Auch beim »Zapfenstreich« waren sie beteiligt. Neben dem »Spyl« im Militärwesen bekamen sie auch im zivilen Leben ihre Daseinsberechtigung.

Spielleute gab es auch im »Bauernheer« von Thomas Müntzer. Sie waren auch bei der Märzrevolution 1848 auf der Seite der Aufständischen. Im »zivilen« Leben waren und sind Spielleute stets mitten im Volk und spielen für das Volk. Bei den Turnfesten 1863 in Leipzig nahm eine Formation von 80 Trommlern, 1922 ebenfalls in Leipzig, eine Marschformation mit 220 Spielleuten teil.

Auch nach dem 2. Weltkrieg pflegten weiterhin Spielleute die alten Traditionen. Laut Statistik gab es in der Alt-BRD 1987 2627 Spielleutevereine in verschiedenen Verbänden. Die meisten im Deutschen Feuerwehrverband (1003), im Deutschen Turnerbund (456) sowie im Deutschen Schützenverband (350). Während im Süden die Blasmusik den Vorrang hatte und hat, waren es im Norden die Spielleute.

Zum gleichen Zeitpunkt gab es in der DDR da ein ausgewogenes Verhältnis. Stärkster Verband war der DTSB mit rund 300 Spielleutevereinen und über 16 000 Spielleuten. Bekannt sind Musikschauen bei den Turn und Sportfesten Leipzig mit bis zu 3236 aktiven Spielleuten. (1983). Über 10 000 junge Spielleute und Blasmusiker gestalteten dort ebenfalls eine gemeinsame Musikschau. Spielleute gab es auch bei der FDJ und Junge Pionieren, bei der Feuerwehr, bei der GST und auch in Betrieben. Bekannt waren das Zentrale Musikkorps und die Bezirksmusikkorps der FDJ, wo auch bis zu einem Drittel aller Spielleute integriert waren.

Spielleute, dass ist heute der Sammelbegriff für Spielmannszüge, Fanfarenzüge, Schalmeienkapellen, gemischte Spielmanns-Fanfarenzüge, aber auch für Trommlerkorps und Dudelsackbands.

Die Forderungen, die damals der DTSB seinen Spielleuten zum sportlichen Musizieren stellte, erwiesen sich nach der Wende für die weiter existierenden Verein als vorteilhaft. Unbewusst hatten die Leistungsstärksten aller musikalischen Genre ein Niveau, dass der internationalen Spitze entsprach. Besonders die Fanfarenzüge setzten hier neue Maßstäbe. Spätestens seit 2003 zählen hier Potsdam und Strausberg weltweit nicht nur zu den »Top-Ten« bei den Marching-Show-Bands, so der neue Sammelbegriff. Sie holten auch mehrere Weltmeistertitel. Experten schätzen, dass weltweit über 50 000 Vereine das sportliche Musizieren aktiv betreiben. In den neuen Bundesländern sind allein im Sport über 6700 Spielleute tätig. Dazu kommen in etwa noch einmal so viel, die in anderen Verbänden oder nicht organisiert sind.

Spielleutevereine sind in der Regel sehr aktiv. In der Region Berlin-Brandenburg sind es über 80. Nicht nur, dass sie mit ihrer Vereinstätigkeit eine soziale Aufgabe wahrnehmen, sie sind auch sehr Öffentlichkeitswirksam. Durchschnittlich bestreiten sie jährlich mehr Auftritte als Fußballmannschaften ihre Pflichtspiele. Besonders begehrt sind ihre eigenen Events. Musizieren im Kreise Gleichgesinnter fordert jeden Spielmann besonders heraus. Übrigens sind die »Spielmänner« mit geringer Mehrzahl Mädchen und junge Frauen. Bei ihren großen Events kommen die Fans auch von weit her. So führen die Sport-Spielleute der neuen Bundesländer, im Gegensatz zu den alten, traditionell jährlich ihre Landesmeisterschaften durch. Ihre attraktivsten Events sind die »FANFARONADE«, eine Meisterschaft für Fanfarenzüge, die sogar den Status »Qualifikation für Marching Show Bands zu Weltmeisterschaften« erhalten hat, sowie die »Deutsche Meisterschaft der Sport-Spielmannszüge«.

Wer aktive Spielleutevereine und ihr attraktives Leistungsangebot erleben möchte, der hat dieses Jahr folgende Möglichkeiten:

Das 5. Deutsche Musikfest mit der 3. Deutschen Meisterschaft für Spielleute vom 9. bis zum 12. Mai in Chemnitz. Beteiligt sind bei den knapp 300 Musikvereinen auch über 60 Spielleutevereine;

Die 23. »FANFARONADE« am 1. Juni im Potsdamer Luftschiffhafen. Beteiligt sind 25 Fanfarenzüge, soviel wie noch nie in Deutschland. Dazu noch drei Spielmannszüge. Insgesamt mit fünf Teilnehmern an Weltmeisterschaften.

Die Landesmeisterschaft in Sachsen (8. und 9. Juni in Coswig), Sachsen-Anhalt (22. Juni in Meisdorf/Harz), Thüringen (29. Juni in Gera), in Niedersachsen (14. und 15. September in Harsefeld bei Hamburg) und Mecklenburg-Vorpommern (13. und 14. September in Friedland)

Das »Internationalen Rasteder Musikfest« (bei Oldenburg) vom 5. bis zum 7. Juli, u.a. mit einem Europa-Wettbewerb oder beim »Brandenburger Spielleute-Musik open air« am 21. September im MAFZ-Erlebnispark Paaren/Glien.

Unser Autor ist Fachberater Spielleute beim Landesmusikrat Brandenburg e.V.

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