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Viel mehr als ein Event

Blockupy will unterschiedliche Bewegungen vernetzen, das politisch Große und Kleine verknüpfen und zur Selbstermächtigung ermutigen. – Antwort auf einen Kommentar in der aktuellen Ausgabe von »analyse und kritik«.

  • Von Michael Ramminger
  • Lesedauer: 3 Min.
Michael Ramminger, seit 30 Jahren Theologe und Internationalist. Hat ungefähr genauso lange schon was gegen Zäune und Grenzen; gehört zu dem, was man früher mal undogmatische Linke nannte. Obwohl Glaubenswahrheiten nicht immer schlecht sind. Besonders heutzutage.
Michael Ramminger, seit 30 Jahren Theologe und Internationalist. Hat ungefähr genauso lange schon was gegen Zäune und Grenzen; gehört zu dem, was man früher mal undogmatische Linke nannte. Obwohl Glaubenswahrheiten nicht immer schlecht sind. Besonders heutzutage.

In der Zeitschrift analyse & kritik Nr. 582 vom 19. April kritisierte Peter Nowak die für Ende Mai geplanten Blockupy-Aktionstage als Eventinszenierung und Aufführung, für die die radikale Linke bereit sei, die »noch vorhandenen kapitalismus- und herrschaftskritischen Spurenelemente« weiter einzudampfen und plädiert stattdessen dafür, in Stadtteilbündnissen gegen Zwangsräumungen, in Erwerbsloseninitiativen etc. mitzuarbeiten, wo es auch Menschen gäbe, die »nie etwas mit der linken Szene zu tun hatten«.

Reden wir mal von den hier aufgebauten Widersprüchen: Da ist zum einen der zwischen Event und Alltagskampf, zum andern der zwischen wirklicher und eingedampfter Herrschafts- und Kapitalismuskritik.

Halten wir zunächst fest, dass die meisten der an der Vorbereitung von Blockupy beteiligten Bewegungslinken durchaus eine lokale Alltagspraxis haben: in der Antifa, in Antira-Gruppen, Mietkämpfen, Flucht- und Migrationszusammenhängen, Hartz-IV-Bündnissen, Erwerbsloseninis, Recht-auf-Stadt-Bündnissen, an den Universitäten etc.. Daran kann die Kritik also nicht hängen. Vielleicht also eher am Pessimismus, dass solche »Events« den Kapitalismus nicht kippen werden? Wohl wahr, aber das Risiko sind wir längst schon in den »Alltagskämpfen« eingegangen.

Was will Blockupy?
Blockupy ist gerade der Versuch, die abstrakte und unsichtbare Verknüpfung von Krisenregime und alltäglicher Entrechtung und Verelendung sichtbar zu machen. Ein Verhältnis zwischen der einzelnen Wohnungskündigung und der gläsernen Hochhausrepräsentanz des Kapitals herzustellen, in den Aktionen unseren Widerstand zu vernetzen, Praxen der Selbstermächtigung einzuüben und als Möglichkeit darzustellen. Blockupy ist auch der Ort, die unterschiedlichen Alltagskämpfe miteinander ins Gespräch zu bringen, gemeinsam zu agieren. Und es ist nicht zuletzt der sehr ernsthafte Versuch, Diskussionen, Kooperationen und Verknüpfungen zwischen unseren Bewegungen und denen in Griechenland, Spanien, Italien etc. zu ermöglichen.

Warum nun den an der Organisation von Blockupy beteiligten radikalen Linken vorgeworfen wird, für ein Bündnis »kapitalismuskritische Spurenelemente einzudampfen«, also Bündnisse mit Gewerkschaften oder der Linkspartei einzugehen, während die gleiche »Gefahr« in lokaler Alltagspraxis zum Hoffnungsträger gemacht wird (mit Menschen zusammenzuarbeiten, die nie etwas mit linker Szene zu tun hatten), verschließt sich meinem Verständnis. Oder besser: es erschließt sich dann, wenn man eben unter Alltagskämpfen wirkliche Kämpfe, unter Blockupy aber keinen Alltagskampf oder sogar gar keinen Kampf, sondern eben nur ein Event vermutet. Das aber blendet doch wohl alle Argumente aus, die oben für ein bundesweites, in Ansätzen vielleicht sogar transnationales Blockupy angeführt sind. Der Gegensatz zwischen kapitalismuskritisch lokaler Alltagspraxis und reformistischer, Bündniszwängen unterworfener bundesweiter Praxis trägt jedenfalls nicht nur nicht, sondern ist de facto falsch.

Bündnisse, wie sie für Großaktionen nötig sind, sind ebenso wie Alltagskämpfe theoretisch immer eingedampft. Beides sind Lernfelder: praktischer Intervention und politischer Verständigung zwischen den Kämpfenden. Wer die Wahrheit vorab haben will und Versuche, Kapitalismuskritik jenseits des Kiez praktisch werden zu lassen, unter diesen Vorbehalt stellt, sei an Genossen Engels erinnert: The proof of the pudding is in the eating.

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