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Beliebiger Mix von Meisterwerken

»Constable, Delacroix, Friedrich, Goya - Die Erschütterung der Sinne« im Albertinum Dresden

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 4 Min.

Kuratoren servieren uns Kollektionen. Da das vorurteilsfrei unbefangene Sehen und Erleben von Kunstwerken uns angesichts der Überfülle von Kunstgeschichte, die bereits hinter uns liegt, weitgehend abhanden gekommen ist, brauchen wir das offenbar. Falls ein schlüssiges, auf Kenntnis beruhendes Konzept vorliegt und sensibel ausgewählt und behutsam kommentiert wird, geht uns dann ein Licht auf. Die Museen der Welt sind übervoll von Meisterwerken. Man bezahlt die Leihgaben, und zeigt sie auch anderswo.

Letzteres hat im Albertinum vorzüglich geklappt. Dresden ist kein Irgendwo, und Paris, Madrid und London entblößen ihre feinsten Sammlungen schon mal für einige Monate von einigen Kostbarkeiten, damit wir uns hier daran erfreuen können. Aber das Konzept »Erschütterung der Sinne?« Welche Sinne werden oder wurden hier erschüttert? Wird hier nicht eher Sinn und Sinnstiftung von Malerei mit weit hergeholter Interpretation in Frage gestellt? Lange angekündigt, war von einer Schau der Romantik die Rede. Als parallel die Namen Caspar David Friedrich und Francisco Goya genannt wurden, stutzte man. Der Begriff der Romantik ist sehr deutsches 19. Jahrhundert. Friedrichs Natursehnen ist romantisch abgeklärt und tief verinnerlicht, er sieht Natur menschenfern. Der kraftvolle Realismus Goyas hingegen packt den Menschen, und er kehrt unromantisch bis in die Knochen das menschliche Drama heraus. Die Extreme schließen sich aus - oder sie ergänzen sich.

Ausgehend von diesem Problem konnte mit 14 zusätzlichen Künstlern nur noch ein mal reizvoller, mal befremdlicher Mix entstehen. Nun stehen zu Friedrich und Goya mit John Constable und Eugène Delacroix vier Malernamen im Zentrum. Immerhin brillant: Der Brite flankiert als exzellenter Landschafter den Deutschen, und der Franzose als temperamentvoller Menschenbeobachter den Spanier. Falls das auch so gehängt wäre, fände der feinsinnige Däne Vilhelm Hammershoi zu dem einen, und der Top-Franzose Paul Cézanne zu dem anderen einen anregenden Einklang. Nun aber herrscht das Prinzip willkürlicher Durchmischung, und der Blick kommt in neun Räumen eigentlich nur in Raum 3 zu Ruhe und Besinnung, wo die vier Hauptnamen annähernder Zeitgenossen unter sich bleiben dürfen.

Die Erschütterung einer Sinngebung ist damit programmiert, dass mit wahllosen Zugaben aus gegenwärtiger Mal- und Fotokunst Kontraste etabliert werden. Ein unanfechtbar Großer unter den abstrakten Expressionisten wie Per Kirkeby darf kometengleich Farbzauber entfalten. Jeff Wall überzeugt souverän in Schwarz-Weiß mit »Young Man Wet wih Rain«, und enttäuscht maßlos in farbigen Großfotos, die wie die Faust aufs Auge des großen Goya passen. Wenn nun schon einmal seine teuren Leihgaben aus dem Prado mit denen aus Budapest, Houston und München zusammentreffen dürfen - dann bitte in Würde. Welche Anmaßung des Ko-Kurators Luc Tuymans, sein kläglich gesichtslos missratenes Bild »Der Architekt« dieser Nachbarschaft auszusetzen! Ein Fehlgriff, der nur noch von David Claerbouts fadem Foto »The Quiet Shore« als Motiv fürs Ausstellungsplakat übertroffen wird.

Man hätte dem umstrittenen Dauerchef der Gemäldegalerie Neue Meister Ulrich Bischoff vor dem Antritt seines Ruhestands nun endlich einmal eine glücklichere Hand gewünscht. Wiederum hat er die nackte weiße (er sagt: hellgraue) Wand lediglich als klinisch saubere Fläche für krude Gedankenexperimente benutzt. Sensible Hängekultur sieht anders aus, und wird in Dresden in nächster Nachbarschaft längst praktiziert.

Aber - wie soll man ihm böse sein? Er hat viele einzelne wahre Meisterwerke herbeigeschafft, in die wir uns nun in Ehrfurcht versenken können. Wann bekommt man schon Goyas tiefschürfende Bildniskunst neben Delacroix' hochdramatischen Skizzen zu sehen? Wann die Beziehung von Constables Hampstead-Varianten zu Friedrichs abgeklärter Kühle? Die vollendete Peinture glücklicherer, uns auf romantische Weise bewegender Mal-Zeiten - zur Aufmöblung unserer immer schütterer werdenden Sinne sollten wir ihre intensive Betrachtung schon nutzen.

Constable, Delacroix, Friedrich, Goya - Die Erschütterung der Sinne. Albertinum Dresden, bis 14. Juli

Die Sonderschau im Albertinum Dresden will den Einfluss von Goya, Friedrich, Delacroix und Constable auf andere Künstler nachzeichnen. Dazu werden Gemälde von Paul Cézanne (1839-1906), Adolph Menzel (1815-1905), Édouard Manet (1832-1883), Mark Rothko (1903-1970), aber auch von Gerhard Richter (* 1932) in Beziehung zu den Meisterwerken der »Romantik« gesetzt. Bilder von insgesamt 16 Künstlern sind hier zusammengestellt. »Historische Bezüge und Kontextualisierungen quer durch 200 Jahre Kunstgeschichte«, heißt es im Werbetext der Schau, »können so unter neuen Blickwinkeln entdeckt werden«.

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