Marathon gegen den Status quo

Israel, Westjordanland, Autonomie - ein Lauf und eine Autofahrt in »Palästina«

  • Von Max Böhnel, Tel Aviv
  • Lesedauer: 5 Min.
In Bethlehem, einer der palästinensischen Autonomiestädte, fand der erste »nationale Marathon« statt. In strömendem Regen absolvierten gut 400 Läufer und Läuferinnen die volle Marathonstrecke, die Hälfte, zehn oder fünf Kilometer. Ausdrücklich wiesen die Organisatoren darauf hin, dass ein Drittel der Teilnehmer Frauen waren. Der Gewinner Abdel Nasser Awadschneh aus Jericho erklärte gegenüber »nd«, er widme seinen Sieg »Yassir Arafat und dem palästinensischen Volk«. Motto des Laufes war: »Right to Movement«, zu übersetzen vielleicht mit »das Recht, sich frei zu bewegen«.

Immer wieder strömt der Regen. Er rinnt ihnen über die Gesichter und in die Kleidung. Doch er hält die Läufer und Läuferinnen nicht davon ab. Vom »Manger Square«, wo die berühmte Bethlehemer Geburtskirche steht, geht es hinunter auf die Hauptstraße. Dass der Marathon kein normales Sportereignis ist, sondern ein Politikum und ein historischer Lauf durch die Geschichte, zeigt schon die Streckenführung: Es geht an der Trennmauer entlang, die nicht zu unrecht auch Apartheidmauer genannt wird, an Flüchtlingslagern vorbei zum Dorf Al-Khader, das ebenfalls an der bis zu acht Meter hohen Trennmauer liegt. Dort müssen die Läufer des Bethlehem-Marathons umkehren und erneut eine Schleife laufen. An keiner Stelle in »Palästina« ist es möglich, einen 42-Kilometer-Marathon zu veranstalten, der nicht von Mauer, Barrieren, Grenzen und Wachtürmen unterbrochen würde.

Das Puzzle von Area A, Area B und Area C

Hunderte junger Männer säumen den Straßenrand und feuern die Läufer an. Ein Witz, der bei Kritikern von Friedensverhandlungen vor 20 Jahren die Runde machte, scheint aktueller denn je: Wie viele Gänge braucht ein palästinensischer Autofahrer? Antwort: nur einen Vorwärts- und einen Rückwärtsgang.

Die israelische Sichtweise ist eine andere: Israel stehe mit Blick auf eine Lösung des Palästinakonflikts vor zwei Möglichkeiten, heißt es. Entweder gestehe es den Palästinensern nach der Räumung eines Teils der Siedlungen einen eigenen unabhängigen Staat zu oder es bringe das Westjordanland durch einen Annexionsbeschluss unter seine volle Kontrolle und fabriziere damit eine »Ein-Staat-Lösung«. Beobachter meinen, die meisten Israelis, inklusive ihrer Politiker, tendierten rhetorisch zur ersten Variante. Darin steht die Trennung von den Palästinensern im Vordergrund, um einen israelischen Staat mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit zu bewahren. Faktisch und praktisch aber bewegt sich die israelische Politik auf einen einzigen Staat zu. Davon zeugt die Weigerung israelischer Politiker, eine Grenzlinie zwischen dem existierenden Staat Israel einschließlich seiner Siedlungen und dem nicht existierenden Staatsgebilde Palästina anzugeben.

Aber Rhetorik und Tendenzen beiseite - längst bietet sich eine dritte Politikoption an. Sie lautet Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustands, des Status quo. Die Teilung des Westjordanlands in drei rechtlich voneinander unterschiedene Einheiten, wie in den Osloer Verträgen von 1994 als Übergangslösung vorgesehen, würde damit zum Dauerzustand.

»Area A« ist eine Summe von palästinensischen städtischen Ballungsgebieten wie Ramallah, Bethlehem, Nablus und Dschenin. Dort verfügt die palästinensische Regierung über Autonomie. In »Area B« genießen die Palästinenser begrenzte Autonomie, während Israel dort für die Sicherheit seiner eigenen Staatsbürger verantwortlich ist. »Area C« wiederum fällt gänzlich unter israelische Kontrolle.

Eine Probe aufs Exempel: Die Autovermietung in Tel Aviv gibt jedem Kunden eine Landkarte mit. Als Staatsgebiet zählen darauf nicht nur Haifa, Tel Aviv, Eilat und Jerusalem, sondern auch große Teile des Westjordanlands. Zwar weist eine schmale grüne Linie die 1967 besetzten Gebiete sowie »Area A« und »Area B« aus. Aber eine Grenze oder anderweitige Regelungen, an die man sich als unwissender Autofahrer halten müsste, sind nicht vermerkt.

Gesichtskontrolle auf Israelisch

Ich will von Tel Aviv ins nördliche Westjordanland fahren, laut Karte zuerst auf der Autobahn, dann auf der Landstraße 57 über die »grüne Grenze« nach Tulkarem, von dort Richtung Nablus, schließlich auf der Landstraße 60 nach Dschenin. Ob das gelbe Autokennzeichen mit dem »IL« für Israel ein Problem wird? Das wird sich spätestens herausstellen, wenn ich in »Palästina« für einen israelischen Siedler gehalten werde.

Ein bärtiger Grenzsoldat mit dunkler Sonnenbrille stoppt den Wagen an der gut fünf Meter hohen Trennmauer. Durch eine Öffnung passen zwei Autos, in jeder Richtung eines. Vor einer Steinbarrikade, in der eine zerfledderte israelische Fahne steckt, winkt er mich nach kurzer Gesichtskon᠆trolle wortlos weiter. Jetzt bin ich in den »Gebieten«.

Im Kriechtempo geht es, um Straßenlöchern auszuweichen, und an Müllbergen, Metalltrümmern und einem traurigen Steinbruch vorbei, ins Stadtzentrum von Tulkarem. Palästinensische Polizei am Ortsausgang winkt mich durch. »Area A« ist zu Ende. Darauf verweist eine israelische Fahne neben der Straße. Die Kreuzung vor Nablus hinauf ins hügelige Dschenin - »Area B« - wird von einer schwer bewaffneten israelischen Einheit bewacht, Maschinenpistolen und Sturmgewehre entsichert, Tornister und Stahlhelme am Mann.

Ich sehe aus wie ein Siedler - also ungefährlich

Als ich den Wagen verlangsame, rechts anhalte und das Fenster herunterkurbele, um nach dem Weg zu fragen, starre ich in den Lauf eines Sturmgewehrs, das der Soldat aber sofort wieder senkt. Nach Dschenin gehe es dort oben nach links - und »Be careful!« - »Seien Sie vorsichtig!« Offenbar hat eine Gesichtskontrolle gereicht, um mich als ungefährlich einzustufen. Später werden Palästinenser bestätigen: Ich sähe aus »wie ein Siedler«, europäisch, hochgewachsen, Sonnenbrille, weiße Hautfarbe, »nicht arabisch«.

Auf den kommenden Kilometern passiere ich einen Truppentransporter, nur dürftig unter Tarnnetz versteckt in einem Olivenhain, und kurz nacheinander vier Straßenkontrollen: jeweils ein rotes Stoppzeichen, ein Nagelbrett auf der Fahrbahn, mittelgroße Militärfahrzeuge am Straßenrand. Außerdem grenzt die Straße, die ich jetzt Richtung nördliches Westjordanland befahre, kilometerweit an »Area B«, obwohl sie großenteils als Korridor in »Area A« fungiert. Gleichwohl ist daran nichts zu erkennen, was die Gegend als palästinensisches Autonomiegebiet ausweisen würde.

Der Weg zurück ins »Kerngebiet« Israels ist problemlos. Straßenschilder weisen eine gut ausgebaute Strecke aus. Es geht mit 90 Kilometern pro Stunde durchs Westjordanland auf einer Straße, die als Zufahrt zu den Siedlungen gebaut wurde. An einem nach amerikanischem Hightech aussehenden Grenzübergang lacht mich eine Soldatin an, als sie meinen deutschen Ausweis sieht, und winkt mich durch. Im Radio heißt es »Autounfall auf Highway 1 nördlich von Tel Aviv«, in derselben Meldung aber auch »Verkehrsstau in Ariel«. Das ist eine der größten illegalen Siedlungen im Westjordanland. Es klingt ganz normal, wie »Verkehrsstau in Israel«.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung