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»Höhere Renten waren schon lange notwendig«

Erst nachdem eine Studie die Leiden der Contergan-Opfer bestätigte, fühlt sich die Bundespolitik in der Pflicht

Ilja Seifert ist behindertenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. Mit ihm sprach Stefan Otto über die Situation der Contergan-Opfer in Deutschland.

nd: Der Bundestag will heute die Erhöhung der Renten für Contergan-Opfer beschließen.
Seifert: Das ist eine sehr gute Nachricht, insbesondere für die Betroffenen. Dafür haben sie jahrzehntelang gekämpft. Und wir - die LINKE - an ihrer Seite.

Wurde die Rentenerhöhung notwendig, weil die Betroffenen in den nächsten Jahren mehr Hilfe brauchen werden?
Höhere Renten waren schon lange notwendig. Auch in dieser Höhe. Für die Anhebung der Bezüge hat die Studie der Universität Heidelberg eine große Rolle gespielt. Gerontologen haben darin festgestellt, dass die Contergan-Opfer jetzt zwar ungefähr 50 Jahre alt sind, aber ihre körperliche Verfassung der von 80- bis 85-Jährigen entspricht.

Worunter leiden Betroffene?
Wenn man keine Arme hat und alles mit den Beinen machen muss - essen, schreiben, sich selber anziehen -, dann werden die Gelenke und die Sehnen überansprucht. Daraus entstehen Folgeschäden, die große Schmerzen verursachen. Viele Contergan-Opfer können nur mit starken Schmerzmitteln leben. Die meisten können wegen ihrer Beschwerden wesentlich weniger arbeiten als andere 50-Jährige. Das hat diese Studie deutlich zum Ausdruck gebracht.

In der Kritik steht auch die Herstellerfirma Grünenthal, die sich an der Erhöhung der Renten nicht beteiligen will.
Dazu ist sie auch nicht verpflichtet worden. Es wurde 1972 der Vergleich geschlossen, dass Grünenthal 100 Millionen D-Mark bezahlt und damit von zivilrechtlichen Ansprüchen befreit ist. Für die Versorgung der Opfer ist der Staat eingesprungen. Leider hat er das bislang nur unzureichend getan.

Gab es keine Überlegung, an die Firma Grünenthal noch einmal heranzutreten?
Der Vorschlag der LINKEN bestand ja darin, die Eigentümerfamilie Wirtz zur Kasse zu bitten, indem man sagt, 30 Prozent des jährlichen Gewinns, den alle Firmen dieser Familie machen, müssen in die Contergan-Stiftung eingehen, damit dafür nicht nur Steuergelder aufgewendet werden. Das wäre ein angemessener Schadensausgleich.

In der Kritik steht jetzt auch die Contergan-Stiftung. Betroffenenvereinigungen beklagen, dass die Opfer nicht genug eingebunden werden.
Auch wir meinen, dass die Contergan-Stiftung in die Hände und notfalls auch in die Füße der Betroffenen gehört und nicht in die Hände der Ministerialbürokratie.

Mit einer Rentenanhebung geht die Befürchtung einher, dass die Stiftung die Leiden der Betroffenen seltener anerkennen wird. Teilen Sie die Sorge?
Das wird sich zeigen. Es gibt ja medizinische Kriterien dafür. Und für den Fall, dass die wirklich sehr restriktiv ausgelegt werden sollten, muss man selbstverständlich ganz energisch nachsteuern. Wir als LINKE werden die Entwicklung genau beobachten und notfalls auch strafrechtliche Schritte ins Auge fassen.

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