Kampf um Silvio Meier-Straße gewonnen

Nach jahrelangem Einsatz erhält eine Straße in Berlin den Namen des von Neonazis ermordeten Antifaschisten Silvio Meier

1992 wurde der 27-jährige Antifaschist und Hausbesetzer Silvio Meier in Berlin-Friedrichshain von Rechten ermordet. Am heutigen Freitag wird, nach langem Disput mit dem Bezirk und einer gescheiterten Anwohnerklage, unweit des Tatorts eine Straße nach ihm benannt.

Heute Abend wird die Gabelsbergerstraße in Berlin-Friedrichshain Geschichte sein. Bei einem Festakt um 18 Uhr werden in Anwesenheit der Familie von Silvio Meier die Straßenschilder mit dem Schriftzug Silvio-Meier-Straße enthüllt und der neue Straßenname eingeweiht. Der Abschnitt zwischen Rigaer Straße und Frankfurter Allee trägt ab sofort den Namen des 1992 von Neonazis ermordeten Antifaschisten und Hausbesetzers.

Vor genau einem Jahr hatte sich die überwältigende Mehrheit der auf einer Versammlung anwesenden Friedrichshainer Bürger für eine Straßenumbenennung entschieden. Zwei Monate später machte ein entsprechender Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) den Weg für die Silvio-Meier-Straße frei.

Eigentlich sollte es schon im letzten November zum 20. Jahrestag der Ermordung soweit sein, doch eine Klage verhinderte das. Der Betreiber eines Geschäfts fürchtete wirtschaftlichen Schaden durch die Umbenennung. Nicht zuletzt die Unterstützung der Klage durch den lokalen CDU-Verband ließ indes die politische Motivation des Einspruchs erkennen. Schließlich konnte der Mann von der rechtlichen Ausweglosigkeit seines Unterfanges überzeugt werden und zog seine Klage zurück.

Bis dahin war es ein weiter Weg. Von »offizieller Seite« wurde lange nichts unternommen, erinnert sich Beate Sund. Daher habe sie gemeinsam mit anderen im November 2010 die »Initiative für ein aktives Gedenken« gegründet. Ziel der Initiative, die von zahlreichen Friedrichshainer Gewerbetreibenden, Einzelpersonen und antifaschistischen Gruppen unterstützt wird, sei es von Anfang an gewesen, »politischen Druck« zu erzeugen: Endlich solle auch vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ein Zeichen gesetzt werden, das über »bloße Lippenbekenntnisse« hinausgehe, so Sund. Nach unzähligen Gesprächen mit Politikern, Besuchen von Ausschusssitzungen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie einer symbolischen Straßenumbenennung sei es den Aktivisten am Ende gelungen, die »maßgeblichen BVV-Fraktionen« zu überzeugen. Nun freuen sie sich sehr über die Silvio-Meier-Straße, sagt sie.

Rückblende zum Abend des 21.November 1992: Der 27-jährige Silvio Meier ist mit Freunden auf dem Weg zu einem Club in Berlin-Mitte, als sie in der Zwischenebene des U-Bahnhofs Samariterstraße auf eine Gruppe Neonazis treffen. Einer der Neonazis, er trägt einen Aufnäher mit der Aufschrift »Ich bin stolz, Deutscher zu sein« an seiner Jacke, rempelt einen der Linken an. Meier stellt ihn zur Rede und entfernt den Aufnäher. Die Gruppe setzt anschließend den Weg zur U-Bahn fort. Als sie feststellen, dass die Bahn bereits abgefahren ist, entschließen sie sich, ein Taxi zu nehmen. Zurück auf der Zwischenebene werden sie von den Neonazis mit gezückten Messern empfangen. Meier verstirbt noch im U-Bahnhof an seinen schweren Stichverletzungen. Lediglich drei der beteiligten Neonazis wurden zu Jugendstrafen zwischen acht Monaten und viereinhalb Jahren verurteilt.

Früh morgens klingelte es Sturm an seiner Tür, erinnert sich ein Freund und politischer Weggefährte in einem im vergangenen Jahr erschienenen Interview. Als er öffnete, stand weinend eine Freundin vor ihm, die an jenem Abend mit Meier unterwegs gewesen war. Sie konnte nicht mehr reden, die Polizei hatte »sie ganz alleine am frühen Morgen auf der Straße ausgesetzt, ohne sich um sie zu kümmern«.

Silvio Meier engagierte sich bereits in der DDR in linken Gruppen außerhalb des staatlichen Rahmens. Er war Mitbegründer der »Kirche von Unten« und bewegte sich um Umfeld der »Umweltbibliothek« in der Zionskirche in Prenzlauer Berg. Dort wurden unter anderem die oppositionellen »Umweltblätter« gedruckt. Im Dezember 1989 gehörte er zu den Besetzern des Hauses des bis heute bestehenden Projektes in der Schreinerstraße 47. Lange Zeit wurde die Erinnerung an Silvio Meier vor allem durch die jährliche Gedenkaktionen von Antifa-Gruppen aufrechterhalten. Ab heute hat sie ihren festen Platz im Friedrichshainer Stadtbild.

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