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Keine Strategie

Marcus Meier über Tarifverhandlungen in der Medienbranche

Von den ausgehandelten Honoraren lässt sich nicht leben, werfen Fotografen ihrer bisherigen Gewerkschaft ver.di vor. Mag sein, aber »mehr war und ist nicht drin!«, kontern die Damen und Herren Gewerkschafter. Die Auseinandersetzung um die neuen Vergütungsregeln für Zeitungsfotos zeigt: Ver.dis Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) hat keine Strategie, wie sie dem rapiden Einnahmeverlust von Fotografen und darüber hinaus anderer (freier) Medienschaffender begegnen kann. Gleiches gilt für die Konkurrenz vom Deutschen Journalisten Verband (DJV), der dem einschlägigen Schlichterspruch ebenfalls zustimmte.

Die Medienbranche ist seit langem ein wirtschaftsliberales Experimentierfeld. Immer weniger Journalisten, immer schlechtere Bezahlung und geringes Ansehen trotz immer anspruchsvollerer Qualifizierungsansprüche, Leiharbeit und Prekarität. Keine Trennung mehr zwischen Journalismus und PR (also Unternehmens- und Verbandspropaganda). Eine ungesunde Konkurrenz der freien Schreiber, die Geschichtchen zu Sensationen aufpeppen, um sie überhaupt verkaufen zu können ...

Geht das wirklich nur die unmittelbar Betroffenen an? Alle mal herhören: Echte Journalisten sind unverzichtbar! »Nutzer 2311« mag zwar Shitstorms im Internet auslösen können. Die Basis seiner Empörung bleiben aber klassische mediale Produkte, die irgendwer herstellen muss, der idealtypischerweise von seiner Arbeit auch leben kann. »Nutzer2311« schreibt nun mal keine geschliffenen Leitkommentare, hat vielleicht nicht immer Zeit und hat auch kein professionelles Equipment und das Gespür, um den richtigen Moment in einem qualitativ hochwertigen Foto festzuhalten.

Pressefreiheit sei die Freiheit von 200 reichen Männern, ihre Meinung zu veröffentlichen, wird gerne behauptet. Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Die andere, größere Hälfte erkannte Tucholsky: Zeitungen werden auch nicht anders hergestellt als Socken, und exakt zu dem selben Zweck. Und der Zweck lautet immer öfter »Gewinnmaximierung um jeden Spottpreis«, wie ein ver.di-Magazin bereits vor fünf Jahren feststellte. Durchaus richtig. Nur: Wo sind die Gegenstrategien?

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