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Ich denke, aber bin ich?

Neurowissenschaftler ergründen die evolutionären Ursprünge des Bewusstseins

Zum Kern unserer Persönlichkeit gehört bekanntlich ein stabiles Ich-Bewusstsein, das sich auch nach einer im Tiefschlaf verbrachten Nacht sofort wieder erneuert. Man öffnet die Augen und spürt: Ich bin noch immer ich! Etwas anderes würde gewiss auch niemand erwarten. Dabei ist die Tatsache, dass ein Mensch ein Leben lang das Empfinden hat, stets die selbe Person zu sein, keineswegs trivial, wie das Beispiel der bei Schizophrenie häufig auftretenden »dissoziativen Identitätsstörungen« zeigt. Die davon betroffenen Menschen haben, wenn sie denken und handeln, nicht das Gefühl, dass sie selbst es sind, die beides tun. Andere wiederum zeigen sich außerstande, die Grenzen ihres Ichs abzustecken. Die Aussage: »Hier bin ich und dort bist du« wird für sie daher zunehmend bedeutungslos.

»Das alles deutet darauf hin«, sagt der Bremer Neurobiologe Gerhard Roth, »dass das Ich-Gefühl wie alle Gefühle etwas mit dem Gehirn zu tun hat.« Doch ein neuronales Korrelat, sprich eine anatomische Struktur im Gehirn, die für das Ich-Bewusstsein zuständig ist, konnte bisher nicht gefunden werden. Allem Anschein nach gibt es eine solche Struktur auch gar nicht. Vielmehr wird das Bewusstsein heute als eine ganzheitliche Eigenschaft des Gehirns definiert, an deren Entstehen zahlreiche miteinander vernetzte Hirnareale beteiligt sind. Aus Sicht der Biologie sei eine solche großräumige Konstruktion durchaus zweckvoll, meint der US-Neurowissenschaftler Christof Koch. Denn sie verhindere, dass eine so zentrale »Instanz« wie das Ich durch eine örtlich begrenzte Verletzung des Gehirns ausgeschaltet werde. Zusammen mit dem britischen Medizinnobelpreisträger Francis Crick hat Koch in einem Modell zu erklären versucht, wie sich die verschiedenen sensorischen Aktivitäten zu einer einheitlichen Ich-Wahrnehmung verbinden - nämlich dadurch, dass die Neuronen in den entsprechenden Hirnrealen mit einer Frequenz von 40 Hertz synchron feuern.

Andere Hirnforscher folgen Crick und Koch zumindest soweit, als sie in synchronen neuronalen Aktivitäten eine notwendige (wenngleich keine hinreichende) Bedingung für das Auftreten bewusster Wahrnehmungen sehen. Zugleich halten sie es für ein Stück überflüssige Metaphysik, das Ich-Bewusstsein an eine immaterielle, nur dem Menschen zukommende Seele zu knüpfen, die sich einer naturwissenschaftlichen Erklärung prinzipiell entzieht.

Denn anders als der Philosoph René Descartes einst lehrte, besitzen auch Tiere, namentlich Menschenaffen, eine Art Ich-Gefühl, das unter anderem in der Fähigkeit zum Ausdruck kommt, sich selbst im Spiegel zu erkennen. Das legt den Schluss nahe, dass auch das Bewusstsein eine evolutionäre Geschichte hat. Doch was gab dafür den Anstoß?

Neuere Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich das Ich-Bewusstsein zuerst als Körperbewusstheit entwickelt hat, die es den Vorfahren des Menschen erlaubte, neue und effektive Bewegungstechniken zu erwerben, wie der Anthropologe Daniel Povinelli glaubt. Denn auch Menschenaffen seien nur dank der Entwicklung eines solchen Körperbewusstseins in der Lage, eine besondere Akrobatik beim Klettern zu entfalten. Will sagen: Das Ich-Bewusstsein war ursprünglich kein Wissen um die eigene Psyche. Es diente vor allem der Wahrnehmung des Körpers und dessen realer Aktivität in einer sich verändernden Umwelt. Psychologen bezeichnen das damit häufig verbundene Gefühl eines Individuums, Urheber der eigenen Handlungen zu sein, als »Sense of Agency«.

Erfahrungsgemäß müssen im Gehirn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, damit ein Mensch jenen »Sense of Agency« entwickeln und die von ihm ausgeführten Handlungen als seine Handlungen begreifen kann. Kinder beginnen gewöhnlich mit 18 Monaten, die Ich-Perspektive einzunehmen, die danach nicht wieder aufgegeben wird. Es sei denn, es treten besondere Umstände ein. Ein Beispiel: Erwachsene, denen man auf einem Video die eigenen Handbewegungen vorspielt, können diese ohne Schwierigkeiten als solche erkennen. Werden die Bewegungen allerdings zeitversetzt oder in falscher Reihenfolge dargeboten, empfinden die Probanden die eigene Hand oft als fremden Körperteil. Ähnliche Störungen des Ich-Gefühls sind auch für bestimmte Erkrankungen typisch und führen nicht selten dazu, dass die Betroffenen meinen, ihre Gedanken würden nicht dem eigenen Ich entspringen. Eines steht heute außer Zweifel: Das Ich ist keine autonome Befehlszentrale im Kopf, die alle mentalen Prozesse steuert. Es ist selbst »nur« ein Konstrukt des Gehirns, das dessen Träger befähigt, in der Außenwelt bewusst als Individuum zu agieren. Allerdings laufen die dafür verantwortlichen neuronalen Prozesse weitgehend unbewusst ab. Das Ich erliegt deshalb leicht der Illusion, dass es extra dazu bestimmt sei, dem Gehirn einen freien Willen zu verleihen.

Diese Selbstzuschreibung hat sich bewährt, obwohl aus Sicht der Evolution die vielfältigen Formen des Ich-Bewusstseins nur nützliche »Nebenprodukte« eines Gehirns sind, dessen Entwicklung ursprünglich ganz anderen, eher praktischen Zwecken diente. Auf ähnliche Weise hat der Mensch weitere geistige Fähigkeiten erworben. Nehmen wir als Beispiel die Mathematik, die unseren frühen Vorfahren noch gänzlich unbekannt war. In ihrem Gehirn entstanden aber schon damals multifunktionale neuronale Strukturen, die erst viel später in der Geschichte aktiviert wurden, um eine abstrakte und kognitiv folgenreiche Formelsprache zu erschaffen.

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