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»Tiere sind keine Ware«

Auf Lebenshöfen erhält das Vieh sein Gnadenbrot und die Freiheit, die ihm bislang vorenthalten wurde

  • Von Susann Witt-Stahl
  • Lesedauer: 4 Min.
Vor allem die Massentierhaltung wird von verschiedenen Tierrechtlern, Tierhaltern und sogar Tieressern beharrlich kritisiert. Initiativen, die die Haltung von Nutztieren zu wirtschaftlichen Zwecken grundlegend hinterfragen, gehen einen Schritt weiter und betreiben Tierasyle - Auffangstationen für aus Legebatterien und Ställen befreite oder freigekaufte Lebewesen.

Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zuletzt die Geschichte der lückenlosen Ausbeutung der Natur - und des Widerstands dagegen. Die moderne Tierschutzbewegung entstand nicht zufällig im Mutterland der Industrialisierung. 1824 wurde sie in Großbritannien mit der Gründung der weltweit ersten Tierschutzorganisation »Society for the Prevention of Cruelty to Animals« aus der Taufe gehoben. Ihre vorwiegend aus dem Bürgertum stammenden Initiatoren hatten sich aber nur auf die Fahnen geschrieben, die zu Ware und Produktionsmitteln verdinglichten Tiere vor »unnötiger« Quälerei und allzu roher Behandlung zu bewahren. Sie richteten Tierheime für »herrenlose« Haustiere ein, wie sie bis heute von Tierschutzvereinen betrieben werden.

Diese Institutionen gelten als Vorläufer der Tierasyle und Lebenshöfe. Deren Träger sind allerdings weniger von bürgerlichen als von sozialistischen Weltanschauungen beeinflusst. Es gibt noch eine »›geheime‹ - vergessene, verdrängte - Geschichte«, schreibt der Philosoph Matthias Rude in seinem Buch »Antispeziesismus«. Der Begriff bezeichnet die Ablehnung jeglicher mit der Gattungszugehörigkeit begründeten Unterdrückung von Lebewesen.

Blick auf die geschundene Kreatur

Angehörige der ausgebeuteten Klassen, die im 19. Jahrhundert in den Bergwerken und Manufakturen schufteten, hätten, so Rude, Gemeinsamkeiten in den Kämpfen für die Befreiung des Menschen und der Tiere entdeckt und einen Blick auf die geschundene Kreatur entwickelt, »der von Identifikation und Solidarität geprägt war«.

Der Marxist und Mitbegründer der Kritischen Theorie Max Horkheimer knüpfte Anfang der 1930er Jahre an diese, fast verloren gegangene revolutionäre Perspektive an. In seinem Aphorismus »Der Wolkenkratzer« werden Tiere als Geknechtete und Ausgebeutete reflektiert: »Unterhalb der Räume, in denen millionenweise die Kulis der Erde krepieren«, so der Sozialphilosoph Horkheimer, befinde sich die »Tierhölle« - ein gigantischer Schlachthof, der das Fundament der Bausünde bildet, die bis heute Denkmal des vorerst gescheiterten Zivilisationsprozesses ist.

Horkheimers »Wolkenkratzer« ist ein Vorschein des Paradigmenwechsels, den ein Teil der Linken ab Ende der 1970er Jahre vollzog und in dessen Kontext die Entstehungsgeschichte von Tierasylen und Lebenshöfen zu verstehen ist.

Mit diesen Einrichtungen verfolgt die sich aus dieser Linken rekrutierende Tierbefreiungsbewegung, gemäß ihrem prägnantesten Slogan »Tiere sind keine Ware!«, den Zweck, möglichst viele Tiere jeglicher Inwertnahme, Be- und Vernutzung zu entziehen. - wenn nötig, durch nächtliche Befreiungsaktionen in Legebatterien und Ställen.

»Am Anfang war eine Vision, ein Gedanke, vom Menschen verfolgte Tiere aufzunehmen, zu beschützen und ihnen bis an ihr natürliches Lebensende das ›Gnadenbrot‹ zu geben - ein Lebenshof als ein Signal voller Gefühl an eine Gesellschaft, in der Tiere kaum eine Überlebenschance haben«, ist im Selbstverständnis des 1996 gegründeten Vereins »Free Animal« zu lesen, der sich zum Ziel gesetzt hat, die wirtschaftliche Existenz von Tierasylen zu sichern und derzeit fünf Projekte in Deutschland und Spanien unterhält. Dazu gehören der Hof »Endstation Hoffnung« für alte, kranke und behinderte Hunde - alle, »die keinen Platz in der Gesellschaft haben, weil sie anders sind«.

Die Betreiber des »Antitierbenutzungshofes« im Bayerischen Wald - zurzeit leben hier 36 Tiere, darunter Hühner, Gänse, Schweine - formulieren eine noch offensivere Fundamentalkritik an der Tierverwertung: »Wir möchten Tieren keine ›Gnade‹ entgegenbringen, sondern ihnen ein Stück der Freiheit und Selbstbestimmung zurückgeben, die ihnen bislang vorenthalten wurden.« Ziel der »Antitierbenutzer«, die sich auch als Antispeziesisten verstehen, ist die »Befreiung der Tiere aus der Sklaverei«.

Ein Trend in den Industriestaaten

Heute gibt es Tierasyle - in der englischsprachigen Welt heißen sie »Sanctuaries« oder »Shelters« - in nahezu allen Industrieländern auf dem Globus. Eine Hochburg mit weit über hundert solcher Einrichtungen bilden die USA, wo 1865 mit den Union Stock Yards das erste hoch technisierte Schlachthofzentrum gebaut worden war - ein Ort, der vom »Anblick, Klang und Geruch des Todes in monumentalem Ausmaß« beherrscht wurde, wie der Historiker James Barrett schrieb.

Aber auch in den Schwellenländern entstehen nach und nach Zufluchtsstätten für Tiere jenseits der rücksichtslosen Industrialisierung: Schon seit den 1970er Jahren existieren in Indien am Rande fast jeder Metropole sogenannte Goshalas, Futter- und Pflegestationen für Rinder, die vorher auf den Straßen lebten und durch zunehmenden Verkehr und Umweltverschmutzung aus den Städten vertrieben wurden.

Selbst in dem seit seiner Gründung von Kriegen erschütterten und kleinen Land Israel gibt es eine sehr umtriebige Bewegung, die Sanctuaries für Hunde und Katzen unterhält oder unterstützt. Die Eröffnung eines Hofes für Tiere, die aus der Fleisch-, Milch-, Eierproduktion stammen, werde diskutiert, berichtet der israelische Tierbefreiungsaktivist Yossi Wolfson. »Diese Asyle sind sehr wichtig, um dem einzelnen Tier effektiv individuelle Hilfe zu geben. Das wird manchmal im Zuge der großen Kämpfe für einen Systemwechsel vergessen.«

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