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Der geplante Misserfolg

»Besser scheitern« - Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg

Scheitern, das ist mehr denn je ein Thema unserer Zeit. An den gesellschaftlichen Leitmotiven des neoliberalen Zeitgeistes zerschlägt so mancher, ob stresskranker Manager oder depressiver Langzeitarbeitsloser. Längst hat sich Leistung als gesamtgesellschaftliches Leitbild etabliert. Schnell, kreativ, individuell und flexibel - diese Anforderungen der Chefetagen sind mittlerweile bei den Jobcentern angekommen. Die Performance entscheidet. Wer den selbst gesteckten Zielen nicht genügt, auf den wartet die Depression.

Die Aktualität des Themas versucht die Ausstellung »Besser scheitern« in der Hamburger Kunsthalle hervorzuheben. Dabei beruft man sich unter anderem auf Richard Sennett, der das Scheitern als eines der großen Tabus unserer Zeit beschreibt. Doch wo der amerikanische Soziologe das Verzweifeln am neuen Arbeitsethos und Verunsicherungsgefühle einer in zwei Klassen zerfallenden Mittelschicht meint, fokussiert die Ausstellung den Blick auf die Künstlerindividualität. In einem Rückblick auf eine Behandlung des Themas seit den 1960er Jahren dominiert die Thematik der Künstlerin oder des Künstlers im unmittelbaren Erleben der eigenen Unzulänglichkeit. Es dominieren die Defizite des Materials, Probleme in der Relation zu Medium oder Publikum und die alte Unmöglichkeit, den Göttern gleich, etwas Lebendiges zu erschaffen. Uninteressant ist die kuratorische Auswahl deshalb jedoch nicht.

Zentral ist wohl die Arbeit von Bas Jan Ader. Der in den 1970er Jahren in Los Angeles lebende Künstler beschäftigte sich in seiner kurzen Schaffensphase intensiv mit dem Versagen, dem Scheitern, dem Fallen. Ob der geborene Niederländer ausgerechnet mit dem Holland-Rad in eine Gracht fährt oder vom Dach stürzt - seine geplanten Misserfolge verkörpern ein Kranken an Herkunft und ein Verzweifeln am Leben. Ader sollte auf der »Suche nach dem Wunderbaren« im wahrsten Sinne des Wortes Schiffbruch erleiden. 1975, im Alter von 33 Jahren, stach der erfahrene Segler zum transatlantischen Rekord in See. Seitdem gilt er als verschollen. Er hinterließ ein knappes und doch kunstgeschichtlich bedeutsames Werk.

Doch nicht immer muss das Scheitern in Tragödien enden. Aus der Niederlage kann sich, wie die Ausstellung betont, »ungeahnt Neues« entwickeln. Ein Video der Britin Tracey Emin, »Why I never became a dancer«, offenbart ein dunkles Kapitel aus ihrer Jugend im englischen Margate. In einem Tanzwettbewerb versuchte die Künstlerin, der Kleinstadtenge und sexueller Ausnutzung durch ältere Partner zu entfliehen. Als sie von jenen während der Vorauswahl zum British Disco Dance Championship im Chor als »Nutte« beschimpft wird, zerbricht ihr Traum. Später, als erfolgreiche Künstlerin, rächt sie sich mit dem Video, das sie trotzig tanzend ihren Peinigern widmet.

Der in Mexiko lebende Belgier Francis Alÿs inszeniert den modernen Sisyphos als homo ludens. Ein Junge kickt eine Plastikflasche einen Hang auf stetige Wiederkehr hinauf. Ein VW Käfer fährt unermüdlich einen Berg hinauf, ohne den Gipfel je zu erreichen. Eine hintergründige Analogie auf das Schwellenland. Eher beiläufig erscheint eine Arbeit, in der sich Alÿs auf einem Markt für Tagelöhner neben Klempnern und Anstreichern als »Tourist« feilbietet. Das Scheitern des Touristen als Produktivkraft verweist auf die Abträglichkeit westlichen Konsumismus in einer globalisierten und ungleich aufgeteilten Welt.

Viele der Arbeiten sind Klassiker der Kunstgeschichte. In Videos kämpft sich Marina Abramović am Schönheitsideal ab, John Baldessari versucht, einer Pflanze das Alphabet beizubringen, Vito Acconci flirtet mit der Kamera. Man gibt sich stilsicher und geht das beschworene »nötige Wagnis« des Scheiterns selber eher nicht ein. Mit einer wenig experimentellen Auswahl von Arbeiten des Mainstreams bleibt die Umsetzung des Themas unterhalb der Möglichkeiten. Kaum ein Werk setzt sich mit der sozialen Realität des Scheiterns wirklich auseinander. Selbst vom gesellschaftlich engagierten Christoph Schlingensief kommt »Siegfrieds Sturz«, ein versinnbildlichter Bühnenunfall. Anstatt »Chance 2000«, seiner Arbeit mit Behinderten und sozial Abgehängten, zeigt man Künstlerpech als memento mori. Das ist zwar konsequent, riecht aber nach warmer Stube. Dass keiner der erfolgreichen Künstler selbst als gescheitert gelten kann, bleibt unterschwellig Ironie.

Hamburger Kunsthalle, bis 11.8.; Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr.

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