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Die Ruhe der Patriarchen

Uli Hoeneß und die Gleichmacherei

Vor Gericht gilt unter anderem das Prinzip der Schadenshöhe zur Bemessung des Strafmaßes. Jenes Maß steigt im Strafprozess je nach materiellem Wert des Zankapfels - also der Menge veruntreuten Kapitals oder des Umfanges des Schwarzgeldkontos. Ein einleuchtendes Prinzip, das man gerne auf gesellschaftliche Debatten in Medien und Internetforen übertragen sähe. Würde dies geschehen - Ulla Schmidt zum Beispiel wäre uns als Ministerin und nicht als Dienstwagenfahrerin in Erinnerung. Christian Wulff wäre noch im Amt. Zwei Beispiele, bei denen die mediale (Höchst-)Strafe von der lächerlichen Schadenshöhe entkoppelt wurde. Wäre jene Schadenshöhe im Fall Uli Hoeneß der Maßstab, so würde man nun auch nicht in der »Bild«-Zeitung lesen müssen, dass wir doch »alle ein bisschen Hoeneß sind«. Wären wir dies, die materielle Umverteilung wäre endlich abgeschlossen.

»Bild« macht dieser Tage in jedem fünften Deutschen einen mit Hoeneß vergleichbaren Steuerhinterzieher aus, ob er nun ein pralles, illegales Konto hat oder sich schwarz die Wohnung malern lässt. Die Unterschiede beim durch den Einzelnen verursachten gesellschaftlichen Schaden so dreist zu missachten, ist Teil einer gleichmacherischen Tendenz: Skandale völlig unterschiedlicher Kategorien werden auf die selbe Stufe gehoben.

Das Prinzip ist einfach: Zu Ulla Schmidts Urlaub mit Dienstwagen wurden mehr Schlagzeilen produziert als zur heute vergessenen RWE-Korruptions-Affäre von 2004. Christian Wulffs mutmaßliche Fehlleistungen (Schadenshöhe: ca. 1000 Euro) oder auch Peer Steinbrücks Honorare stellten das Volumen der Berichterstattung über echte Skandale zum Beispiel im Zuge der Immobilienkrise (Schadenshöhe: unvorstellbar) teilweise noch in den Schatten. Oft - und auch im Zusammenhang mit Wulff - wird dann die moralische Dimension ins Feld geführt. Die kann man sich zurechtdehnen wie ein Kaugummi, was vor allem die unterbeschäftigten Forenhetzer im Internet freut.

Auch im Fall Uli Hoeneß sollte die Moral vor den Fakten zurückstehen. Hoeneß ist ohnehin ein eher schlechtes Beispiel, will man den Prototyp des schweren Steuerbetrügers beschreiben. Als Spekulant ist er ein relativ kleiner Fisch. Und immerhin zählt er nicht zu der grauen Kaste von Geldverwaltern, die unsichtbar ein groteskes Finanzsystem verteidigen, in dem sie sich zudem noch fachlich als Versager erwiesen haben. Hoeneß hat mit dem FC Bayern ein so wundervoll glamouröses wie herrlich verachtenswertes Reizobjekt geschaffen. Er ist im Gegensatz zu den lichtscheuen Buchhaltern und Bankern unterhaltsam, charismatisch, ja: ein Heuchler - aber einer, der Funken sprüht.

Alles keine Gründe für Nachsicht. Doch es ist unbestreitbar, dass der umtriebige Wurstfabrikant die Menschen teilweise durchaus positiv anregt - und sei es nur durch kurzweiligen, fußballmotivierten Hass. Darum wird Hoeneß weiterhin eine begehrte Medienperson bleiben. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, im Gegenteil. Die Resozialisierung steht jedem offen. Zuvor sollte die angemessene Strafe sachlich vor Gericht verhandelt, anschließend konsequent vollstreckt werden. Nach der Story des Geläuterten aber leckt sich RTL wahrscheinlich schon die Lippen: Hoeneß, der unrasiert nach kurzem Gefängnisaufenthalt seine Schweizer Millionen an Amnesty spendet, um dann ganz »Abteilung Attacke« sein neues/altes Leben aufzunehmen.

Eine Variante, die Christian Wulff verwehrt bleibt. Denn von welcher Schuld sollte er geläutert werden, wenn es keine Vorwürfe mehr gibt? Welche Millionen sollte er spenden, wenn er nichts veruntreut hat? Und welche Medien sollten für ihn sprechen - müsste doch mit einem Comeback Wulffs die eigene, zweifelhafte Rolle bei seiner Absetzung reflektiert werden. Darum: Gerade wenn strafrechtlich alles zusammenbrechen sollte - oft noch werden wir von Wulffs »katastrophalem Krisenmanagement« hören. Das kreiden manche Medien gerne denen an, die sie gerade fälschlich in der selbstgefälligen Mangel hatten.

Uli Hoeneß kann man kein kopfloses Management vorwerfen. Es ist lehrbuchhaftes medienstrategisches Vorgehen, wie er gleichzeitig schweigt und öffentlich die Verbündeten in Stellung bringt, während die Anwälte Abmahnungen verschicken. Parallel werden ohne Rücksicht auf Manieren und Verluste Nebelkerzen à la Mario Götze gezündet. Die Mannschaft ist Teil der bayerischen Verschwörung und hat extra vier Tore geschossen - was der BVB gottlob zu relativieren wusste.

Hoeneß wird ohnehin nie den gehetzten Eindruck machen wie Wulff bei der Jagdsaison. Schon allein, weil er körperlich stabiler beschaffen ist. Wahrscheinlich braucht ein echter, in sich ruhender Patriarch einfach seine Pfunde auf den Rippen. Und die vergrabene Schatztruhe: das Parallelvermögen in der Schweiz, das es erlaubt, vom in Deutschland verbliebenen Rest großzügig zu spenden, die Steuer darauf penibel zu entrichten. All diese karitativen Aktivitäten von Hoeneß erfahren durch das neue Wissen zumindest eine herbe Relativierung.

Christian Wulff hatte offensichtlich keine Schatztruhe vergraben, sonst wären Häuschen-Kredit und Mailbox-Harakiri nicht nötig gewesen. Der Mangel an großem geheimem Geld als Ruhepol, doch eigentlich ein moralischer Vorteil, wendet sich hier gegen Wulff. Er wurde als »Schnäppchenjäger« gebrandmarkt, weil ihm die Unberührbarkeit, die großes Geld verleiht, fremd war. Wäre er so reich wie seine reichen Ex-Freunde, niemand hätte es anrüchig gefunden, dass er mit ihnen in Urlaub fährt.

Die Verbindung von selbstlosem Blendwerk und schwarzen Konten ließ sich bereits bei Helmut Kohl beobachten. Der versetzte sich durch Schwarzgeld in die machtvolle Position des Herrn der Kriegskasse. Wer in der Partei eine Kampagne zu finanzieren hatte, musste beim Oggersheimer mutmaßlich zu Kreuze kriechen. Dennoch wird Kohl bis heute zugute gehalten, er habe keinen persönlichen Nutzen aus dem kriminellen Labyrinth der CDU geschlagen.

Doch Schwarzgeld sorgt nicht nur für Macht und Entspannung, es kann auch unterschwellige Sorge vor Enttarnung auslösen. Einen nagenden Stress, den Kohl und Hoeneß jahrelang unter ihren Fettpolstern verbargen, wie dies nur echte Patriarchen schaffen.

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