Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Über den Kirchturm hinaus

Bahn- und Fluglärmgegner demonstrieren gemeinsam in Mainz

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.
Viele Jahre interessierten sich Menschen nur für den Lärm vor ihrer Haustür. Inzwischen vernetzen sich die lokalen Protestinitiativen aber überregional. Heute gehen erstmals Fluglärmgegner aus verschiedenen Städten und Bahnlärmgegner gemeinsam auf die Straße. Vor den Septemberwahlen in Hessen, Bayern und im Bund ist der Zeitpunkt für Druck auf die Politik günstig. Umweltexperten nehmen aber die Bürger in die Pflicht: Expresslieferungen von Amazon über Nacht – das gehe eben nicht ohne mehr Verkehr.

Ein Dachziegel brachte dem Abgeordneten Hermann Schaus im Wiesbadener Landtag einen Ordnungsruf des Präsidenten ein. Er hatte diesen drei Kilo schweren Stein am Donnerstag in den Plenarsaal »geschmuggelt« und hielt ihn in der Debatte um den Flughafenausbau im Rhein-Main-Gebiet demonstrativ hoch. Der LINKE-Politiker wollte damit deutlich machen, dass der Flughafen den Anwohnern nicht nur Lärm und Abgase von oben beschert, sondern auch handfeste Gefahren für Leib und Leben. In den betroffenen Städten Flörsheim und Raunheim am Main hatten durch anfliegende Jets ausgelöste Luftverwirbelungen - sogenannte Wirbelschleppen - mehrfach Dachziegel gelöst. Die Teile prallten auf Dächer, Straßen und Gärten. Vor Kurzem holte eine einzige Wirbelschleppe über 50 Ziegel vom Dach und zerstörte am Haus gegenüber ein Vordach. Nur durch Glück wurde keines der Kinder verletzt, die wenige Meter entfernt spielten. Luftwirbel hatten bereits Ruderer auf dem Main überrascht.

Eine »volle Kausalität« zwischen Wirbelschleppen und Gebäudeschäden wollte Hessens Verkehrsminister Florian Rentsch (FDP) dennoch nicht erkennen. So blieb die Linksfraktion mit der Forderung nach Stilllegung der 2011 in Betrieb genommenen Nordwestlandebahn am Frankfurter Flughafen und einer Änderung der Anflugwinkels chancenlos.

Die Angst vor solchen Luftverwirbelungen kann Roger Treuting aus Groß-Gerau gut nachvollziehen. Als er jüngst im Regionalfernsehen einen Bericht aus der betroffenen Straße in Flörsheim sah, erkannte er frühere Nachbarn wieder. Er selbst hat jahrelang wenige Häuser weiter gewohnt. Seit den 1980er Jahren ist er gegen den Flughafenausbau aktiv und im regionalen Aktionsbündnis gegen Fluglärm verwurzelt. Die Gegner des Großflughafens haben jahrelang vor Wirbelschleppen gewarnt. Nun seien sie »praktisch erfahrbar«, meint Treuting. Als Friedhofsgärtner in Rüsselsheim nimmt er auch den Lärm besonders wahr. Nicht nur, weil sich Trauergemeinden von den Jets belästigt fühlen. »Bei der Arbeit im Freien müssen wir genau auf Maschinengeräusche achten«, so Treuting: »Der hohe Lärmpegel erschwert dies.«

Wenn diesen Sonnabend in Mainz erstmals mehrere tausend Fluglärmgegner aus dem Rhein-Main-Gebiet und Bahnlärmgegner aus dem Mittelrheintal gemeinsam auf die Straße gehen, ist Treuting mit dabei. Er legt Wert darauf, dass die Bewegung »nicht als Bittsteller auftritt, sondern der Politik klarmacht, was wir wollen«. Für den Schulterschluss zwischen Flug- und Bahnlärmgegnern ist Mainz der geeignete Ort. Zusätzlich zu den Flugzeugen donnern hier an beiden Rheinufern Tag und Nacht schwere Güterzüge durch Wohngebiete. Für Jochen Schraut ist es eine Horrorvorstellung, dass ab 2017 auf der internationalen Achse von Genua nach Rotterdam noch viel mehr Züge passieren sollen. Der Architekt ist Vorsitzender eines Vereins gegen Fluglärm mit rund 2000 Mitgliedern und leidet darunter, dass ab 5 Uhr früh schwere Maschinen mit 80 Dezibel nur 700 Meter über die Mainzer Oberstadt hinweg fliegen. Der Lärm beeinträchtigt den Schulunterricht seines Sohnes, Immobilien drohten bis zu 30 Prozent Wertverlust, beklagt Schraut. Bei jeder Wohnungsbesichtigung fragten Interessenten: »Wie laut ist es hier?«

Motor der regionalen Protestbewegung ist die Wiesbadenerin Ingrid Kopp. Seit 14 Jahren koordiniert sie neben ihrer Arbeit im eigenen Bauplanungsbüro die Aktivitäten von über 80 lokalen Fluglärminitiativen. Ihr eigenes Haus liegt noch relativ ruhig. Den Anstoß für ihr Engagement bildete vor 15 Jahren ein Besuch bei lärmgeplagten Bekannten in Raunheim. »Das ist dort die Hölle«, stellt sie fest.

»Wir haben nur eine Chance, wenn wir viele sind«, ist Ingrid Kopp überzeugt. Vor den Septemberwahlen in Hessen, Bayern und im Bund sei der Zeitpunkt für verstärkten Druck auf die Politik günstig. Sie hat im Laufe der Jahre enge Kontakte zu Fluglärminitiativen in Düsseldorf, Köln-Bonn, Berlin, Leipzig-Halle und München geknüpft und freut sich, dass inzwischen auch Initiativen gegen Straßenlärm in Mainz mit dabei sind.

Von beschränkter »Kirchturmspolitik« ist bei Aktivisten wie Kopp, Schraut und Treuting nichts zu spüren. Sie denken weiter. So will Treuting generell die Transporte in der Luft, auf Straßen und Schienen um ein Viertel drosseln. Dafür spricht aus seiner Sicht schon der aktuelle Auslastungsgrad: »Die Flieger sind im Schnitt nur zu 75 Prozent ausgelastet, faktisch ist jede vierte Maschine leer.« Widersinnig seien auch Pferdefleischtransporte durch ganz Europa. Schraut will Kurzstreckenflüge auf geräuschärmere Personenzüge verlagern. Ihre Erfahrungen und Ideen können die Aktivisten nach der Demonstration bei einem Grillfest austauschen. Es soll dem gegenseitigen Kennenlernen dienen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln